Ich persönlich wäre nicht traurig, wenn Löw ginge. Aus persönlichen Gründen.
Aber nach der WM denke ich, dass es mindestens nachvollziehbar wäre, wenn er bleiben würde:
Über die Bewertung des reinen Ergebnisses lässt sich sicher streiten:
Zwei dritte Plätze und ein zweiter Platz sind nicht perfekt. Man kann auch mal einen Titel holen. Man kann allerdings einen Titel nicht planen, denn diverse andere Mannschaften haben den gleichen Anspruch. Einige davon haben bei den drei Championaten diesbezüglich besser abgestanden, aber eigentlich doch nur Spanien und Italen, das allerdings bei den beiden anderen Events schwer enttäuscht hat.
Viele andere Nationen haben maximal gleich gut abgeschnitten (Niederlande, Frankreich, die allerdings auch außer einem Erfolg keine Bäume ausgerissen haben), diverse andere wären froh, wenn sie über zwei bzw. drei Wettbewerbe diese Bilanz hätten (England, Brasilien, Argentinien).
Der Vergleich mit Weltmeisterschaften seit 1930 - und der daraus abgeleitete Anspruch auf einen Titel - ist nur bedingt hilfreich. Denn die Situation vor Jahrzehnten ist mit heute schwer vergleichbar.
Vielmehr muss man bedenken, aus welcher Situation es zur heutigen gekommen ist. Und 2004 sah es doch ungleich schlechter aus als jetzt, trotz der zwischenzeitlichen Vizeweltmeisterschaft.
Die deutsche Mannschaft hat bei dieser WM sehr ansehnlichen Fußball gespielt, sie hat eine sehr gute Perspektive, sie hat die Massen mobilisiert und begeistert, und sie hat auch (nebenbei) einen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration geleistet, indem sie Spieler wie Khedira, Özil, Cacau, Boateng usw. eingebaut hat. Mein Eindruck ist, dass sich dies darin niederschlägt, dass sich auch die migrantische Bevölkerung viel mehr als früher mit der deutschen Mannschaft identifiziert. Und auch wenn ich persönlich (vermutlich altersbedingt

) gegenüber Fanmeilen und son Zeugs skeptisch eingestellt bin, fällt doch auf, dass Fußball mehr als früher ein übergreifendes Ereignis ist, dass nicht nur Migranten, sondern auch Frauen anspricht.
Das alles finde ich durchaus postitiv, auch wenn ich nicht jeden Quatsch in dem Zusammenhang mitmache.
Dies alles ist nicht das Verdienst von Löw, schon gar nicht das alleinige. Aber er hat auf vorhanden Grundlagen und mit Unterstützung anderer gezielt ein sehr homogenes Team aufgebaut, dass diese Leute anspricht und das vor allem teilweise Fußball aus einem Guss gespielt hat und großes Potential hat.
Und dieses Team hat gegen Argentinien und England Spiele gezeigt, wie ich sie von einer deutschen Nationalmannschaft noch nicht gesehen habe. Weniger vom Ergebnis her (das war auch Glück und abhängig von der Stärke des Gegners). Aber diese Ergebnisse wurden auf herausragende Weise herausgespielt.
Gegen Spanien kann man berechtigte Kritik an der Ausrichtung üben.
Aber meiner Meinung nach hätte es kaum eine andere Ausrichtung gegeben, die mehr Erfolg versprochen hätte. Die Niederlande haben die richtigen Konsequenzen aus dem Spiel Deutschland-Spanien gezogen, hatten auch etwas mehr Chancen. Aber das auf Kosten einer eigenen Spielkultur und relativ großer Unfairness. Und verloren haben sie auch.
Dennoch war gegen Serbien und Spanien zu sehen, dass sich die deutsche Mannschaft schwer tut, wenn sie keinen Raum hat, wenn sie nicht führt, wenn die Dinge nicht irgendwie von selbst laufen.
Da hat es meinem Eindruck nach an taktischen Möglichkeiten gefehlt, besonders was das Eingreifen während eines schlecht laufenden Spiels betrifft.
Das muss man sehen. Sehen sollte man aber auch, dass es nicht untypisch ist, wenn eine Mannschaft, die ein überzeugendes Konzept hat, etwas zur mangelnden Flexibilität neigt. Zudem ist die deutsche Mannschaft sehr jung.
Hätte man also im Hinblick auf solche Knackpunkt-Spiele mehr auf erfahrene Spieler setzen sollen? Das kann man nicht abschließend beurteilen.
Aber Tatsache ist, dass die deutsche Mannschaft weitgehend den Eindruck machte, auf Spieler wie Ballack und Frings nicht nur verzichten zu können. Sondern die Frage ist, ob solche Spieler nicht ein Hemmschuh für die Spielweise dieser Mannschaft gewesen wären.
Und ob Spieler wie Ballack oder Frings bereit (gewesen) wären, sich in einem Turnier mehr oder weniger nur für Spiele ab Viertelfinale und den Fall eines Rückstand bereit zu halten, bezweifle ich.
Bleibt die Frage, ob es nicht diverse Trainer gäbe, die die Tugenden dieser Mannschaft, ihr Potential, ihr Talent, ihre jugendliche Frische, ihre teilweise brillante Spielweise herauskizteln könnten.
Mag sein. Vielleicht sogar wahrscheinlich. Aber davon ausgehen dass das WM Ergebnis mit jedem anderen Trainer ähnlich ausgefallen wäre, kann man sicher nicht so einfach. Nicht umsonst hält Werder seit Jahren an Schaaf fest - es gibt ja immer mal wieder Tiefs und auch Ansatzpunkt für Kritik an der Spielweise, der Ausrichtung usw. Aber die Frage ist ja immer, ob ein anderer Trainer in der Summe mehr Erfolg hätte, ob es ihm gelänge, die Defensive zu stabilisieren ohne das offensive Potential und die Kreativität aufzugeben oder zumindest zu schwächen.
So wird es auch hier sein. In der Summe haben die Entscheidungen und die Planungen von Löw und Co einfach gestimmt und deshalb gibt es eigentlich keinen zwingenden Grund, was zu ändern.
Das heisst nicht, dass Löw sich nicht weiterentwickeln könnte und wohl auch sollte. Beispielsweise im taktischen Bereich, bei der Flexibilität der Ausrichtung.
Oder was den Umgang mit der Öffentlichkeit und vor allem Spielern betrifft, auf die er nicht zählt; in diesem Punkt wirkte Löw oft überfordert oder wie jemand, der so unsicher und als Autorität schwach ist, dass er zu etwas unlauteren Mitteln greifen muss oder zumindestens nicht die Kraft hat, über seinen Schatten zu springen oder mit bestimmten Leuten offen umzugehen.
Demgegenüber steht allerdings die Tatsache, dass das gesamte Team geradezu demonstrativ hinter Löw zu stehen scheint und nichts auf ihn kommen lässt was sicher ein Aspekt ist, der positiv herauszuheben und oft ein Erfolgsgeheimnis ist.
Auch hier wäre die Frage, ob das beliebig unter anderen Trainern reproduzierbar ist.
MFG dkbs