Die WM ist das wichtigste Turnier für Fußball-Nationalmannschaften. Wie man hier von einer Stichprobe reden kann, ist äußerst schleierhaft,
weil die wichtigkeit nichts an der quantität der spiele ändert. es geht dabei um rein rational, mathematische dinge.
zumal der Vergleich der Modi von Vereinsligen und Turnieren einer mit Äpfeln und Birnen ist.
den unterschied habe ich selbst ja herausgestellt.
und umso wichtiger ist die mithereinnahme der birnen um zu erkennen, ob eine aussage über entwicklungen im fußball, so allgemein wie sie getroffen wird, überhaupt gültig ist.
nur der FC Barcelona mit seinem Ballbesitzfußball auch den nationalen Pokal gewinnen konnte, die Sieger in England und Deutschland hießen dagegen Chelsea FC und Eintracht Frankfurt und diese beiden Clubs sind nun wahrlich nicht für Tiki-Taka bekannt.
gerade da zeigt sich nun ja wieder das typische phänomen der einzelfälle und der geringeren aussagekraft aufgrund höherer einflussnahme von glück und pech.
und: eintracht frankfurt hatte auf seinem weg ins finale folgende ballbesitzwerte:
gg erndtebrück: 41 %
gg schweinfurt:
59 %
gg heidenheim:
70 %
gg mainz:
59 %
gg schalke:
55 %
gg bayern: 23 %
man hatte in 4 von 6 spielen teilweise deutlich mehr ballbesitz als der gegner. im finale gegen bayern gibt es ein chancenverhältnis von 10:6 für die bayern. das ist ein spiel, dass sie in 7 von 10 fällen verlieren. mindestens. und all das soll als beweis dienen, dass "ballbesitzfußball" überholt ist? ich denke nicht.
Apropos Manchester City: erinnere dich doch mal bitte an das CL-Viertelfinale gegen Liverpool: dies war nicht nur das Duell zwei Clubs aus der PL, sondern auch auch der Systeme: Guardiola's Ballbesitzfußball gegen Klopps Kombination aus defensiver Grundordnung, diszipliniertem Verschieben sowie Pressing gegen den ballführenden Spieler. Trotz eines Ballbesitzes von 66% bzw. 68% verloren die Citizens in Anfield mit 0:3 bzw. das Rückspiel zuhause mit 1:2.
hast du die spiele gesehen? das ergebnis war hier fast absurd und liverpool unfassbar effektiv. auch da gilt es wieder: in einzelfällen funktioniert das, wenn die stichprobe größer wird, nicht mehr. siehe: liga. natürlich kann schneller umschaltfußball mit sehr wenig ballbesitz auch zu erfolgen führen. das ist doch klar. im schnitt sind aber weiterhin mannschaften klar erfolgreicher, die höhere ballbesitzquoten aufweisen. das war früher so, das ist heute so.
falls du es übrigens vergessen hast: liverpool stand auch im finale der championsleague. real gewann eben jenes finale. mit 66 % ballbesitz und einem chancenverhältnis von 9:4. ist das dann besagter beleg dafür, dass "ballbesitzfußball" nicht mehr funktioniert?
Woran hat es denn gelegen, daß der Ballbesitzfussball nicht gut umgesetzt wurde? Bei Jogis satten Weltmeistern von 2014 wäre (auch wenn ich ein Gegner von Hypothesen bin) auch mit einem anderen Fußball bei der WM 2018 nicht viel gerissen worden, aber das kann keine allgemeingültige Schablone sein. Es ist doch so, daß in der steten Weiterentwicklung des Fussballs sich die Gegner mehr und besser auf Tiki-Taka eingestellt haben? Ich hatte ja schon gestern das Spiel Kroatien gegen Argentinien genannt, wo die Kroaten mit einer klugen Raumaufteilung Messi isolierten, so daß seine Hinterleute ihn als Schaltstelle des argentinischen Spiels nicht anspielen konnten. Oder Russland gegen Spanien: die Spanier schoben sich in 120 Minuten über 1.000 Pässe zu, ohne jedoch für nachhaltige Torgefahr sorgen zu können (das 1:0 der Spanier war ein Eigentor der Russen).
zum einen, siehe:
@FatTony
zum anderen: natürlich stellen sich mannschaften besser auf praktizierten fußball ein. das gilt aber genauso für schnellen umschaltfußball. da musst du alleine mal diese saison bundesliga schauen und siehst wie das bei einigen längst nicht mehr so gut klappt wie noch letzte saison. andererseits stellen sich die mannschaften natürlich auch wiederum auf die gegenmaßnahmen ein und nehmen systematische veränderungen vor um die eigene spielphilosophie wieder zum funktionieren zu bringen.
"ballbesitzfußball" ist doch nicht gleich "ballbesitzfußball". das ist erstmal nur eine extrem grobe zuordnung. der "ballbesitzfußball" wie er früher praktiziert wurde, wird in der form kaum mehr erfolg bringen. moderner "ballbesitzfußball" funktioniert hingegen wunderbar. und er funktioniert erfolgreicher als moderner reaktiver fußball.
weiter unten führst du den extremfall "fc barcelona" in dessen glorreichen ära an. da ist der fall aber ganz anders gelagert. der fußball war damals extrem physisch geprägt, gerade england hier das maß aller dinge. das was guardiola in dieser zeit mit dem fc barcelona gemacht hat, war ein meisterwerk des fußballs, eine absolute ausnahme. dieser perfekt funktionierende gegenentwurf, den zu dieser zeit niemand, aber auch wirklich niemand nur annäherend selbst auf dem zettel hatte. es war ein ganz neuer, eigener spielstil. das hat der mannschaft mindestens 3 jahre vorsprung gegeben, der dann erstmal aufgeholt werden musste. diese ausnahme kannst du nicht in den kontext normaler fußballentwicklungen stellen. diese extreme dominanz über jahre hinweg, war nämlich nicht normal. und demenstprechend war es auch klar, dass sich das wieder einpendeln wird.
das bedeutet aber eben keineswegs, dass "ballbesitzfußball" im normalen rahmen nicht noch immer wunderbar funktionieren kann. aber ich glaube eben die angesprochene barcelona-ära ist der grund, weshalb man das so häufig liest und hört. jeder orientiert sich an dieser damaligen unfassbaren dominanz und nimmt das ausbleiben eben solch einer als gefühl auf, "ballbesitzfußball" habe ausgedient. hätte es in jüngerer vergangenheit eine phase gegeben, in welcher eine mannschaft über jahre hinweg mit wenig ballbesitz den weltfußball dominiert hat und es würde nun der gleiche status quo herrschen, wäre ich gespannt wie die diskussionen ausfallen würden. ich behaupte: gegenteilig zu jetzt.