Ich bin sehr enttäuscht.
Der Sieg gegen Dortmund war sicher sehr erfreulich. Was sich aber sehr relativiert angesichts des Spiels gegen Bielfeld.
Denn zum einen war Werder auch gegen Dortmund kurz davor, eine Enttäuschung hinzulegen, denn wenn Dortmund das 2:0 gemacht hätte, wäre das Spiel wohl entschieden gewesen und man hätte ähnliche Fragen stellen müssen wie jetzt nach dem Spiel gegen Bielefeld.
Zum anderen frustriert es auch gerade besonders, zu sehen, zu welchen konzentrierten Leistungen, zu welchem Druck Werder wenigstens phasenweise in der Lage ist - zweite Halbzeit Dortmund - und dann zu sehen, wie orientierungslos und letztlich desolat Werder gegen Bielfeld auftritt.
Das ist für eine Manschaft mit den Ambitionen Werders absolut indiskutabel.
In vielerlei Hinsicht ist Fußball meiner Meinung nach vergleichbar mit Strategiespielen wie Schach. Auch hier kommt es auf spielerische Stärke, auf planerisches Vorgehen, auf Staffelung im Raum und auf mentale Stärke an.
Werder kommt mir regelmäßig - was nicht "immer" heißt - vor wie ein Schachspieler, der früher einmal seine Gegner mit schönen Kombinationen vom Brett gefegt hat. Der aber - vielleicht in einer Mischung aus
Überheblichkeit und Alkoholismus - inzwischen nicht mehr nachdenkt, sondern dessen Elan inzwischen darin besteht, innerhalb kürzester Zeit planlos alle seine Figuren vorzuziehen und in der gegnerischen Hälfte zu postieren, wo jeder halbwegs versierte Gegner mit normalem, sauberem Spiel kurzen Prozess macht.
Am Ende, im vorletzten Zug oder so, macht unser ehemaliger Spitzenspieler dann auch noch einen Fehler, weil er den Zug übersieht, mit dem er das Matt gerade noch verhindert hätte. Dann ärgert er sich furchtbar über diesen Fehler statt zu sehen, dass seine Spielauffassung auf den Hund gekommen ist
Man kann natürlich nach dem gestrigen Spiel irgendwelche kritischen Schiedsrichterentscheidungen thematisieren oder die ganzen verletzten Spieler Werders ins Feld führen. Es ist sicher richtig, dass damit die Chancen geringer werden, dass Werder gewinnt.
Aber Tatsache ist auch, dass gestern Messi, Superman oder Jesus Christus auf den Platz hätten stehen können, und es wäre prinzipiell nicht anders gewesen.
Das ganze Team war ein einziger Hühnerhaufen. Sicher immer in Bewegung, aber das sind aufgescheuchte Hühner auch.
Die Steffelung der Mannschaft ist eine Katastrophe. Hinten ist die Bremer Hälfte immer sperrangelweit offen, sodass jeder Ballverlust zu einer Großhance führen kann. Sicher war der von Frings blöd, ärgerlich usw. Aber das eigentliche Problem Werder Bremens besteht nicht darin, sondern darin, dass ein Ballverlust im Mittelfeld, noch nichtmal innerhalb eines vielversprechenden Angriffs, so einfach zu einem Gegentor führen kann.
Wenn es wenigstens so wäre, dass die offene Defensive, wie früher, kompensiert würde von Druck nach vorn. Aber nichts. Ich kann mich im gestrigen Spiel an keine einzige herausgespielte Torchance erinnern, und selbst wenn ich eine oder zwei vergessen haben sollte, ändert das nichts am Grundproblem.
Ein Offensivspiel, wie es Werder vorhat, verlangt zu allererst nach einer Ballsicherheit, wie sie gestern von keinem Spieler zu sehen war.
Es verlangt wenigstens nach einem Minimum an Ordnung und Struktur. Auch diese war nicht zu sehen.
Von Kreativität erst gar nicht zu reden. Es wechseln sich ab Verlegenheits- und Sicherheitspässe auf der einen Seite, die daraus resultieren, dass das Spiel ohne Ball eine Katatsrophe ist und auf reinem Zufall basiert. Und auf der anderen Seite gibt es so ne Art Verzweiflungsaktionen, wo der Ball wie wahrscheinlich geplant direkt weitergeleitet wird, wo der schnelle Weg nach vorne gesucht wird, was aber gestern so gut wie immer verpuffte, weil das jeweilige Spieler der Einzige zu sein schien, der diese Idee hatte, aber keine Sau auf die andere eingeht.
Sicher war das gestern nur ein Spiel. Aber es war eben keine Ausnahme. Früher gab es ein, zwei Spiele dieser Art pro Saison, weil Werders Spielweise natürlich gewisse Risiken beinhaltete, weil sie eine gewisse Fallhöhe hat, wenn das Spiel nicht funktioniert, weil sie anfällig ist für Gegner, die gut auf Werder eingestellt sind.
Aber diese Saison gibt es immer wieder solche Spiele und das ist sehr, sehr bedenklich und auch der immerhin noch mittlere Tabellenplatz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass solche Leistungen wie gegen Bielefeld, in Karlsruhe oder in Gladbach zum schlechtesten gehören, was man in der Bundesliga bieten kann. Selbst die ganzen Abstiegskandidaten sind Werder in punkto Spielführung überlegen und für Werder jederzeit eine Gefahr, wenn Werder nicht gerade einen Glanztag erwischt oder, was noch seltener vorkommt, sich auch dann zu einer vernünftigen Leistung aufrafft, wenn man keinen Glanztag hat. Aber gerade letzteres ist unbedingte Notwendigkeit für eine Mannschaft mit Ambitionen.
Es ist mir letztlich egal, an wem das alles festzumachen ist. Aber solange Werder weiterhin Niederage um Niederlage an individuellen Fehlern und den Spielern, die sie machen, festmacht, sehe ich keine Besserung. Ein Beispiel: Wenn Tosic eins ums andere Mal überlaufen wird oder falsch, d.h. in der Regel zu offensiv, steht, kann man ihn natürlich mit Fünfen in der Benotung überziehen. Kein Problem. Aber die Frage lautet doch, warum Tosic immer am falschen Ort rumturnt. Wer hat ihm das gesagt? Und wenn es ihm keiner gesagt hat, warum tut er es trotzdem? Und warum gibt es diesbezüglich, wie bei der gesamten Manschaft, keinen Lerneffekt gegenüber solchen Spielen wie gestern zu sehen? Und wenn es keinen solchen Lerneffekt gibt, warum spielen solche lernresistenten Spieler jedes Mal?
Ich bin kein Freund populistischer Parolen, aber genau an diesem Punkt muss man tatsächlich langsam sagen, dass es mit irgendwelchen Nachwuchsspielern gar nciht mehr schlechter laufen kann, sondern dass ein sichtbares Zeichen eben ein sichtbares Zeichen sein könnte, dass man sich das Verhalten, dass immer wieder bei Werderspielen zu sehen ist, einfach nicht mehr gefallen lässt.
Und ohne das personalisieren zu wollen oder irgendwelche Konsequenzen in den Raum stellen zu wollen, muss man hier auch den Trainer in die Verantwortung nehmen. Er muss beantworten, warum sich Werders Spieler regelmäßig derart dumm auf dem Platz verhalten. Und wenn es alles anders geplant war und sich die Spieler nicht daran halten, warum es nicht gelingt, notwendige Anweisungen von A nach B zu bekommenl. Zum Trainerjob gehört es nämlcih nicht nur zu wissen, wie es richtig wäre, sondern das auch zu vermitteln.
Für diese Saison sehe ich relativ schwarz. Da hilft auch nicht der Vergleich mit 04/05, als Werder nur 2 Punkte mehr hatte. Denn damals hatte Werder eine intakte Mannschaft, die einen Anpassungsprozess zu meistern hatte und dies ja auch schaffte.
Ich sehe im Moment außer Durchalteparolen wie "Ein Erfolgserlebnis muss her" keine Handhabe zur Hoffnung. Und selbst die oben erwähnte ist wenig wert, denn Werder hat ja immer wieder Erfolgserlebnisse, aber auf jedes dieser Erfolgserlebnisse folgt ein schlimmer Rückschlag, als hätte es den Sieg davor nicht gegeben und als finge die Mannschaft jedes Mal bei Null an.
Meiner Meinung nach ist über kurz oder lang eine Umorientierung notwendig. Die Art Fußball zu spiele, die Werder pflegt, ist erkennbar in der Sackgasse, auch wenn nicht jedes Spiel schlecht ist. Seit langer Zeit ziehen sich Schwächen durch Werders Spiel, die in diesem Jahr eben auch ergebnismäßig voll durchschlagen. Vielleicht ist das ein Seuchenjahr, nach dem es normal weitergeht, aber ich glaube nicht daran (schon deshalb nicht, weil es nicht mehr nur Bayern und Schalke als potentielle Spitzenmannschaften und Konkurrenten für Werder gibt).
Meiner Meinung muss hinterfragt werden, ob man bei der Entwicklung der Mannschaft die richtigen Weichen gestellt hat: Möglicherweise hat man zu viel in Offensive und Jugend insvestiert und zu wenig in Defensive und Erfahrung.
Möglicherweise hat man auch den Punkt verpasst, wo man eine Umorientierung in die Wege hätte leiten sollen. Denn auch die innovativen Ideen und Spielweisen verbrauchen sich irgendwann mal, sei es, weil sie sich von innen heraus überleben, d.h. nicht mehr mit Leben gefüllt werden, sondern nur noch mechanisch und äußerlich reproduziert werden können. Sei es, weil sich die Welt um sie heraus verändert. Mit der Folge, dass vielleicht die Zeit etwas über Werders Fußball hinweggegangen ist. Heute ist Defensive zum Beispiel so wichtig, dass Werders Spielweise allein deshalb möglicherweise an Wirkung einbüßt.
Oder sei es, weil sich die Gegner ganz einfach auf Werders Spiel eingestellt haben. Das ist nämlich eindeutig der Fall.
Die bescheidensten Vereine wie Gladbach, Karlsruhe oder Bielefeld wissen mittlerweile, wie man gegen Werder spielen muss und das Schlimme ist, dass das gar nicht schwer ist, sondern dass es einfach darauf ankommt, Werder keinen Raum zum Spiel zu geben, ihnen wenn möglich auch die Lust zu nehmen und ansonsten gut aufzupassen und auf die Fehler zu warten, die zwabgsläufig kommen werden, weil die statistisch ungefähr ein halbes Tor wert sind.
MFG dkbs