So, schnell nochmal hochholen, unseren kleinen Tour-Thread, bevor er im Netz-Nirgendwo verschwindet. Erwartete Etappe heute und erwartbar ist wohl auch der richtige Begriff für das 87. Minute-ich-fang-schon-mal-mit-dem-Fazit-an.
Contador wird sich das morgen im Zeitfahren nicht mehr nehmen lassen, ich denke eher, dass er seinen Vorsprung noch deutlich ausbauen wird, weil weder Schleck noch Sanchez, vermutlich auch Menchov nicht, im Zeitfahren auf ihn etwas gut machen können. Alles in allem bin ich vom Tourverlauf ziemlich enttäuscht, wir hatten das hier schonmal angerissen. Es war relativ schnell klar, dass alles auf ein Duell zwischen Contador und Schleck hinausläuft - das war ohnehin erwartbar, aber in der Deutlichkeit ist es für die übrigen Fahrer und auch für die Zuschauer ein bisschen frustrierend. Selbst die Tatsache, dass Contadors Vorsprung nur 8 Sekunden beträgt, relativiert sich, wenn man die Zeitfahrqualitäten in Betracht zieht. Allein für die Zukunft hab ich Hoffnung, dass Andy Schleck im Zeitfahren noch deutlich zulegen wird. Der ist noch ausgesprochen jung und hat massig Zeit, seine Fähigkeiten im ZF auszubauen. Aber von einem Duell auf Augenhöhe kann bei Schleck und Contador momentan leider nur in den Bergen gesprochen werden. Das war zwar hinauf zum Tourmalet schön anzuschauen, aber gleichzeitig so offensichtlich ein Patt, dass das Klassement im Endeffekt keine Besonderheit darstellen wird (so Schleck es überhaupt schafft, morgen Platz zwei zu verteidigen).
Die Tourorganisation befindet sich diesbezüglich glaube ich auch in einem ziemlichen Dilemma: Sie haben, das haben die Streckenkommentare im diesjährigen Programmheft zur Tour ziemlich deutlich gezeigt, alles versucht, auf irgendeine Art und Weise Spannung in die Rundfahrt zu bringen (Klassikerähnliche oder windanfällige Etappenverläufe in Woche eins, sparsame Alpen, gewolltes Finale furioso in den Pyrenäen) und Abstände auch auf Kosten von Stürzen oder Defekten auf dem Pavé in Kauf genommen, letztlich ist der Plan aber nicht so aufgegangen, wie erwartet. F. Schleck und Vandevelde hat es in der ersten Woche gleich rausgehauen, auch Armstrong hatte da Pech (wenn auch im Endeffekt generell keine Chance), vom schon obligatorischen Pechvogel Cadel Evans in den Alpen ganz zu schweigen, doch Contador hat sich von den ersten Etappen nicht unterkriegen lassen, obwohl gerade die wohl ihm galten. Hier relativiert sich auch der Vorwurf an Contador, er habe bei Schlecks Defekt nicht gewartet - großartig anders hat Saxo-Bank auf der Arenberg-Etappe auch nicht agiert, allerdings Tage vorher das Peloton zusammengehalten, weil Schleck rankommen musste...
Action war also durchaus da, allein, nichts davon hat wirklich so geklappt, wie von der ASO gewünscht, außer dass es zu einem Duell gekommen ist, das aufgrund der schon oben angesprochenen Zeitfahrproblematik keines ist - anders als die legendäre Tour von ´89 mit dem 8-Sekunden-Abstand zwischen LeMond und Fignon oder auch die Tour von 2003, bei der Ullrich vor dem abschließenden Zeitfahren gegen Armstrong nur eine knappe Minute zurücklag und damit durchaus Chancen auf eine Überraschung gehabt hätte (letztlich damals doch nicht, aufgrund des Wetters und Armstrongs Überlegenheit)...
Wie wird man in Zukunft diese Problematik angehen? Die Tour ist sicherlich nicht langweilig und die Ideen dieses Jahres finde ich auch per se nicht schlecht, insbesondere im Vergleich zum Giro d´Italia hält man sich bei der Tour in den letzten Jahren gerade was Bergetappen angeht merklich zurück, wohl in dem Glauben, zu viele schwere Berge würden das Programm in Zeiten kritischster Dopingbeobachtung durch Medien und Publikum zweifelhaft erscheinen lassen (was nicht von der Hand zu weisen ist: Dieses Jahr sind sie beim Giro bspw. den Zoncolan gefahren, gegen den sich selbst der Tourmalet überspitzt gesagt als Hügelchen in der Fränkischen Schweiz ausnimmt, sowie ein Bergzeitfahren hinauf auf den Kronplatz), aber letztlich wäre da Doping sogar als Thema eher zu vernachlässigen, wenn die Mechanismen des profit- und erfolgsorientierten Profisports hier nicht greifen würden. Die Pässe lassen sich allesamt auch bei einer dreiwöchigen Rundfahrt fahren, es ginge nur eben nicht so schnell, sollte man sie sauber bewältigen wollen - da das Ganze aber nunmal Wettfahrten sind, will man sie so schnell wie möglich befahren - zack, alte Dopingproblematik.
Insofern kann ich der Tour nach eingehendem Studium meines eigenen Posts eigentlich nicht wirklich einen Vorwurf machen. Sie haben vieles versucht, scheitern aber vermutlich an den Gesetzen des Pelotons, der Fahrergeneration, mit der wir es zu tun haben und wohl auch am eigenen legendären Ruf - die Tour steht, anders als Giro oder auch Vuelta, weit mehr unter Beobachtung, in jeder Hinsicht. Ein Verhalten, das sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren mehr und mehr auch auf die Fahrer überträgt. Es wird sehr lange abgewartet, viel gezögert und letztlich auf drei, vier Kilometern meist nur einer Bergetappe Klassement gemacht. Das ist schade und kein Vergleich zu vergangenen Tour-Ausgaben, aber wohl nicht zu ändern und in Anbetracht des "Zwei-Flaschen-Frustbier-am-Abend-davor"-Testosteron-Solos von Floyd Landis nach Morzine 2006 wohl auch besser so.
Glückwunsch an Contador, wenn auch einen sehr zweifelhaften - oder um es mit dem ebenfalls reichlich zweifelhaften Andreas Klöden zu sagen: "This is cycling now...!"
Edit: Um mich selbst ein bisschen zu revidieren: der Kampf ums Grüne Trikot ist in diesem Jahr allerdings eine wirklich interessante Geschichte. Ich hätte gern Hushovd vorne, wenn allerdings Cavendish im Finale auf den Champs-Elysees seine Mannschaft im Griff hat, geht da was - Petacchi find ich doof.