Nochmal zu Inception:
Mir ist aufgefallen, dass eigentlich keine der Rezensionen, weder hier noch anderswo online, in der Presse oder im TV, auf das nach einigem Nachdenken über den Film für mich relevanteste Thema eingeht, nämlich
SPOILER
SUCHT. Sämtliche Kritiker reduzieren ihre Rezensionen auf die Traumwelten, die Nolan fabriziert, und das Trauma, mit dem Cobb den ganzen Film über (übrigens überaus offensichtlich) zu kämpfen hat, nie jedoch habe ich bis jetzt davon gelesen, dass alle Charaktere des Films mit genau einem Problem zu kämpfen haben, nämlich mit ihrer Sucht: Das fängt ganz simpel bei Cobb und Mal an, die sich beizeiten ihre Traumwelt erschaffen haben und irgendwann so tief darin gefangen waren, dass sie die Realität von Illusion (oder Unterbewusstsein, wie auch immer) nicht mehr unterscheiden konnten und umso mehr nach ihrer Traumwelt gegiert haben, ohne jede Rücksicht auf ihr "reales" Leben. Cobb hat an einem gewissen Punkt die Gefahr der Sucht dieses permantenten Traums erkannt und ist quasi "auf EntZug" (großes Wortspiel) gegangen, Mal hat das nicht mitmachen wollen und ist in einem Zustand schwerster Entzugserscheinungen aus der Realität geflüchtet.
Das gleiche gilt für Saito und Fisher, die beide süchtig nach Macht sind und in ihrem Streben danach den Bezug zur Realität verlieren, ebenso (und hier wird das Thema Sucht offensichtlich) Ariadne, die als unbeholfene Studentin in das Team geholt und mit dem ersten Ausflug in einen Traum komplett schockiert wird, völlig überfordert die Szene verlässt, aber (angekündigt!) in das Team zurückkehrt, weil das Erlebnis, das sie mit Cobb hatte, sie nicht loslässt - sie kehrt zurück ins Team, engagierter und gieriger auf Erlebnisse (ihr gemeinsamer Trip (!) mit Cobb in dessen Erinnerung) als zuvor.
Wir haben es hier mit einer Abfolge von Trips und Entzugserscheinungen zu tun, die Trainspotting und (folgend) Pulp Fiction problemlos in den Schatten stellen...
Offensichtlichster Nachweis für die These ist die seltsame Apparatur, mit der sich alle an die Träume anderer anschließen. Ein im besten Hitchcock´schen Sinne als McGuffin nicht erklärter, aber für jeden Zuschauer verständlicher Apparat, an den sich die Träumenden anzuschließen haben wie Fixer: Mit Venenstauband, Kanüle und anschließendem tiefstem Rausch, aus dem man (bei geringer Dosis) ohne Probleme erwacht, der aber (bei hoher Dosis) einen "Kick" verlangt, den wir so z.B. als Adrenalinschub aus Pulp Fiction kennen, um daraus erwachen zu können.
Cobb sagt an einer Stelle im Film zu Ariadne, dass er ohne die "Maschine" nicht mehr in der Lage ist, zu träumen - suchtabhängiger geht nicht.
Inception ist folglich eine Versuchsanordnung zum Thema Drogen - inwiefern machen mich Süchte auf der einen Seite zu einem kreativen Menschen, der im Rausch (= im Traum) Welten erschaffen kann, die in der Realität so nie existieren könnten, auf der anderen Seite aber dazu führen, dass sie jeden Bezug eben zur Realität verlieren und dabei die Existenz (in diesem Fall: Cobbs Familie, die gesamte Inception-Truppe, jedes Individuum des Films) aufs Spiel setzen.
Gestützt wird diese These dadurch, dass der Film durchaus impliziert, dass nur wenige Menschen die Traumreisen von Cobb und Co. durchmachen - sprich: der Rausch ist denen vorbehalten, die ihn, aus welchen Gründen auch immer, suchen - und beeinflusst die, die eigentlich unbeteiligt daneben stehen.
Insofern wohnt das Thema Sucht Nolans Film als eine sehr tiefsinnige Ebene in, die, wie ich schon in meiner Kritik geschrieben habe, leider dem Popcorn zum Opfer fällt und weitaus intelligenter in den Film hätte eingearbeitet werden können.
SPOILER END
Was meint ihr?