Wink mit dem Zaunpfahl, das war mein einziger Gedanke nach der ersten Halbzeit. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, da fordert FK, das Tor notfalls "mit dem eigenen Leben zu verteidigen" und da gewinnt die Mannschaft erstmal 36% der Zweikämpfe. Also noch weniger kann man die Vorgaben des Trainers einfach nicht umsetzen. Und insgesamt konnte die Mannschaft nicht deutlicher aufzeigen, was in diesem Verein schiefläuft. Wenn man sieht, was unsere Defensive da veranstaltet kann man eigentlich nur sogar noch hoffen, dass die Mannschaft gegen den Trainer gespielt hat, was nicht heißen soll, dass das Mittelfeld in irgendeiner Weise besser war. Bittencourt wirkte von den Feldspielern noch am ehesten "(stets) bemüht", Augustinsson würde von mir auch noch ne 5 bekommen...ansonsten für mich eine geschlossen desolate Mannschaftsleistung. Also wenn man sich da nicht absichtich den Anweisungen von FK widersetzt hat würde ich, so fies es auch klingen mag sagen, man sieht die Handschrift von FK: Vorne schiebt man sich die Bälle zu, 85% Passquote, 60% Ballbesitz, die Defensivarbeit scheint unwichtig zu sein und dazu die besagte Zweikampfquote. Ganz ehrlich: Nach 15 (!) Spieltagen hat er erkannt, dass man ohne Kampf in der Bundesliga keinen Blumentopf gewinnt (und selbst da bin ich mir nicht sicher...wahrscheinlich glaubt er immer noch, dass man nur im Abstiegskampf kämpfen muss um ein Spiel erfolgreich zu gestalten), da kommt dann auch irgendwo der Laptoptrainer in ihm durch. Sinnbildlich auch, wie Klaassen den Zettel mit FKs Anweisungen direkt vor die Mainzer Trainerbank wirft...also wenn das Absicht war kann man sich nur fragen: "Was war denn das bitte?". Das ist doch keine Basis für eine Zusammenarbeit mehr, auch wenn man weder Klaassen suspendieren, noch FK rauswerfen wird.
Es würde mich auch interessieren, was in der Halbzeit in der Kabine passiert ist: Wenn wir uns nicht auf absolut bescheidenem Niveau stabilisiert hätten und Mainz noch 1-2 klare Chancen mehr genutzt hätte wäre das nämlich noch übler ausgegangen. Aber womöglich lag es eher noch daran, dass in der 27. Minute Sahin ausgewechselt wurde...ich musste mir schon die Augen reiben als ich gesehen hab, dass FK mal früh reagiert...
Um nochmal auf das Thema "Wink mit dem Zaunpfahl" zurückzukommen: Selbst der Sky Kommentator hat schon erkannt, dass Bargfrede unser einziger Abräumer und dazu extrem verletzungsanfällig ist und selbst wenn die Einstellung heute kaum hätte schlimmer sein können, so ist doch mittlerweile offensichtlich, dass unsere Spieler nicht nur langsam und lauffaul (Mentalität?) sind sondern auch physisch nicht dem BL-Alltag gewachsen sind, völlig egal ob das Ziel nun EL oder Abstiegskampf heißt. Auch dass vorne ein Abnehmer für Flanken fehlt wurde schon vom Kommentator (!) bemängelt.
Symptomatisch auch, dass am Ende wenig gepfiffen wurde...in der Ostkurve wurde wie immer gefeiert und von den Leuten die hätten pfeifen können hatte die Hälfte schon zuvor das Stadion verlassen. Aber der Stoll fands bestimmt klasse.
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Das, was gestern im Weserstadion zu sehen war, wir in vielen Belangen stümperhaft. Doch das was Du hier so zutreffend geschildert hast, ist letztlich die Quittung für eine völlig verkorkste strategische Ausrichtung mit den daraus resultierenden Fehlern.
Mit dem stets von ihnen gepriesenen offensiven Markenkern glaubten und glauben die Verantwortlichen, allein mit spielerischen Mitteln eines attraktiven Offensivfußball zum Erfolg kommen zu können. Demzufolge fiel auch entsprechend die Kaderzusammenstellung aus. In die Offensive bzw. in den spielerischen Mittel wurde viel Geld investiert, die Absicherung nach hinten dagegen behandelt wie ein ungeliebtes Stiefkind; mit Ausnahme des ohnehin verletzungsanfälligen Bargfrede verfügt der Kader über keinen Defensivspieler, der den Bereich zwischen Mittellinie und eigenem Tor zu einem Schmerzzentrum für den Gegner machen kann und die Innenverteidigung ist für den heutigen Fußball zu klein, zu schmächtig und zu langsam - und zu allem Überfluß gehören zu den ohnehin zu vielen Spielern mit hohem Verletzungsrisiko der größte Teil zur Defensive (Augustinsson, Bargfrede, Langkamp, Moisander, Toprak). Das im modernen Fußball eine ausgewogene Balance von Offensive und Defensive erforderlich ist, interessiert den Entscheidern offenbar nicht die Bohne, sie halten ihren Werder-Weg für den einzig wahren und richtigen - und damit ihnen keiner ihre feuchten Träume in der Form von mahnenden Hinweisen nehmen kann, werden die Schlüsselpositionen auch nur noch mit langjährigen Werderanern besetzt, die sich ebenso betriebsblind sich vor den Anforderungen und Entwicklungen des Fußball verschlossen haben.
Daß Fehlentscheidungen getroffen werden, ist menschlich und kann passieren. Doch bei Werder passen die Vorstellungen, Strategien und daraus resultierenden Umsetzungen schon zu Beginn dieses Jahrzehnts nicht mehr zu den Gegebenheiten des Fußballsports. Diese jahrelangen Fehleinschätzungen sind auch daran zu erkennen, daß durch diese Nichtanpassung an den Anforderungen des modernen Fußballs in dieser Dekade eine über einen längeren Zeitraum kontinuierliche Weiterentwicklung unterminiert wurde; dementsprechend waren diese Jahre davon geprägt, daß einem Aufschwung früher oder später wieder ein jäher Absturz folgte (die nachstehende Übersicht hatte ich bereits am Montag im FK-Thread gepostet):
2010/11 Platz 13 nach Platz 3 im Vorjahr
2011/12 Platz 5 in der Hinrunde Rang 15 in der Rückrunde = am Ende 9.
2012/13 nach Platz 9 im Vorjahr nur 14.
2014/15 von Platz 12 im Vorjahr zwischenzeitlich 18. Platz gefallen, am Ende 10.
2015/16 nach Rang 10 des Vorjahrs auf Platz 16 gestürzt,Saisonende auf Platz 13
2016/17 von Platz 13 Absturz auf den 18, Platz, am Ende 8.
2017/18 Fall von Rang 8 auf zwischenzeitlich 17, Saisonabschluß 11. Platz
2019/20 nach Platz 8 im Vorjahr z.Zt. auf Platz 15.
Unterm Strich steht Werder mittlerweile im 10. Jahr ähnlich schlecht da, wie zu Anfang dieser Dekade. Heute eigentlich sogar noch schlechter, denn so viele Gegentore/Spiel wie derzeit hatten wir in den vorherigen Jahren nicht, obwohl wir uns seinerzeit oft eifrig um den Titel Schießbude der Liga bewarben.
Bei einer solchen Entwicklung sollte man eigentlich über so viel Selbstreflektion verfügen, sein eigenes Denken und Wirken selbstkritisch zu hinterfragen. Im Elfenbeinturm am Osterdeich scheint man dies jedoch nicht für möglich geschweige denn für nötig zu halten, so daß es auch nicht wirklich verwunderlich ist, daß die Resultate eher schlechter als besser werden. Diese Kombination aus Betriebsblindheit und Realitätsverweigerung ist keine Fahrlässigkeit mehr, sondern schon Vorsatz.