Ich kann leider, entgegen der meisten Meinungen hier, keinen Aufwärtstrend feststellen.
Ich spiele nur ungerne den Partycrasher, aber abgesehen vom Ergebnis, einigen wenigen Individualleistungen und der ersten Viertelstunde kann ich dem Spiel wenig positives abgewinnen.
Ich schon. Aber von Aufwärtstrend nach einem Spiel zu sprechen, sehe ich auch als übertrieben an.
Aus meiner Sicht bot dieses Spiel in mehrfacher Hinsicht Positives:
Schaaf hat mit Fritz Lauf- und Zweikampfstärke auf eine Halbposition gebracht und damit schon mal einen gravierenden Punkt aus dem Heidenheim-Spiel ausgemerzt. Mit Hunt, Fritz und Bargfrede hatten wir damit drei Spieler, die genau diese Elemente mitbringen. Gut, Hunt ist sicher nicht DER Zweikämpfer, aber ein Zweikämpfer. Wir haben momentan KEINEN Spieler, der die spieltaktischen und strategischen Anforderungen des Rautensechsers erfüllen kann.
Von daher war es absolut richtig, auf diese Stärken zu setzen, gerade im ersten Saisonspiel, wo die Automatismen noch nicht stimmen können. Zwei Dinge haben mir seit langem mal wieder richtig gefallen: Erstens, dass die drei defensiveren Spieler der Raute stets versucht haben, auf einer Linie die Positionen zu halten, also wie eine defensive Dreierreihe vor der Deckung bei gegnerischem Ballbesitz. Zweitens haben wir, nachdem in der guten Anfangsphase der Torerfolg ausblieb, nicht wie üblich eindimensional weitergegurkt oder überdreht und noch mehr aufgemacht, sondern den Gegner versucht ein bisschen machen zu lassen. Und,
noch wichtiger, wir haben
gleichzeitig relativ gut die Ordnung halten können. Das war ja, wenn wir in der Vergangenheit so was versucht haben, nicht immer der Fall.
Mit Ekici und Marin nach der Pause ging dann ein wenig die Ordnung verloren, weil wir mit Ekici
und Marin nicht Raute, auch nicht in dieser Ausrichtung spielen können. Es kam mir vor wie eine Umstellung vom verkappten 4-3-1-2 zum verkappten 4-2-2-2, das birgt natürlich Gefahren.
Wir sollten dennoch künftig mit beiden spielen, dafür nur mit einem Stürmer. Aber das ist ein anderes Blatt Papier.
Spielerisch war es natürlich gerade in der ersten HZ mässig, dennoch hoch interessant. Was Raumbeherrschung, Abstimmung und Ordnung angeht, war es
das Beste, was wir unter Schaaf seit der Hinrunde 2009, etwa dem Hoffenheim-Heimspiel, zu sehen bekamen. Im BL-Maßstab sicherlich immer noch mittelmäßig, aber für gewohnte Werder-Verhältnisse vergleichsweise überragend.
Wir konnten spielerisch gestern lange Zeit wenig zusetzen, nur war das auch eine logische Folge der Spielausrichtung. Sokratis ist kein Rechtsverteitiger, Bargfrede kein Rautensechser, Wolf noch weniger als Merte ein Spieleröffner, da hast Du dann eben kaum Schnelligkeit im Spiel, Umkehrfussball und Struktur. Aber: alle sind sehr wichtig gegen den Ball und solange der Rest unterstützt, ergibt das ein Mannschaftsgefüge, welches so wie gestern dem Gegner das Leben schwermacht, dessen Rhytmus im Ansatz zerstört bzw. die Null hält. Und das ist erstmal das Wichtigste, gerade zu Saisonstart.
Ich bin überzeugt davon, dass wir auf dieser Basis in dieser Saison viel Erfolg haben werden. Denn die fussballerischen Elemente entwickeln sich nach und nach automatisch, wenn neben dem Selbstvertrauen die abgestimmten Laufwege kommen, die Organisation besser wird. Denn Fussball spielen können die Jungs so oder so. Bei Wesley z. Bsp. war gestern in der Schlussphase zu sehen, wo genau er seine Stärken hat. Und da liegt mMn auch eher seine Zukunft, da kann er möglicherweise wertvoll werden.
Was mir weniger gefällt, ist das System mit zwei Stürmern, weil es a) angesichts unserer Kreativität nicht wirklich Sinn macht und b) gerade diese beiden Stürmer in Summe zu wenig physische Präsenz und spielerische Mittel mitbringen. Marin als zweite Spitze hängend, dahinter meinetwegen Raute, wenn es denn unbedingt sein muss. Aber mit Ekici als zentralem Gestalter, dann die Formation mit Hunt, Bargy und Fritz. Das macht Mut, wobei ich hoffe, dass Ignojvski da noch einen verdrängt und die vermissten, kreativen Elemente einstreut. Kann er das?
Die zentrale Frage für mich ist allerdings, gerade weil wir das Problem unter Schaaf bestens kennen, ob die (absolut notwendige) Geduld aufgebracht wird, an dieser Marschroute lange genug festzuhalten bzw. rechtzeitig entgegenzuwirken, wenn es nicht mehr passt.
Deshalb bleibt auch trotz dieses Spiels meine Kritk im Wesentlichen bestehen. Wir hatten immer mal solche Phasen, bis kurz darauf der an Dämlichkeit kaum zu überbietende Fussball wieder anfing. Ein langfristiger Trend wäre was anderes. Nach einer Saison wie die letzte bzw. rückgreifend bis 08/09
müssen wir
immer versuchen, so wie gestern zu spielen.