VfL Osnabrück: Das total verrückte Pokal-Finale
Von Harald Pistorius
Osnabrück.
Gibt´s das nur in Osnabrück? Ein sportlich bedeutungsloses Pokal-Finale wird zum Happening für fröhliche Fans, das beide Mannschaften genießen. Der VfL Osnabrück verlor zwar am Mittwochabend das Endspiel um den großen, aber recht hässlichen Pokal des Niedersächsischen Fußball-Verbandes im Elfmeterschießen (2:4, 2:2 nach regulärer Spielzeit) gegen den SV Wilhelmshaven, doch im 47. Pflichtspiel einer langen Saison fielen der Druck und Ernsthaftigkeit bei Fans und Spielern ab.
Es entstand eine Atmosphäre von alberner Heiterkeit, die den Grundton für ein total verrücktes Pokal-Finale lieferte. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Beide Mannschaften nahmen ihren Job ernst so ernst, wie es dieses Spiel erforderte. Qualifiziert waren beide durch die Finalteilnahme schon vorher für die 1. DFB-Pokal-Hauptrunde 2010/11, der Anreiz zum Sieg waren die Trophäe und die Ehre, sich in die Gewinnerliste des seit 1956 ausgetragenen Wettbewerbs einzutragen.
Die Osnabrücker hatten zweieinhalb Tage eines Mannschaftstrips nach Mallorca, die Strapazen des Aufstiegsfinales und die ausgiebigen Feiern in den Knochen. Anfangs merkte man dem Team fast durchweg an, dass es an Kraft, Konzentration und wohl auch Koordination fehlte. Doch je mehr die motivierten, spiel- und offensivfreudigen Gäste aus dem Tabellenkeller der Regionalliga das Spiel in die Hand nahmen, desto mehr riss sich der VfL zusammen.
Nach dem Rückstand durch Jurez (29.) und der Halbzeitpause schien alles wie in vielen Heimspielen zuvor zu werden: Der VfL stürmte auf die Ostkurve und schaffte durch zwei Treffer des eingewechselten Aleksandar Kotuljac (55., 69.) die Wende.
3000 Zuschauer feierten mit einem Schuss Selbstironie und einer großen Prise Witz wie beim Aufstieg: Die Welle rollte durch das Stadion, die VfL-Hymne wurde a capella gesungen, und auch die Wilhelmshavener wurden immer wieder angefeuert.
Vor allem ein junger Mann namens Ali Moslehe eroberte sich wie aus dem Nichts die Sympathien der angeheiterten Kulisse. Der Wilhelmshavener Reservist hatte in der Pause, als sich die Ultras in der Ostkurve die Zeit mit einem Volleyball-Match vertrieben, den auf den Rasen geflogenen Ball zu den Fans zurückbefördert; später alberte er beim Warmlaufen mit den Lila-Weißen herum.
Als er dann eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt wurde, stand die Kulisse wie ein Mann hinter dem flinken Rechtsaußen. Ohne Ali habt ihr keine Chance sang die Kurve, oder: 2. Liga Ali ist dabei. Jede Aktion von Moslehe wurde mit anfeuernden Rufen und Gesängen begleitet, und tatsächlich drehte der schnelle Dribbler auf: Sieben Minuten vor dem Ende erzielte er das 2:2, mit einem schönen Schuss nach einer schnellen Drehung im Strafraum.
Jetzt war die Stimmung endgültig auf Fußball-Party-Kurs, ohne dass dabei die Gästespieler herabgesetzt oder veralbert wurden. Immerhin hatten die Wilhelmshavener vor dem Anpfiff auf einem großen Transparent dem VfL zum Aufstieg gratuliert und waren dafür bejubelt worden.
Und so gönnte man den Gästen von Herzen den Sieg im Elfmeterschießen, das wer sonst? Ali Moslehe mit einem Treffer eröffnete und Konstantin Engel sowie Kotuljac mit ihren Fehlschüssen über das Tor entschieden. Ali, Ali, Ali auf den Zaun sang die Ostkurve, die dann noch ein abschließendes Humba-Humba-tätäterä mit Thomas Reichenberger zelebrierte und die Siegerehrung stimmungsvoll begleitete.
Doch der Mann dieses Abends war ein in Hamburg geborene Deutsch-Libenese, der den NFV-Pokal in die Kabine schleppte, überschäumend von sich erzählte und dabei ein Detail verriet, das zu diesem verrückten Finale passte: Auf seiner langen Wanderschaft durch den Norden hat Ali auch schon beim VfL Station; ein halbes Jahr in der A-Jugend.
Fußball ist nicht immer nur Drama oder Krimi, sondern in seltenen Momenten eine Komödie oder ein Lustspiel, die keine Verlierer kennen. So ein Moment war der 12. Mai 2010.