Ob die Entscheidung richtig, oder falsch ist, kann nur der Spieler Özil selbst beantworten. Es ist doch sein Leben! Wir können dazu unsere Meinung sagen, ob es uns gefällt, oder nicht gefällt. Und, wir können Mutmaßungen darüber anstellen, warum er sich so entschieden hat. Als jemand, der auch türkische Wurzeln hat, und in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, kann ich mich sehr gut in Mesut hineinversetzen. Und ich hätte mich genauso entschieden wie er.
Man muss sich mal diese deutsch-türkische Community in Deutschland genauer betrachten. Das ist ja keine homogene Einheit. Genausowenig, wie es die deutsche Ur-Bevölkerung ist. Da gibt Linke, Rechte, Tradiotionsbewußte, Liberale, Religiöse, Nichtreligiöse, Hiergeborene, Hieraufgewachsene, in der Türkei Aufgewachsene usw...
Mesut gehört zu den Deutsch-Türken, die sich der Türkei "entfremdet" haben. Er kennt die Türkei nur aus dem Urlaub und spricht ein schlechtes türkisch, soviel ich gelesen habe.
Ich hatte in der Türkei mal ein bezeichnendes Erlebnis. Ich saß in einer Runde von Menschen, die ich nicht näher kannte, und wir tranken Tee und untehielten uns über Gott und die Welt. Man wusste, dass ich aus Deutschland komme und mann konnte sehr deutlich meinen Akzent hören. Und ich wurde von einem darauf angesprochen, "warum mein türkisch so schlecht sei"?
Ja, was sagt uns das? Das sagt uns, dass von den Türken in der Türkei von uns Deutsch-Türken erwartet wird, dass wir die türkische Kultur 1:1 weiterleben, egal wo wir sind. Auch wenn wir seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Es wird nicht gesehen, dass wir unter ganz anderen Umständen, als in der Türkei leben. Es wir nicht gesehen, dass wir uns anstrengen müssen Deutsch zu lernen, und das Türkisch für uns nur zweitrangig ist. Ja, sogar noch hinter Englisch steht.
Viele Türken in Deutschland haben bereits das Bewußtsein, dass sie in Deutschland leben, und auch dass ihre Kinder und Kindeskinder in Deutschland leben werden. Erst recht diejenigen, die hier geboren sind und seit Jahrzehnten hier leben. Mesut Özil ist nur ein prominentes Beispiel von vielen. Weitere prominente Beispiele sind Erol Sander, Cem Özdemir, Lale Akgün, Fatih Akin, der Musiker Mousse T., Feridun Zaimoglu und, und, und...
Lange Rede, kurzer Sinn: Inetgration ist möglich und kein Zufall! Natürlich gibt es Ressentiments, Benachteiligungen, ja sogar Rasissmus mit dem man sich auseinandersetzen muss. Aber, das darf kein Grund für viele Deutsch-Türken sein, sich einer Integration zu verweigern. Und genau das wird vielerorts leider getan! Und das fällt wieder auf alle zurück.
Insofern, war Mesuts Entscheidung kein Signal an die Deutschen. Sondern, vielmehr ein Signal an die (Deutsch-)Türken. Behaltet eure Sympatie und Verbundenheit mit dem Land eurer Wurzeln, mit dem Land eurer Vorfahren. Aber, erkennt endlich an, dass sich die Realität nun in Deutschland abspielt! Wir müssen unnötige, emotionale Bande mit der Türkei kappen. Sie hindern uns in unserem Vorankommen, in unserem Leben hier. Mesut ist vorangegangen und hat diese emotionale Bande gekappt,und dafür gebührt einem 20 Jährigen mehr als nur Respekt. Und ich kann nur hoffen, dass viel ihm folgen werden.
Übrigens, ich habe mein schlechtes Türkisch nicht entschuldigt, sondern vorgeschlagen eventuell das Gespräch in Deutsch, oder auch in Englisch fortzusetzen, wenn er es denn besser versteht! Er fand daraufhin dann mein Türkisch doch recht passabel!
