Das habe ich gerade in der Süddeutschen Zeitung gefunden:
Es war aber auch hundsgemein, was ZDF-Reporter Boris Büchler da mit dem armen Tim Wiese veranstaltete. Wir leben doch in einer Zeit, in der sich Journalisten und Fußballer duzen, in der Interviews vor der Veröffentlichung noch einmal vom Sportler und dessen Verein entschärft werden. Und dann kommt da nach der Niederlage gegen England Boris Büchler auf Tim Wiese zu und führt ein derartiges Interview.
Man muss zuvor einfügen, dass Wiese gerade eine formidable Halbzeit im deutschen Tor hinter sich hatte. Es war seine erste Halbzeit im deutschen Tor, und weil zuvor René Adler gepatzt hatte, kam einem die Halbzeit von Wiese gleich noch formidabler vor. Oliver Kahn nannte die Parade von Wiese beim Schuss von Shawn Wright-Phillips "Weltklasse", Johannes B. Kerner war kurz davor, einen Torwart-Dreikampf in der Nationalelf auszurufen.
Doch dann kam Büchler, und man weiß bis heute nicht genau, welchen Rekord Tim Wiese in diesem Gespräch brechen wollte. Es könnte die Bestmarke für das am wenigsten aussagekräftige Interview seit Reiner Günzler und Norbert Grupe, Boxer und selbsternannter Prinz von Homburg, im "Aktuellen Sportstudio" im Jahr 1969 sein. Wiese könnte aber auch versucht haben, ins Guinness-Buch zu kommen als menschliches Echo - auf fast jede Frage Büchlers sagte er: "Müssen Sie den Trainer fragen" oder "Den Rest muss der Trainer entscheiden".
Genervt vom Frage-Echo-Spiel
Büchler gab nicht auf, er hakte nach und fragte einfach immer weiter. Da rutschte es dem armen Wiese - wohl genervt vom Frage-Echo-Spiel - heraus: "Man darf ja nichts hier in der Öffentlichkeit sagen, mein Gott."
Mit diesem einen Satz könnte Wiese - ansonst eher ein forscher Forderer denn ein bescheidener Nichtssager - noch einen anderen Rekord brechen: die Bestmarke in der Kategorie "Trotz guter Leistung nie mehr nominiert". Denn der Ausspruch Wieses zeigt deutlich, was das erste Löw'sche Gebot für die Nationalspieler ist: "Du sollst öffentlich Deine Meinung nicht kundtun."
Es ist eine konsequente Fortführung dessen, was sich schon während der Europameisterschaft im Sommer angedeutet hatte. Der DFB schottet seine Nationalelf ab, nichts soll an die Öffentlichkeit gelangen. Konnte man früher noch Rangeleien im Training beobachten oder einen Nationalspieler im Hotel ansprechen, gibt es nun: nichts mehr. Ein Fan, der während der EM die 15 Minuten des Abschlusstrainings verfolgte, das laut Uefa-Regeln öffentlich sein musste, sah mehr Übungen als die Journalisten, die im Quartier in Ascona weilten.
Tim bleibt Tim, und dass ist gut so. (Das ist von mir!)