Meine Eltern misten aus und haben mir einen Dachbodenfund mitgegeben - eine Kiste mit unzähligen Briefen, die ich zwischen Grundschulzeit und Uni-Ende bekommen habe.
Bei einigen der Briefeschreiber habe ich keine Ahnung mehr, wer sie sind bzw. woher ich sie kannte. Manche Briefe aus der Jugendzeit sind urkomisch, andere sind wahre (Formulierungs)Kunstwerke (nicht ironisch gemeint), sorgfältig mit Schönschrift (und mit Füller natürlich!) verfasst.
Der Anblick des Sammelsuriums macht mich ein bisschen traurig, denn heute verteilen wir unsere Nachrichten per SMS, Facebook oder E-Mail, und kaum noch jemand nimmt sich die Zeit und schreibt durchdacht per Hand (ich auch nicht). Schade, denn so geht ein Stück Kulturgut verloren...
Als junggebliebener Lebenskünstler erinnere ich mich gern an Brieffreunde aus der DDR und aus Polen (damals gab es den
Eisernen Vorhang, dessen Streben heutzutage leider neu gestählt werden).
Dem Brieffreund aus Polen habe ich damals
im Osten unzugängliche Schallplatten auf Kassette überspielt und ihm zugeschickt
[das Internet war damals sience fiction - West-Musik war unerhältlich im Osten].
Als Dank schickte er mir eine in Polen veröffentlichte Langspielplatte, für die er - in Relation - ein halbes Vermögen gezahlt haben musste.
Kontakte in den Westen waren bestimmt etwas Besonderes - Kontakte in den Osten aber irgendwie auch. Auf diese Weise konnte man sich mit "echten Menschen aus dem Osten" schreiben, die in tagtäglichen Berichterstattungen gar keine Erwähnungen fanden. Damals gab für uns nicht die im Osten lebenden Menschen sondern nur
den Osten.
Umso größer war meine Überraschung, dass meine Kassetten angekommen waren und sich
ein echter Mensch per handschriftlichen Briefs bedankt hat.
[Kids können sich so eine Situation heute bestimmt nicht mehr vorstellen.]
Übrigens: Der Kontakt mit der oben erwähnten Brieffreundin aus der DDR hielt tatsächlich bis zum Mauerfall 1990 und darüber hinaus. Wir hatten uns in jungendlicher Uferlosigkeit - per Brief - geschrieben, was wir nur alles tun würden, um den anderen je treffen zu können. - Und dann war es wirklich so weit. Die Mauer fiel.
Ich setzte mich in den Zug und und nahm mein bis dato größtes Abenteuer auf.
[Zensur] :kiss: und

und so
Ich schweife ab.
Ja, es war etwas anderes, einen Brief in handschriftlicher Kleinarbeit zu verfassen. Es war weitaus persönlicher, einen Brief zu schreiben, anstatt eine Mail, eine SMS zu senden oder per Twitter zu
broadshitten.
Was ich eigentlich sagen wollte: Ich verstehe dein Bedauern und empfinde eine anonymer werdende, menschliche Umgangsweise ebenfalls als Verlust (Entpersonalisierung).
Es geht in diesem Zusammenhang sicher nicht nur um verlorene Kulturgüter, sondern auch um die abnehmende Wichtigkeit, die der Adressat heutzutage hat, indem
wir ihm kurzerhand und byteweise, schnell Datenmüll
und Inputs zusenden.