Egal wie das jetzt ausgeht und mit Sicherheit wird das zweite Jahr schwerer, aber ein Fazit der Arbeit Skripnik`s nach
nur drei Monaten(!) könnte sich besser kaum lesen:
1. taktische
und spielerische Entwicklung
Nur knapp 6 Wochen dauerte es, da hatte VS ein Spielsystem installiert, welches gegen Dortmund erstmals seine volle Blüte zeigte. Und zwar eines, was sowohl Eigenschaften eines vernünftigen Passpiels, kombiniert mit Abstimmung und Laufwegen, sowie koordiniertes Pressing zeigt, als auch gewisse Mittel in der Rückwärtsbewegung beinhaltet. Das ist besonders bemerkenswert, da in den letzten knapp 10 Jahren Werder mindestens entweder das eine oder eben das andere ein fatales, uns fast unlösbar erscheinendes Problem darstellte und letztlich den dramatischen Niedergang Werder einleitete bzw. zementierte.
Natürlich haben wir noch lange nicht die Qualität in unseren Reihen für DIE Balance, mit der wir souverän gewinnen könnten, wenn wir gewinnen müssen, gegen keinen Gegner der Liga. Aber mir gefällt sehr gut, dass trotz der ein oder anderen individuellen Schwäche im Mf in Bezug auf Umkehrspiel, welche mangelnde Raumaufteilung der Mannschaft nach sich zieht, Du jederzeit den Willen erkennen kannst, in schwierigen Situationen mit vielen Leuten immer wieder hinter den Ball zu kommen und dass ein diszipliniertes Positionsspiel unverkennbar ist.
So holst Du dann eben trotz gewisser Schwächen in Sachen Spiel- und Raumverständnis immer mal wieder Bälle zurück, bringst die nötige Ruhe rein, um eine Führung zu sichern und - noch wichtiger - die eigene Leistung zu stabilisieren. Statt dass es uns selbst widerfährt, lassen wir den Gegner zunehmend verkrampfen. Und zur Not wird wie gegen Hertha auch mal ein taktisches Foul ausgepackt, wenn es gar nicht anders geht, um einen möglicherweise spielentscheidenden Konter zu unterbinden.
Auf die Weise haben wir Mannschaften wie Mainz, Stuttgart, BVB, Hertha und gestern Hoffenheim taktisch sauber "seziert" und auch in Frankfurt hätten wir gewonnen, wenn nicht zwei irreguläre Tore das Spiel entscheiden. Gerade das komplette Fehlen eigentlich einfacher Aspekte strategischer Spielführung hat uns früher überlegen geführte Spiele (manchmal mit Halbzeitführung) öfter noch entgleiten lassen und einen manchmal fast wahnsinnig gemacht.
Wir geraten unter Druck, bewahren aber die Linie. Lassen uns immer seltener davon abbringen, auch nicht durch Gegentore zu eigentlich ungünstigen Zeitpunkten. Es wird selbst unter Druck eher selten notbehelfsmäßig raus und rumgebolzt, das Team findet über fussballerische Facetten den Faden wieder. In der Folge kontrollieren wir Spiele mit einer klugen Mischung aus Dominanz und Kalkül. Speziell letzteres hab ich schon sehr, sehr lange nicht mehr in dieser Form bei Werder gesehen. Gefühlt seit 20 Jahren, seit Otto, mindestens aber seit Micoud.
Zudem lernt Skrippa sichtlich hinzu, was das Reagieren auf Gegner und Spielverläufe betrifft. In Hamburg, gegen Hannover oder Gladbach hat er noch Lehrgeld gezahlt, inzwischen ist mir das nicht mehr so aufgefallen.
Halbzeitansprachen erzielen mittlerweise regelmäßig und sofort danach Wirkung auf dem Spielfeld. Hier deutet für mich vieles auf eine feine Mixtur in der Zusammenstellung des Trainerstabs hin.
2. individuelle Entwicklung
Ich habe den Eindruck, dass Spieler wie zum Beispiel Bargfrede, Selassie, Junuzovic erstmals seit sie bei Werder BL spielen was taktische Disziplin angeht entscheidend dazulernen und nicht zuletzt dadurch ihre richtige Rolle im Mannschaftsgefüge finden. Ein Selke, früher bekannt dafür viele "schöpferische Pausen" einzulegen und unfähig seine Konzentration fokussieren zu können, ist mittlerweile 70-80 Minuten aktiv im Geschehen. Laufbereitschaft und Miteinander auf dem Rasen stimmen, wodurch jeder einzelne ein paar Prozent für sich drauflegen kann.
Neuankömmlinge wie Vestergaard oder Ötztunali, die zuletzt nicht mehr oder noch gar nicht BL-Spielpraxis hatten, wirken nach kürzester Eingewöhnungszeit sofort integriert. di Santo ist direkt nach der Verletzung schnell wieder in alter Verfassung.
3. Werders Fans und die Wahrnehmung
Skrippa hat den grausamen Murks der letzten 5 Jahre innerhalb von nur drei Monaten fast vergessen lassen, die Anhänger geeint und Werder schon jetzt eine andere öffentliche Wahrnehmung verpasst. Jedenfalls ist das der Eindruck aus meinem erweiterten Umfeld. Und ganz nebenbei gelang es VS klammheimlich, Eichin inklusive dessen Transfers vorerst aus der Schusslinie zu nehmen.
Seit der Hinrunde 2009/2010 hat mir Werder nicht mehr so viel Spass gemacht wie in den letzten neun Wochen.
Danke.

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