Habe gestern noch zwei der neuen getestet. Und dabei gemerkt, dass mir 20 Flaschen auf der Kommode doch zuviel ist. Jedenfalls, wenn es darum geht, die vorhandenen zu erschmecken und zu vergleichen. Das überfordert mich doch ein wenig. Denke jetzt, dass 16 oder sogar 12 ausreichend sein werden, um einen Querschnitt stehen zu haben. Im Moment ist das mit den vielen Flaschen aber okay, um Erfahrungen zu sammeln. Und reduzieren geht in diesem Fall einfacher als aufstocken.
Wo wir dabei sind, meine Eindrücke mit 2 Neuerwerbungen von gestern abend:
Tobermory 10yo Islands (Mull) 46.3 Vol%, non-chill-filtered, coloured
Auge: helles bernstein-gold. Wundert mich, das er gefärbt sein soll. Kommt wie ungefärbt daher. Vielleicht war das mit dem "gefärbt" eine Falschinfo oder es wurde sehr zurückhaltend gefärbt.
Nase: Nicht das überall prophezeite Anis !
Zuerst kommt................... nichts ! Es ist Whisky im Glas, das riecht man, aber sonst.... Fehlanzeige. Braucht viel Zeit, sich zu entfalten. Nach einiger Zeit eine Mischung aus Früchten und ein bisschen was blumigem, erinnert mich spontan an cask finishes mit Weißweinfässern, sehr grob ähnlich zum Arran sauternes aber nicht so jung und sprittig, sondern etwas zurück haltender, ausgewogen und rund. Sodann kommen leichte Meersalzbrisen und saubere, klare Malznoten mit einer ganz kleinen Spur Rauch zum Vorschein, diese Verbindung ist sehr subtil mit dem Malz voluminös im Vordergrund, toll. Dazu schwach ein pikantes Gewürz, das ich nicht definieren kann, vielleicht Kreuzkümmel oder Kardamom, es bleibt unklar. Auf jeden Fall kein Anis und kein Ingwer. Alles, was in der Nase kommt und geht, bleibt zurückhaltend und ausgewogen.
Zunge/Gaumen: Auf der Zungenspitze leichte, klare Süße, wieder harmonisch mit ganz schwachem, minimal wahrnehmbaren Rauch verwoben, etwas Malz und etliche Gewürze, die ich nicht definieren kann, halt stop etwas Ingwer-Pfeffer-Schärfe ist dabei, aber wieder würde ich es als fein-zurückhaltend charakterisieren, so dass sich nichts aufdrängt. Im Allgemeinen kann ich Anis gut erschmecken, habe schon Ouzo und Pernod konsumiert, mag das und bin jetzt ganz traurig, das ich das nicht finden kann, denn das war der Thrill, den ich mir erhofft hatte (und den einige nicht mögen). Ist aber gar nicht da, wie gesagt. Luft über die Zunge eingezogen bringt eine volle, deutliche Schar von Gewürzen, aber immer noch vergleichsweise sanft, rund und harmonisch, sozusagen "Chili-Ingwer very light". Alles bleibt fein, zurückhaltend und harmonisch.
Kehle/Hirn -Nachklang: Eher flach, man denkt zuerst, was für ein kurzer Abgang, aber dann wird er länger und erreicht mittlere Länge und JAHA ! Jetzt ist da, wo die Flüssigkeit gerade den Magen erreicht auf einmal ein bisschen Anis-Geschmack im Mund. Hoppla ! Allerdings auch lange nicht so gewaltig und aufregend, wie vielfach beschrieben, sondern wie alle Eindrücke dieses Malts harmonisch und zurückhaltend. Hat Tobermory auf die Anis-Kritik schon reagiert, oder wollte mein Gaumen das Anis partout nicht schmecken ? Oder habe ich mir gar selbst das bisschen Anis eingebildet, weil ich so darauf fixiert war, es zu riechen ? Ich weiß es nicht.
Mich beschleichen Ahnungen, dass bei den zahlreichen Tastings und Bewertungen im Internet womöglich viele Leute wohl ganz einfach von gewissen "Päpsten" mit Brille und Glatze abschreiben und nur ein bisschen umformulieren. Womöglich haben sie von den zahlreichen Politikern der Regierungsparteien gelernt. Oder die Macht der Einbildung ist so stark, dass man eben das riecht und schmeckt, was Horst (bzw. "die anderen") auch gerochen und geschmeckt haben (Stichwort: "Herdentrieb").
Ebenso realistische Alternative: Bei mir haben ein paar Tausend Geschmacksknospen gestern abend frei gehabt.
Fazit: Ein guter, sauberer und sehr harmonischer weicher Dram. Das ist einerseits toll, weil er so weich und harmonisch ist, obwohl er im Alkohol durchaus kräftig antritt. Beides zu vereinen ist schon Kunst und zeugt von einer soliden Arbeit der Brennerei. Andererseits ist es auch ein ganz klein wenig langweilig. Wir werden sehen, ob sich der Eindruck bei den nächsten Proben ändert und das Anis in die Flasche zurück kehrt.
Die weiteren Tasting-notes folgen.