Wer liesst denn noch heutzutage?
Ganz egal ob es irgendwelche gibt, die heutzutage nicht mehr lesen, ein bestimmtes Buch sollten sie alle in die Hand nehmen. Und das ganz unabhängig davon ob man Fußballfan ist oder nicht.
Robert Enke-Ein allzu kurzes Leben. Dieses Buch wollte ich schon lange gelesen haben. Aber irgendwie kam doch immer etwas dazwischen.
Die letzten Tage habe ich neben dem normalen Alltag genau dieses Buch gelesen. Und plötzlich fand ich mich in einer anderen, mir völlig fremden Welt wieder. Eine Welt die so schwer zu beschreiben ist und doch so leicht. Eine Welt aus Hoffnung, Trauer, Angst, Wut, Freundschaft und Liebe. Eine Welt hinter der Öffentlichkeit, die doch so verborgen lag, das es unmöglich war etwas davon zu erfahren. Als Aussenstehender und auch für viele Menschen mittendrin. Ob für die Spielerkollegen von Robert Enke, oder die Freunde. In vielen Momenten waren sie ihm so nah- und gleichzeitig doch so weit entfernt.
Es ist ein Buch über die Schönheit des Fußballs und gleichzeitig über die Abgründe, die der Fußball entstehen lässt. Der Spaß an einem Spiel, die Angst vor einem Spiel. So viele Unterschiede sind in diesem Buch vorzufinden, dass die Frage wie weit Gegensetzte von einander entfernt sind, so leicht beantwortbar ist. Es ist eine Millimeterentscheidung zwischen der einen Seite und der anderen. So schnell kann es von gut in schlecht gehen, oder von schlecht in gut. Heute bist du der Held, morgen der Looser. Machst du heute ein gutes Spiel, bist du morgen der Messias, die große Hoffnung, die Zukunft.
Aber es darf nicht der Fehler gemacht werden es nur auf den Sport, nur auf Fußball zu fixieren. Dieser gesellschaftliche Drang der entsteht, dieser häufige Wechsel von gut zu schlecht oder andersrum, den findet man überall in unserer Gesellschaft. Ob bei der Arbeit, in der Schule, bei Freunden, oder in der Öffentlichkeit, die Gesellschaft drängt. Auf Leistung, nichts anderes als auf Leistung und Erfolg. Auf der Arbeit musst du Leistung vollbringen, Spitzenleistung, in der Schule sollen die Noten klasse sein, sonst bist du im späteren Leben oft ein nichts, für deine Freunde musst du darsein, du musst etwas beweisen, etwas darstellen, jemand sein. Ein Niemand ist ein Außenseiter. Du darfst dir keine Fehler leisten.
Ein Fehler bestraft dein Leben. So wie es das Buch über Robert Enke aufzeigt. Ein Fehler, in Barcelona, in Novelda gegen einen spanischen Drittligisten, führte zu der Bestrafung in Robert Enkes Leben. Ein Fehler, der einen zweiten zur Folge hatte und Roberts Leben veränderte.
Die Frage die sich gestellt werden muss ist jedoch die, wäre sein Leben nicht trotzdem gekommen wie es gekommen ist? Hätten ihn die Depressionen auch dann eingeholt, wenn er in Novelda nicht gepatzt hätte?
Sagen kann man es nicht zu 100% und doch kann man sich, wenn man sein Buch gelesen hat, sicher sein, dass er keine Chance hatte dem Teufelskreis Depression zu entkommen. Wenn er nicht in Novelda gepatzt hätte, dann vielleicht beim Spiel darauf. Es wäre das gleiche herausgekommen, der Trainer hätte ihn trotzdem nicht als Nummer 1 gesehen, hätte den Torwart der schon öfter gepatzt hatte, weiter spielen lassen. Es war wohl einfach egal wie oft Valdez patzte, Roberts Chance wäre weiter so geringfügig wie sie war.
Für Depressionen kann weder ein Trainer, der einen Spieler nicht spielen lässt, noch ein Mitspieler der böses über einen anderen sagt, etwas, für Depressionen kann nur die Krankheit selbst, etwas. Wenn ein Trainer oder Kollgege nicht wissen ob ein Spieler im Team labil ist, denken sie sich nichts bei ihrem Handeln. Das ist verständlich. Die Frage, die sie sich jedoch stellen sollten, ist die, ob sie nicht von Anfang an falsch mit der betroffenen Person umgegangen ist, ob sie nicht auch falsch gehandelt haben, ganz egal ob ein Mensche gesund oder krank ist?
Stellt man als Mensch einen anderen Menschen an den Pranger, um von sich und seiner Leistung, von seinen Taten, abzulenken? Ist das fair? Kann man sich als Mensch nicht fair und repektvoll einem anderen Menschen gegenüber verhalten, auch wenn man selbst andere Pläne als der andere Mensch hat? Wieso wollen Menschen aus anderen Menschen andere Menschen machen, nur weil sie den Menschen als den anderen Menschen als besser, Leistungsfähiger, ansehen?
Warum wollte man einen Robert Enke so ausbilden, dass er hält wie ein van der Saar, wenn der Torhüter sich in dieser Situation unsicher fühlt? Wieso wollte man aus einem Robert Enke einen Tim Wiese machen, weil das moderne Torwartspiel radikal, spektakulär sein soll. Warum verglich man ihn mit Rene Adler, der eine andere Spielweise hat, als ein Robert Enke. Warum ließ man Robert Enke nicht Robert Enke sein, so wie er sich am wohlsten fühlte? Warum lässt man einen Menschen, nicht sich selbst sein, wenn er sich so am wohlsten fühlt.Will man selbst auch verändert werden, so wie man selbst andere verändern will?
In der Biographie über Robert Enke kann man etwas über einen Menschen nachlesen, wie er sich von einem Jungen zu einem erwachsenen Mann entwickelt. Welche Probleme und Glücksmomente ihm entgegenschlagen, welch Schicksalsschläge das Leben doch so oft bereit hält. Dieses Buch hat mich vom ersten Wort, bis zum letzten Wort begeistert. Nicht die Geschichte, das Schicksal, das Robert Enke traf, sondern die Person um die es ging. Der Mensch, Robert Enke. Als er noch lebte hatte ich in keinerlei Hinsicht irgendeinen Bezug zu diesem Torwart, er war eben der Torwart von Hannover 96. Viel wusste ich nicht über ihn. Eigentlich gar nichts, außer das er bei Hannover spielte und Nationaltorhüter war. Als am Tag nach seinem Selbstmord im Radio ein Beitrag über ihn kam, ging ich aus der Küche, mit einem ungefähren Wortlaut:" Warum berichten sie denn bitte über Robert Enke? Warum nicht über Tim Wiese. Er ist der Torwart von Werder, nicht Robert Enke." Ich wohne in Achim, in der nähe von Bremen und habe Bremen 1 gehört. Mich ärgerte es, dass sie über Robert sprachen, wo Tim Wiese doch unser Torhüter war. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts über Enkes Selbstmord. Davon erfuhr ich erst in der Schule, als wir im Deutschunterricht, in der ersten Stunde, darüber sprachen. Als ich davon erfuhr, war ich schokiert. Zu hause weinte ich. Obwohl ich ihn nicht kannte, nur aus dem Fernserhr, nur dieses bisschen über ihn wusste.
Heute weiß ich mehr über ihn. Nur aus Erzählungen, aus Berichten, aus Videos. Aber ich weiß mehr über ihn. Denn aus all dem oben aufgezählten, konnte ich IMMER heraushören, lesen, sehen, was für ein toller Mensch er gewesen sein musste.
Fasziniert hat mich an seinem Buch alles. Wie er war, was er tat, wie er reagierte, wie sien Leben verlief. Wie er stark war, wie er liebte, wie höflich er war. Er war Robert Enke. Ließ sich nicht verbiegen. Wurde gemocht weil er so war wie er war.
Mich hat es gefangen genommen, wie die Depression auftauchte und was schreckliches sie mit einem Menschen anrichtet. Es ist noch immer schwer vorstellbar für mich, wie diese Depression einen Menschen einnehmen muss, aber das Buch half mir, mehr zu verstehen. Es irgendwie ein Stückchen mehr nachzuempfinden. Ich litt beim Lesen wirklich mit, ich war wütend wenn ungerechtigkeiten auftraten, wenn ich lesen konnte, wie man mit Robert Enke umgegangen war. Sowohl die Presse, als auch die Fans, als auch Menschen in seinem Umfeld wie Trainer, Torwarttrainer, und auch Spieler. Es tat weh, als die Stelle kam, in der es um seine Tochter ging, als sie starb. Er am Bett lag, eingeschlafen war, aufwachte und miterleben musste, das seine Tochter plötzlich verstorben war.
Wie sehr er und seine Familie gelitten haben, wie er es besonders mit Thersa gemeinsam aus der Trauer irgendwie herausgeschafft haben. Wie sie anfingen, nach vorne zu schauen, wie er kämpfte. Wie Theresa kämpfte. Einer Frau, der ich ein unfassbar großes Kompliment aussprechen möchte. Wenn ihr das Buch lest, oder es schon gelesen habt, dann werdet ihr wissen wieso. Wie stark sie gewesen ist, wie stark sie noch ist. Robert Enke hatte eine Frau wie sie verdient und ich bin froh, dass sie an seiner Seite war, denn sie hat viel geleistet. Und nie aufgegeben. Sie hat daran geglaubt es zu schaffen. Und Robert nie im Stich gelassen. Genauso wie seine Familie, andere Freunde auch, ob nun Marco Villa, Jörg Neblung, später Hanno Balitsch oder seine anderen engsten Vertrauten die er mit einbezog. Freundschaft spielt, wie ihr in diesem Buch bemerken werdet, eine sehr große, eine übermäßig bedeutende Rolle.
Mich fasziniert wie er zu seinen Mitmenschen war, so freundlich, hilfsbereit, höflich. Solche gesten wie, als er Sven Ulreich, damals 19 Jahre anrief, um ihm Mut zuzusprechen nachdem er öffentlich von seinem Trainer kritisiert wurde, das machen wenige. Wohl in dieser Form nur er.
Zu seinen Konkurrenten war er immer gerecht, hat sich mit vielen sogar wirklich gut verstanden. Selbst zu denen, von denen er es am Anfand vielleicht nicht so gedacht hatte.
Das Buch spiegelt seine Verzweiflung, seinen Kampfgeist, den Kampf gegen Depressionen sehr gut wieder. Wie die Depression sich ranschleicht, einen plötzlich einnimmt, wie man sie besiegen kann, und wie sie doch so unerwartet wiederkommen kann und einen zerstören, besiegen kann. Zum Teil wird Robert hier zitiert, bzw. seine Worte (etwas umschrieben) wurden ins Buch geschrieben, so wie Zitate aus einem bestimmten Tagebuch, andere Dinge die er noch geschrieben hat. Man kann sich also schon irgendwie in ihn reinfühlen, auch wenn es unmöglich ist, alles was er fühlte, zu fühlen. Das ist ein Ding absoluter Unmöglichkeit.
In diesem Buch werden auch ehemalige Mitspieler und verschiedene Trainer, Freunde, Bekannte und Theresa zitiert.
Zudem zeigt dieses Buch auch wie es im Profifußball auch oft hinter den Kulissen zugänge geht.
Ich wollte euch jetzt nicht das ganze Buch erläutern, hab ich auch nicht, also wenn ich so vieles schon gesagt habe, es tut mir Leid. Aber lest es trotzdem.
Ich hoffe ihr seit nicht so angenervt, dass ich hier jetzt so einen Roman geschrieben habe. Mir war bloß wichtig, diese Worte loszuwerden. Ich könnte noch so vieles darüber sagen, schreiben und meine Meinung darstellen, aber ich denke ihr solltet das Buch einfach lesen.
Was ich eigentlich die ganze Zeit bloß sagen will ist, dieses Buch zu lesen lohnt sich, es ist es mehr als wert gelesen zu werden. Ihr werdet es nicht bereuen, denn dieses Buch zeigt so viel auf, vom echten Leben und gleichzeitig von einem Leben wie es nicht üblich ist. Als Fußballprofi. Doch Robert Enke war ein Fußballprofi, aber er war, ist noch mehr. Robert Enke war, ist ein Mensch, wie wir alle auch. Mit Freunden, Träumen, Ängsten, Selbstzweifeln, ein Mensch voller Liebe. Mit einem so großen Herz.
R.I.P