Ich glaube bei vielen Fans kollidiert nach dem schwachen Pokalspiel gegen Würzburg und dem Saisonauftakt gegen Schalke die Euphorie und Erwartungshaltung nach der gelungenen Vorbereitung mit der harten Realität.
Werder hat sich qualitativ durch den Abgang von di Santo in der Offensive eher verschlechtert. Wir haben keine Neuzugänge, die unseren Kader auf ein anderes Level hiefen - und die können wir uns ohnehin nicht leisten. Mit Ujah wurde ein solider Stürmer geholt, sonst setzen wir die Hoffnung in unsere Talente. Die sind aber noch nicht soweit, um im Bundesligalltag zu bestehen. Man sagt immer, die Mischung aus Talenten und Erfahrung macht's. Erfahrung ist aber nicht gleichzusetzen mit Qualität. Auch unsere erfahrenen Spieler sind Mittelmaß. Wie sollen sich unerfahrene Spieler mit einem relativ unerfahrenen Trainer (kein Vorwurf an Skripnik) und mittelmäßigen Spielern an der Seite denn zu Leistungsträgern weiterentwickeln? Ich erinnere an Özil, der damals bei Real noch mal deutlich zugelegt hat. Das liegt daran, dass man dort im Training deutlich mehr gefordert wird und von sehr guten bis weltklasse Spielern lernen kann. Solche spiele hatten wir damals auch (Diego, Frings, Mertesacker, Micoud, Klose etc.) Da bin ich zumindest froh, dass zum Beispiel ein Frings von seiner Kampfsau-Mentalität etwas weiterreichen kann. Aber fußballerische Qualität zaubert man nicht aus dem Hut. Da kommt es wirklich darauf an, was Skripnik aus den Spielern herausholen kann. Aber das ist ein schmales Fundament, auf dem die Hoffnung und Zukunft beruht.
Weiteres Problem ist, dass wir durch die wirtschaftliche Lage dem Verkaufszwang von Spielern unterliegen. Sobald sich Qualität im Kader zeigt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Spieler wechseln möchte und verkauft wird. So kommt nie Kontinuität rein. Werder steht jedes mal vor der Aufgabe, mit Nonames ein Team aufzubauen. Parallel verbessern sich andere Vereine mit guten Transfers oder machen für Talente ordentlich Kasse (siehe Augsburg) - können sich folglich wieder verstärken.
Weiter fehlen uns Spieler auf Positionen im Mittelfeld, die unser Spiel beleben. Damit meine ich die 6er und 10er Position. Ich denke nicht, dass der Kern unseres Problems bei den vielen Gegentoren die Defensive ist. Mir fällt auf, dass wir den Gegnern oft das Spiel überlassen, da wir nicht in der Lage sind, den Ball durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Dadurch kann der Gegner immer Druck auf unsere Defensive aufbauen, kommt zu vielen Chancen und dann rappelts irgendwann zwangsläufig. Wir werden zu Fehlern gezwungen. Wir schaffen es nicht, den Ball von unserem Tor wegzuhalten. Nebeneffekt: Die Sicherheit und das Selbstvertrauen geht verloren. Ich finde den Ansatz von Skripnik, das Spiel zu verbessern, gut. Das wurde von vielen kritisiert. Man kann gegen Gegner wie Schalke durchaus auf Konter spielen. In dem Fall muss ich den Kritikern zustimmen. Aber generell wird sich eine Besserung unseres Spiels nur einstellen, wenn man selber etwas mit dem Ball anzufangen weiß, ein spielerisches Konzept hat. Man hat zum Beispiel bei den Bayern gesehen, wie die sich in den Räumen bewegen, wie die sich anbieten und was für eine Physis sie haben. Der Ball wird gespielt, der Spieler sprintet, kriegt den Ball zurück, gibt ihn ab, sprintet wieder in die Lücken, auch wenn der Ball da nicht hinkommt. Aber er geht die Wege, schafft Räume. Das sind Dinge, die ich bei uns vermisse und die haben nichts mit Technik oder fußballerischer Qualität am Ball zu tun. Das wirkt bei uns sehr statisch. Der Ball wird gespielt, dann trabt man ein bisschen nach vorne, stellt den Gegner in der Hälfte zu, macht alles eng. Vestergaard und Luki knallen den Ball zwangsläufig nach vorne. Das gleiche macht Bargfrede. Der Ball kommt zurück, wir sind wieder unter Druck, machen Fehler - und am Ende trifft der Gegner. Das wurde im Pokalspiel auf die Hitze geschoben, im Spiel gegen Schalke auf die Qualität der Königsblauen. Das ist mir zu einfach.
Hat man aber spielerische Sicherheit, hat man ein Konzept und ein paar Säulen im Team, an dem sich junge Spieler orientieren können, dann funktionieren auch Talente besser. Uns fehlt aber die Basis. Es geht nicht nur mit Talenten - und das muss auch Werder irgendwann verstehen. Und Werder muss auch mal sehen, dass man Spieler hält. Brechen die Säulen weg, bricht das Fundament wieder ein und man muss von vorne beginnen. Das geht wiederum nicht ohne Geld, das Werder fehlt.
Ich denke, was diese Saison betrifft, man muss wieder auf den Teamgeist setzen, die Saison durchstehen und den Abstieg verhindern. So ging es in den ersten Spielen unter Skripnik auch. Letztlich verschafft sich Werder dadurch Zeit. Zeit, die man nutzen muss, um Investoren zu finden, das Sponsoring und letztlich dadurch auch die Mannschaft weiterzuentwickeln. Es spricht ja nichts dagegen, weiterhin junge Talente günstig zu kaufen oder eigene Spieler aus der Jugend einzubringen. Aber es muss Geld da sein, um ein bis zwei Leistungsträger zu kaufen und diese auch über ein paar Jahre zu halten.