Ich möchte mal versuchen, etwas Entspannung in die Trainerdiskussion zu bringen weil ich denke, dass viele, die sich inzwischen gegen TS äußern, ähnlich empfinden wie ich:
Im Grunde vergöttere ich TS als Trainer von Werder Bremen. Er ist ein unglaublich guter Trainer, der noch dazu durch seine Wesensart, unvergessene Antworten in Interviews und insbesondere seine Vereinstreue ein Werder-Denkmal ist. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, einen anderen Trainer auf der Bank unseres Vereins zu sehen.
Darüber hinaus bin ich mehr als stolz darauf, dass wir eine solche Kontinuität auf der Trainerbank haben, auch in sportlich schwächeren Zeiten an TS festgehalten haben und uns nicht abenteuerlich und in Kurzschlussreaktionen zu einem Wechsel hinreissen lassen haben. Das ist im deutschen Fussball einzigartig und macht den SV Werder Bremen zu etwas ganz Besonderem.
Und nicht zuletzt bin ich dankbar für die Erfolge der vergangenen Jahre, die vor sechs bis sieben Jahren so nicht zu erwarten waren.
Aber:
Inzwischen ist der 23. Spieltag erreicht und unser Verein steht so schlecht dar, wie seit 36 Spielzeiten nicht mehr. Bei jedem einzelnen hier ist zu spüren, wie die Hoffnung immer mehr schwindet und dass Schreckgespenst Abstieg langsam, aber sicher realistische Formen annimmt.
Und da ist es an der Zeit zu fragen: warum ist das so?
Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten und bietet einen großen Interpretationsspielraum. Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass ich die Schuld fürdie Situation NICHT in erster Linie bei TS sehe! Vielmehr ist er für mich eine Verkettung von unglücklicher bis fahrlässiger Transferpolitik und dem plötzlichen scheinbaren Unvermögen auch gestandener Spieler.
Dass wir in der Winterpause nicht reagiert haben, ist für mich nur der Höhepunkt einer zweijährigen Politik, welche zum einen die Defensive fahrlässig vernachlässigt hat, zum anderen -beflügelt durch die Erfolge der vergangenen Jahre- durch zu großes Selbstvertrauen und Überzeugung in das Potential der Spieler abseits unserer "Superstars", wie Özil,Diego und Co geprägt war.
Die Folge ist ein Kader, der den Wert von sechs CL-Teilnahmen nicht mehr widerspiegelt. Auch ohne die Verletzten entdecke ich in unserer Aufstellung -und insbesondere auf der Bank-nicht mehr die Spieler, die ich in einem Verein erwarte, der bis vor kurzem den Anspruch hatte, zur europäischen Spitze zu gehören.
TS steht also vor dem großen Problem, nicht genügend Qualität im Kader zu haben, das steht für mich außer Frage - und es ist das Hauptproblem.
Dennoch:
-Was mir bis vor einigen Monaten noch so sehr gefiel - nämlich den Spielern das Vertrauen zu schenken und auch in schwächeren Phasen an ihnen festzuhalten - hat inzwischen ein Maß erreicht, welches ich nicht mehr nachvollziehen kann. Wenn ein Silvestre in zig Spielen nacheinander auf der gleichen Position eingesetzt wird und dort inzwischen quasi pro Spiel mindestens ein Gegentor verursacht, dann verstehe ich dies nicht.
- Die Standardsituationen: wir haben uns heute zum dritten Mal im dritten Spiel eine Abseitsposition durch eine eigene Ecke eingefangen -> und darüber, wie diese Ecken ausgeführt werden, entscheidet der Trainer
- noch einmal zu den Transfers: letztendlich entscheidet nicht KA alleine über die Transferpolitik, sondern diese geschieht in Absprache mit dem Trainer. Und in diesem Zusammenhang muss man Transfers, wie den von Avdic kritisch hinterfragen. Einen Spieler zu verpflichten, von dem man hinterher (!) überrascht feststellt, dass er gar nicht fit ist, ist grob fahrlässig. Und an der Entscheidung, diesen Mann zu holen, war nicht KA allein, sondern auch TS beteiligt.
- Das Unvermögen der Spieler auf dem Platz und sich immer wieder wiederholende Fehler: teilweise liegt die Ursache hier darin, dass man Spieler vor der Saison überschätzt hat; auch hieran war TS nicht völlig unbeteiligt, auch wenn ich ihm zugute halte, dass er häufig Verstärungen gefordert hat. Wenn sich bestimmte Abläufe und Fehler aber von Spiel zu Spiel wiederholen, und das seit Monaten, dann ist es am Trainer, diese abzustellen. Und auch wenn die Hauptschuld hier sicherlich bei den Spielern liegt, wenn es einem Trainer nicht gelingt, hier auch nur geringfügigste Verbesserungen herbeizuführen, dann bleibt keine andere Schlussfolgerung, als dass der Trainer die Mannschaftnicht mehr voll erreicht, bzw.es ihm zumindest nicht gelingt, die Fehler abzustellen.
- Und zuletzt: es gibt mir zu denken, was ich in letzter Zeit in Interviews zu hören bekomme: Wenn TS heute sagt,man hat es den Hamburgern nicht leicht gemacht, dann treibt mir das schon Sorgenfalten auf die Stirn. Und leider häufen sich Interviews, die mich persönlich, auf eine mangelnde Wahrnehmung der Situation schliessen lassen.
Unterm Strich komme ich zu dem Entschluss, dass wir so im Abstiegskampf nicht bestehen werden. Und ich muss mir daraufhin folgende Frage stellen: Möchte ich mit dem von mir geliebten TS in die zweite Liga gehen oder sage ich schwesten Herzens, dass mir mit Blick auf die Zukunft des Vereins, ein Wechsel des Trainers und die damit eventuell verbunden -aber nie garantierten- positiven Effekte sinnvoll erscheint. Und nach dem heutigen Spiel tendiere ich immer mehr zur zweiten Alternative.
Wenn TS nicht mehr Trainer des SVW wäre, würde für mich eine Fußballwelt zusammenbrechen und ich wäre erst einmal konstaniert. Meines Erachtens trifft darüber KA, trotz aller Verdienste, die größere Schuld.
Und dennoch ist der Wille, weiterhin in der ersten Liga zu bleiben und die Erfolge der vergangenen Jahre möglchst schnell fortzusetzen, etwas größer. Darum - und das war vor einem halben Jahr undenkbar für mich- sehe ich einen Trainerwechsel erstmals überhaupt als eine tatsächliche Option an. Und es bricht mir beinahe das Herz, dieszu schreiben.
Ob TS selbst verschuldet hat, die Mannschaft nicht mehr voll zu erreichen, oder ob er selbst ein Opferist, darf dabei letzten Endes leider keine Rolle spielen.