Ich habe nichts persönlich gegen Kevin Kuranyi, er ist einer der besseren Bundesligastürmer, aber in meinen Augen ist er schon auch eine Diva mit einem gewissen Mangel zur Fähigkeit der Selbstkritik. Ein Typ mit Kahnschen Eiern hätte nicht so einen kopf- und stillosen Abgang hingelegt.
Das stimmt, war ja 2006 zu sehen. Andererseits möchte ich nicht wissen, wie nah Kahn damals dran war, vergleichbares zu tun.
Abgesehen davon: Hier ist ja die Figur Kahn gemeint. Nichts gegen ihn und seine Eier, aber es geht ein bisschen weit, solche Figuren zum alleinigen Maßstab für richtiges Handeln zu machen. Ich möchte nicht wissen, was los wäre, wenn sich wirklich jeder so verhalten würde wie diese mythologische Kahn-Figur mit ihren Einern.
Sicherlich waren die letzten Wochen nicht einfach für ihn, aber andere Leute haben ganz andere, wirkliche Probleme, aber wenn das millionenschwere TuffTuff zu labil ist, derartige Erfahrungen professionell zu verarbeiten, dann sollte er sich eventuell besser einen anderen, weniger hoch dotierten Beruf suchen.
Und dann? Ist er dann alle Probleme los? Ist es nicht eher so, dass persönliche Probleme untereinander schwer vergleichbar sind? Darf ich in meinem Umfeld nicht mal was Merkwürdiges, vielleicht Dummes machen, weil es Leute mit ganz anderen Problemen gibt? Darf jemand nicht über einen Kreuzbandriss heulen, weil es so viele Querschnittgelähmte gibt und darf man keinen Kummer über Mobbing haben, weil die Kinder in Afrika ganz andere Probleme haben? Das Problem, das stimmt, ist, dass jetzt ganz Deutschland über Kuranyis Schwäche diskutiert und diese dadurch zwangsläufig eine etwas merkwürdig anmutende Bedeutung bekommt. Aber darf er deshalb keine haben?
Er wurde 2006 aufgrund stark schwankenden Leistungen imo zu Recht nicht im Kader berücksichtigt worden und ist auch aktuell zu Recht auf der Tribüne gelandet. Die anderen vier Stürmer sehe ich aktuell vor Kuranyi, wie z.B. auch einen Stefan Kießling.
Aktuell ist das richtig. Aber man muss eben auch die Vorgeschichte berücksichtigen. Er galt vor ca. 5 Jahren als Shooting-Star und verkörperte recht lange neben Klose, dann Podolski (eine kurze Zeit am Anfang sogar als Einziger im Sturm) allein internationals Klasse und eine gute internationale Karriere war vorgezeichnet. Dann ziehen Klose und Podolski an ihm vorbei und anschließend noch Gomez und Helmes.
Das gehört zum Geschäft, aber ist trotzdem hart, erst recht, wenn es so ist, dass Kuranyi selbst ja keineswegs stark nachgelassen hat, sondern er ist immer noch einer der erfolgreichsten deutschen Stürmer.
Und 2006 waren ja nicht Klose und Podlski das Problem, nicht mal Neuville. Selbst Odonkor war von mir aus eine wirkliche taktische Option. Aber dass Kuranyi Hanke vorgezogen wurde, konnte er nur als Verhöhnung verstehen. Und dazu kam ja noch, dass er praktisch bei der Nominierung des Kaders gestrichen wurde, ohne Vorwarnung, und damit der Verdacht nahe lag, dass ein Bauernopfer gesucht und gefunden worden war, um den anderen zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Kuranyi ist ein guter Strafraum- und Kopfballspieler, aber er ist sicherlich weit davon entfernt, als kompletter Topstürmer, der sich durch stabile Leistungen unverzichtbar macht, bezeichnet zu werden. Insofern ist die Tatsache, dass Kuranyi nicht mehr für die NM spielen wird, kein Verlust an Qualität für die DFB-Elf, da wir inzwischen auch in der Breite ganz gut augestellt sind und andere jüngere Stürmer wie Helmes oder Gomez eine (noch) bessere Grundqualität mitbringen als Kevin und auch nicht gleich rumheulen, wenn es mal nicht so läuft, wie sie es gerne hätten.
Sportlich sehe ich es auch so. Aber aus Kuranyis Sicht sah es eben aus den erwähnten Gründen so aus, dass er immer dran war, wenn irgendwo jemand gesucht wurde, der den Sündenbock spielt.
Wobei man sportlich auch sagen muss, dass Kuranyi unabhängig von dem Vergleich mit anderen sowohl in der Bundesliga als auch in der Nationalmannschaft eine gute Torquote hat. Strafraumstürmer und Kopfballspieler klingt etwas abwertender, als es angemessen ist.
Aber wie auch immer: Wenn es so ist, dass Kuranyi erkennen muss, dass er anscheinend keine Chance mehr hat, ist es zumindest subjektiv durchaus nachzuvollziehen, dass er irgendwann die Schnauze voll hat.
Dass er sich damit angreifbar macht, ist richtig und berechtigt. Aber das wird er gewusst haben. Und wenn er es trotzdem macht, ist das seine Sache und aus meiner Sicht ok. Dass er jetzt mit Kriegsrhetorik überzogen wird wie ein Soldat, der feige dem Kampf aus Weg gegangen sei, sich unerlaubt von der Truppe entfernt hat usw. spricht dagegen Bände, aber nicht über Kuranyi, sondern über den Umgang der Fußballwelt mit unangepasstem Verhalten und mit schwer verständlichen Gefühlen. Das war ja teilweise auch schon bei Deisler so.
Abgesehen davon: Soooo schlimm war das ja wohl nicht. Wenn man es mal etwas nüchtern betrachtet, hatte Kuranyi auf einem Betriebsausflug keine Lust mehr, weil er sich Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

fühlte. Ich würde tippen, sowas kommt mehr oder weniger ständig vor. Meistens nur unter weniger dramatischen und öffentlichen Umständen und wahrscheinlich sogar auch mit weniger drastischen Folgen. Aber das mag von Branche zu Branche unterschiedlich sein.
Jogi Löw hat sich imo in dieser Sache nicht, aber auch gar nichts vorzuwerfen. Kuranyi hatte sich in den letzten Wochen nicht wirklich sonderlich aufgedrängt. Ergo war es von aussen betrachtet durchaus folgerichtig, in der NM bereits etablierte Stürmer wie Podolski und Klose vorzuziehen (selbst wenn diese zuletzt ebenfalls in ihren Vereinen nicht geglänzt haben).
Das kann man so sehen, aber auch dann muss man nicht zwingend, weil man Löw nicht angreifen, kann, sich Kuranyi aussuchen.
Jo wie es imo richtig war, einen Rene Adler ins Tor zu stellen und nicht Tim Wiese. Wie es wahrscheinlich richtig war, Frings draußen zu lassen. Wie es richtig war, Fritz draußen zu lassen (aber mitzunehmen)
Dass man auch anders mit unpopulären Entscheidungen umgehen kann, hat doch z.B. Lutscher am Samstag bewiesen. Kein böses Wort, kein Rumgeheule, sondern 100% Power für den Erfolg der Mannschaft(!).
Kann sein. Aber erstens ist eben nicht jeder gleich. Und zweitens sind die genannten Spieler nicht dauerhaft draussen, wie es bei Kuranyi den Anschein hatte, bzw. müssen froh sein, überhaupt dabei zu sein. Das ist schwer vergleichbar.
Ich finds okay, dass sich Kuranyi bei Löw entschuldigt hat, aber das sollte nach seiner Handlungsweise eigentlich auch ganz selbstverständlich sein. Und damit sollte das Thema eigentlich auch durch sein. Der Fokus sollte voll und ganz beim nächsten, schweren Spiel der Mannschaft sein, und nicht bei den Befindlichkeiten eines enttäuschten Kevin Kuranyi, der sich selber ins Abseits gestellt hat.
Richtig. Aber bei dem Befindlichkeiten von Kuranyi ist man halt momentan deswegen, weil der Vorfall grad passiert ist. Das ist nur recht und billig. (Besonders, wenn man nach diesem Vorfall überzogen wird von wenig schmeichelhaften Titulierungen dieses Spielers.) Wenn das nicht möglich sein kann, kann man gleich alle Spieler in Miltäruniformen stecken und den gegnerischen Akteuren den (Spiel)Krieg erklären lassen, da weiß man dann, dass es um blutigen Ernst geht und nichts anderes als der Sieg zählt.
Aber für mich (und vielleicht einige andere) ist der Fußball eben mehr als ein 1:1-Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich entweder im Krieg oder im wirtschaftlichen Vernichtungswettbewerb mitsamt den Werten, die dazu gehören, befindet.
MFG dkbs