Eins vorneweg: ich wäre der erste, der zu Fuß nach Italien laufen würde, um Marmor für ein Denkmal nach Bremen zu tragen, sollten TS und KA einmal nicht mehr in der Verantwortung unseres Vereins stehen.
Dennoch fürchte ich, dass eine Diskussion über die Zukunft der beiden nicht aus der Luft gegriffen ist.
Auch das zwischenzeitliches Tabellenhoch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei uns seit einigen Jahren etwas schief läuft. Um sich das zu vergegenwärtigen genügt eigentlich schon ein Rückblick auf die vergangenen Spielzeiten:
Es ist nicht lange her, da hat sich der SV Werder sechsmal in Folge für die Champions-League qualifiziert - eine Leistung, die gemessen an den Voraussetzungen unseres Vereins nicht hoch genug bewertet werden kann. Da war etwas entstanden, was mit gegebenen Bedingungen eigentlich kaum jemand für realisierbar gehalten hätte. Der mittelständische SVW war zur klaren Nummer Zwei im deutschen Fussball avanciert und hatte sich in der europäischen Spitze etabliert. Sich dort noch zu steigern, gelang uns nicht, eine internationale Weiterentwicklung fand nicht statt, konnte aber auch nicht unbedingt erwartet werden. Nichtsdestotrotz erhielt der Verein über sechs Spielzeiten hinweg jährliche CL-Einnahmen in Höhe von 15-18 Mio Euro. Und an dieser Stelle liegt für mich der Knackpunkt.
Zu den genannten Einnahmen kamen die Verkäufe von Klose, Diego und Özil. Ich bin mir bewusst, dass sich die Kosten für unseren Kader vervielfacht haben, dennoch lässt sich nicht abstreiten, dass durch CL- und Transfer-Millionen ein solides Fundament gelegt war, auf demman hätte aufbauen können. Und eben das ist nicht passiert!
Wir haben als Mannschaft mit dem zwischenzeitliche Anspruch, zu den europäischen Top 16 zu gehören, über Jahre hinweg versucht, die Probleme in der Abwehr mit Spielern wie Tosic, van Damme und Co zu lösen. In der Winterpause unternahmen wir den Versuch, eine mehr als offensichtliche Großbaustelle mit einem tunesischen U-21 Spieler zu besetzen, der letztendlich gar nicht anders konnte, als am Ende zu verlieren.
Während man vehement versuchte,die Abwehrprobleme durch ablösefreie Spieler und Transfers in minimaler Höhe zu lösen, zeigte man sich an anderer Stelle erstaunlich großzügig. Die Transfers von Alberto, Wesley und Arnautovic verschlangen ca. 25 Mio Euro. Zwischenzeitlich war unser Kader zudem so aufgebläht, dass selbst die Summe der Spieler mit moderaten Einkünften unterm Strich einen Haufen Geld verschlang. Auch wenn man letzteres Problem entschärfen konnte, ist de SV Werder mittlerweile wieder eine mittelmäßige Bundesligamannschaft, nicht mehr und nicht weniger. Der Tabellenplatz kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zu 90% der Verdienst eines einzigen Spielers ist, dass wir uns nicht in ganz anderen Niederungen der Tabelle befinden.
Der SVW der Spielzeit 2011/12 hat bisher in vielen Spielen mit Kampfgeist überzeugt, der Einsatz stimmte - das war ein kleiner Schritt nach vorne. Nichtsdestotrotz ist das, was wir spielerisch abliefern größtenteils mangelhaft; unser Abwehrverhalten -darüber kann auch nicht die stabilisierende Rückkehr von Naldo hinwegtäuschen- ist weiterhin häufig grauenvoll und gehört zum schwächsten, was die Liga zu bieten hat. Im Mittelfeld fehlt es uns an Kreativität und unser Sturm ist eine Ein-Mann-Show. Darüber hinaus ist es uns seit Jahren nicht gelungen, Talente aus den eigenen Reihen nach oben zu bringen, einzige Ausnahme ist hier vielleicht Bargfrede, dessen Leistung jedoch seither stagniert.
Man kommt also nicht umhin, zu sagen, wir haben das oben angesprochene starke Fundament weder weiter zementiert, noch darauf aufgebaut. Schlimmer noch: eine 500.000 Leihe wurde für unseren Verein nach Jahren sprudelnder Einnahmen erschreckend schnell zu einem kaum zu bewältigenden Hindernis.
Somit stellt sich die Frage: woran liegt es? Und egal, wo man die Ursache für diese Entwicklungs sieht, die Verantwortlichkeit liegt letzten Endes bei Thomas Schaaf, Klaus Allofs oder beiden. Ansätze, um Fehler der beiden zu attestieren, gibt es leider genug: Die Transfers von Arnautovic (knape 8 Mio), Wesley (8-10 Mio) und Ekici (5 Mio) haben sich bislang als Fehlschüsse herausgestelt. Bei Mehmet Ekici sehe ich persönlich es so, dass wir dringend einen Spielmacher brauchten und man zuschlagen musste, da er eine gute Saison gespielt hatte und verfügbare Spielmacher rar gesät waren. Was die anderen Transfers angeht, bin ich um einiges kritischer. Insbesondere bei Wesley frage ich mich, was die sportliche Leitung dazu bewegt, eine so immense Summe auf den Tisch zu legen. Wesley hatte in Brasilien starke Leistungen gezeigt, aber er war ganz klar eine Risikoverpflichtung, eine Wundertüte - und der SV Werder kann es sich eigentlich nicht leisten soviel Geld für eine Wundertüte auszueben. Gleiches gilt trotz aufsteigender Form für Arnautovic. Gepaart mit der -für mich bis heute nicht nachzuvollziehenden- Verpflichtung von Denni Avdic hinterfrage ich auch Werders Scouting - letztendlich wurden hier Potentiale und Fähigkeiten in Spielern erkannt, die sich als Trugschluss herausstellten.
ODER aber: all diese Spieler sind tatsächlich geniale Fussballer, Thomas Schaaf schafft es aber nicht, diese Leistungen freizusetzen - damit wären wir bei der anderen möglichen Ursache. Ich muss ehrlich sagen, ich habe Zeit meines Lebens keine Mannschaft erlebt, die so enorm lernresistent war, wie die des SV Werder Bremen. Wir begehen die gleichen Fehler immer und immer wieder, unsere Standards sind in aller Regel fürchterlich und uns auszukontern, ist auf eine Art und Weise einfach, die einem die Sprache verschlägt. Und all dies sind Dinge, die in der Verantwortung von TS liegen.
Viele argumentieren "Was soll Schaaf machen, wenn die Spieler es nicht besser können" - Ich antworte "Dafür sorgen, dass sie es lernen" - denn unterm Strich ist ein Trainer nichts anderes als ein Lehrer - und einen guten Lehrer zeichnet aus, dass er auch schwächere Schüler nach vorne bringt. Unser heutige Gegner hat es vorgemacht - Gladbach war die Schießbude der Liga, Favre hat dies geändert (und dies nicht mit millionenschwerem neuen Personal). Das zeigt: es ist möglich, Fehler abzustellen und sich zu entwickeln, so etwas zu fordern ist legitim und die Umsetzung nicht unmöglich.
Für mich ist es eine Tatsache, dass wir aus unseren Möglichkeiten in den letzten Jahren nicht genügend gemacht und sehr vieles verspielt haben. Trotz Tabellenplatz 5 hat sich der SV Werder in den letzten zwei Jahren zurückentwickelt. Und wie ich es auch drehe und wende - Sportdirektor und Trainer kann man nicht von einer Schuld freisprechen.
Insofern halte ich undiffernzierte "KATS raus" Rufe immer noch für falsch, eine Diskussion über beide aber für legitim, ja sogar notwendig.