Diese Medaille hat zumindest zwei Seiten.
Ich bezweifle nicht Diegos ehrenhafte Absichten: Er ist sich seiner Verantwortung als herausragender Spieler Werders bewusst, hängt sich rein, fordert den Ball und häufig ist es tatsächlich so, dass er Werder durch eine Aktion den Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

rettet.
Aber: Das ist kein Naturgesetz. In dem Maße, wie ein einziger Spieler das Spiel an sich reißt, wird es insgesamt schwächer. Ein Kombinationsspiele wird zumindest erschwert, wenn ein Spieler glaubt, alles allein machen zu müssen. Es gibt keine Automatismen mehr, da alles dem Gutdünken und den spontanen Einfällen eines Spielers untergeordnet ist, erst recht, wenn es wie Diego einer ist, der tendenziell nur abgibt, wenn er entweder keine Chance mehr sieht, sich selbst durchzufummeln oder er so unbedrängt ist, dass er wirklich Zeit hat, sich umzusehen bzw. wenn sich in dem Moment tatsächlich eine schöne Möglichkeit zum Abspiel anbietet.
Das alles ist eine Gratwanderung, denn mir ist natürlich auch bewusst, dass diese Spielweise auch damit zusammenhängt, dass das Spiel insgesamt hakt und sich tatsächlich häufig kaum Anspielmöglichkeiten bieten, weil die Mitspieler insgesamt verunsichert sind. Aber man fördert das, wenn man Diego seine autistische Spielweise durchgehen lässt. Letztendlich gibt es keine Alternative als es immer wieder mit Kombinationen zu probieren, denn mit einem Alleinunterhalter Diego wird nicht viel mehr drin sein als das, was gerade abläuft.
In der Zeit, in der Micoud hier war, hat dieser fast sklavisch immer versucht, den Ball möglichst schnell und direkt weiterzuspielen. Damit war er letztendlich wesentlich wertvoller als es Diego zur Zeit ist: Denn zum einen hat Micoud bei einem solchen Spiel dennoch seine Scorerpunkte und Tore bekommen. Und was noch wichtiger ist: An seiner Seite sind andere Spieler gewachsen: Ailton war vor allem deshalb anschließend nicht mehr erfolgreich, weil er keinen Passgeber mehr hatte wie Micoud. Und Spieler wie Ernst und Borowski haben ebenfalls eine sehr positive Entwicklung im Zusammenspiel genommen, weil sie das Direktspiel ebenfalls einstudiert haben und z.B. häufig eines von Micouds Markenzeichen übernommen haben, noch vor der Ballannahme den Kopf zu heben und nach einer Anspielstation zu gucken und/oder den Ball erst gar nicht angenommen haben sondern ihn an sich vorbei haben laufen lassen um ihn dann mit Tempo weiterzugeben. (Anschließend stagnierten beide wieder und ich weiß nicht, ob es vermessen ist, das z.T. auf die Tatsache zu schieben, dass sie anschließend keine Mitspieler dieser Qualität mehr hatten).
Ich weiß, dass man Diego dies nur bedingt "vorwerfen" kann, da man aus einer Kuh kein Pferd machen kann und zudem Diego auch noch vergleichsweise jung ist.
Aber es ist ein Fehler, Diegos Leistungen immer nur vordergründig an seinem Aktionsradius zu messen und daraus, dass alles über ihn läuft, zu schließen, dass er halt überragend und über jeden Zweifel erhaben ist.
MFG dkbs