Ich mag nicht mehr.
Ich mag nicht mehr ins Stadion gehen.
Und nein, das hat nichts mit Werder zu tun.
Das erste Heimspiel seit 3 Wochen.
Mit der üblichen schrägen Mischung aus kindlicher Vorfeude und der - in den letzten 3 Jahren üppig genährten - ängstlichen Erwartung des sportlichen Ernstfalles betrete ich das Stadion.
Die Mannschaften laufen ein, der Schiedsrichter pfeift das Spiel an, in der Ferne summen Bremer und Mainzer Ultras dezent ihre regionalen Interpretationen von akustischer Unterstützung und ansonsten...
...ansonsten nichts.
Montags morgens im Wartezimmer beim Urologen dürfte mehr Emotion in der Luft liegen und das Klirren der von mir mitgebrachten Stecknadeln hallt beim Aufprall auf den Boden durchs Stadionrund.
Siebzehn Minuten gespielt. Null zu Zwei.
Ja, auch werde wahnsinnig und raufe mir die nicht vorhandenen Haare.
Vielleicht habe ich einen Knall.
Sicher habe ich das. Aber mein erster Impuls ist derselbe wie in all den Jahrzehnten in diesem Stadion bei vergleichbarem Spielverlauf:
Ich blicke auf die Uhr, denke "noch 73 Minuten" und versuche meine Mannschaft JETZT ERST RECHT anzufeuern.
Denn mal ehrlich, was gibt es Geileres, als so ein Spiel noch zu drehen und dann vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphin durch den restlichen Abend zu schweben.
Nach Null zu Zwei noch Drei zu Zwei gewinnen... der einizge Erfolg, den wir den Bayern auf ewig voraus hätten. Die können nur träge vollgefressen an erwartbaren Kantersiegen aus ihrer Arena schlurfen, ganz einfach, weil sie nie Null zu Zwei in Rückstand geraten!
Jetzt die Mannschaft anfeuern. Mund abwischen und los! 40000 und die Elf auf dem Platz. Bis die Mainzer selbst nicht mehr dran glauben, dass sie gerade 2:0 führen.
Still und starr ruht die Nordgerade.
Tausende kleine DieterBohlen-Imitatoren blicken voller Abscheu auf den Rasen als wären sie gerade beim DSDS-Casting in Westerstede.
Plötzlich und doch so absehbar bricht der Mob sein Schweigegelübde.
Ein Ball rollt auf Sebastian Mielitz zu und Hunderte Menschen, deren Fähigkeit zu jedweder Form von Leidenschaft so absurd erschien wie ein Vulkanausbruch im Wattenmeer, bekleckern akustisch ihre Unterhosen mit - wie originell - höhnischem Applaus.
Da haben sie es dem Mielitz aber mal so richtig gegeben.
Gewinnen wollen wir hier ja nicht mehr. Wir wollen am liebsten Null zu Acht abgeschlachtet werden. Mit noch ganz viel mehr grünweißen Stockfehlern.
Damit wir in der verbleibenden Spielzeit mal so richtig alles rauslassen können.
Wir sind ja gar nicht so steif und reserviert wie alle immer sagen.
Wir können auch Wutbürger.
Ich springe auf, drehe mich um und mache mich sicherlich gerade komplett zum Affen, als ich mit bebendem Timbre und unbeholfenen Flüchen den Menschen, die mit mir diesen Ort voller Erinnerungen teilen und doch gerade so sehr mit ihrem Kleingeist entweihen, den Irrsinn ihres Handelns mittels einer ihnen vertrauten Wortwahl zu verdeutlichen versuche.
Jetzt wird nicht mehr über Mielitz gelacht.
Jetzt wird mir Schläge angedroht.
Ich sehe das als Kompliment an und müde freue ich mich, dass Sebastian Mielitz für einen Moment nicht mehr ihr primäres Feindbild zu sein scheint.
Werder gibt sich nicht auf. Werder kämpft und hat Chancen.
Werder tut das, was jeder dieser Laiendarsteller eines Fußballsymathisanten geifernd auf den Leserbriefseiten der Sportbild fordert:
Sie reißen sich den Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

auf um das Spiel zu drehen.
Ja natürlich... jeder nach seinen Möglichkeiten. Wir sind nunmal nicht der FC Bayern. Aber der liegt ja auch wie gesagt nie Null zu Zwei hinten.
Mittlerweile in der Nordgerade: Kollektives Wachkoma.
Ich frage mich ernsthaft, was wollen die Zuschauer sehen???!!!
Wenn sie genau das - nämlich den Versuch einer Aufholjagd - nicht sehen wollen, warum haben sie dann nicht in der 17. Minute das Stadion verlassen?
Doch sie sind geblieben.
Nach 3 hundertprozentigen Werderchancen und circa 8 zunehmend heiseren Anfeuerungsversuchen meines mobilen Ein-Mann-Fanblocks stelle ich - leicht cholerisch und sicherlich ebenso ungewollt putzig wie 20 Minuten vorher - die Frage ins weite Rund, ob es nicht gerade eine prima Gelegenheit wäre, seine Mannschaft anzufeuern, angesichts der Tatsache, dass sie sich eben nicht von Mainz weiter abschiessen lässt, sondern alles versucht um den Anschlusstreffer zu erzielen.
Mir wird noch nicht einmal Schläge angedroht.
Manche starren mich an als würde ich des Kaisers neue Kleider vorführen (was ich emotional ja auch gerade irgendwie tat). Einige fangen an zu kichern.
Und alle einte völliges Unverständnis darüber was der komische Mann da gerade von sich gibt.
Viel anders hätten sie nicht gucken können, wenn ich ihnen vorgeschlagen hätte, dass wir uns jetzt alle mal den Finger in den Po stecken und laut "Mexiko" rufen.
Es gab viele solcher Momente in den letzten Jahren.
Doch das war er dann... der Moment, als nach über 3 Jahrzehnten etwas in mir abgeschlossen hatte mit dem Weserstadion.
Mit seinen Kunden.
Nicht mit seinen Akteuren.
Ja, ich weiß... dann fiel ja noch das Null zu Drei. Und spielerisch reicht es nicht und die Bremer Tore fielen zu spät und Mielitz ist blabla und alle anderen auch und scheiß Millionäre und wir haben ja schließlich bezahlt und wenn ich im Büro so schlafen würde wie die Bremer Abwehr, dann hätte mein Chef schon längst...
Geschenkt.
Liebe Nordgerade.
Ich brauche ne Pause von Dir.
Viel Spaß gegen die Bayern.
Da könnten ja auch ein paar Gegentore fallen.
Ihr werdet Euren Spaß haben.