+ Ich will meine Welt nicht von Querdenkern kaputtmachen lassen
Zwei Tage saß ich am Rechner. Um wie gewohnt einen beknackt-lustigen-kreativen Weihnachtsgruß zu formulieren. Vapenachten und Silvapester ...was ich wohl erfunden habe.
Ich konnte es nicht.
Ich fühle mich in die Ecke gedrängt. Ich werde aggressiv, sobald ich Social Media anmache. Was ich beruflich muss. Mein Selbst- und Weltbild werden angegriffen. Was das psychologisch Nachhaltigste ist, dass einem Menschen passieren kann. Darauf hat er nur zwei Antworten im Repertoire: Aggression oder Flucht. Ich kann dem nicht entfliehen. Hass essen Seele auf.
Als Steppke wurde ich bei den Pfadfindern nicht danach gefragt, ob ich zu müde bin, ein Zelt aufzubauen. Ich wusste, bauen wir es nicht auf, müssen wir unter freiem Himmel schlafen. Helfe ich nicht mit, müssen andere meinen Job mit erledigen.
Während meiner Pubertät war ich Teil einer Football Mannschaft. Ein spezialisierter und doch auswechselbarer Teil eines Teams von 45 Mann. Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Nicht trainieren bis zum kotzen, sondern weiter. Niemand hat gefragt, ob ich noch kann.
Als Soldat wurde ich Unteroffizier einer hochspezialisierten Einheit. Ich wurde jahrelang quer durch Deutschland versetzt. Niemand hat gefragt, ob ich meine 20er-Jahre opfere, während Freunde Familien gründen und Kinder bekommen. Ich wurde ins Ausland versetzt; niemand hat gefragt, ob ich nach Hause will. Ich musste in den Einsatz; niemand hat gefragt, ob ich Angst habe.
Bei drei Gedenkveranstaltungen für gefallene Kameraden habe ich Spalier gestanden. Niemand hat die 24 jährige Witwe in Schwarz gefragt, als sie vor 1000 Soldaten weinend zusammenbrach. Man hat respektvoll zu schweigen zu Dingen, die größer sind, als man selbst. Mehr „Halt die Fresse“ geht nicht.
Ich bin Mitglied eines gemeinnützigen Vereins, der Menschen kostenlos professionelle Beratung anbietet. Von Schuldnerberatung bis zu häuslicher Gewalt. Damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Nicht einmal ich frage danach, ob ich mir das nach Schicksalsschlägen selber hart erarbeitet habe. Andere können es nicht, mehr gibt es nicht zu wissen und zu fragen.
Und ich war Mitglied einer kommunalen Partei, die meine Heimatstadt regiert. Ich war auf Parteitagen und bei Ratssitzungen. Niemand hat gefragt, ob ich Beschlossenes genehmige. Nun bin ich Mitglied einer bundesweiten Partei. Niemand fragt, ob ich das alles richtig finde, was die im Bundestag machen.
Mein Einzelgängerdasein ist durchzogen von der Erziehungsleistung, nur ein Geringer zu sein. Einer Gemeinschaft, in der ich eigene Bedürfnisse zurückzustellen habe. Ein Zen-buddhistisches Rädchen im Getriebe. Früh habe ich verstanden, dass ich mich konstruktiv einbringen muss, um etwas verändern zu können. Nur dagegen sein reicht nicht. Mollies eh nicht. Die RAF war irgendwie cool, aber konzeptlos schwadronierend scheiße. Der NSU noch scheißerer. Dönerverkäufer erschießen für Deutschland... Was mehr muss man zu dem Konzept sagen?
Früh habe ich verstanden, dass es niemals nur Freiheit für mich geben kann. Dass jeder einen Teil seiner Freiheit abgeben muss. Freiheit ist ein Lachen, dass umso mehr gibt, wenn man es teilt.
Und nun kommt ein kleiner Teil dieser Gesellschaft, der ich gegeben habe und für die ich bereit war in den Krieg zu gehen - Ideen für die ich bereit war zu sterben - und kündigt diesen Solidaritätsvertag auf. Diesen anerzogenen Konsens, von dem ich glaubte, dass alle ihn als Transferleistung der Älteren pädagogisch mitbekommen haben.
Weil sie sich einfach nichts sagen lassen wollen. Wie gerne hätte ich sie in meiner Grundausbildung.
Da marschieren Sie, schwadronieren etwas von ihrer Freiheit und scheißen auf die aller anderen. Halten Schilde hoch, dass sie lieber stehend sterben als auf Knien zu leben. Dabei sterben Menschen im Liegen, im besten Fall nicht eingeschissen und um Hilfe bettelnd. An dem dunklen Ort war ich ...die mit den Schildern sicher nicht. Stehende, die nicht verstehen, dass sie längst stehen und alleine stehen können müssen .
„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“ …es war in einem vergessenen, linken Gestern. Als Zukunft noch etwas Positives war.
Wohlstandsverwahrlosung begründet ihr egozentrisches Weltbild. 75 Jahre Frieden, für den sie nie verantwortlich waren. Der Staat als Dienstleister. Halten sich für Patrioten, weil sie eine Fahne an ihre Autoantenne hängen. Von der sie nicht wissen, woher ihre Farben kommen. Nationalismus als Sportevent, nicht als Kriegsgrund. Behütet von einer Geborgenheit, um die sie sich nie sorgen mussten. Weit haben wir es gebracht. Stolz auf etwas Zufälliges, wofür sie nie etwas getan, geschweige denn geleistet haben. Unwidersprechend demonstrierend neben Fahnen eines Kaiserreichs, in dem sie von der Straße geknüppelt worden wären. Und in dem Impfpflicht herrschte.
Sie teilen rechtspopulistische Inhalte und jammern, wenn sie in „die rechte Ecke“ gestellt werden. Nicht einmal wissend, was „rechts“ bedeutet. Sie erklären öffentlich, dies sei eine Diktatur. Und erkecken und erdreisten sich, den Widerspruch nicht zu sehen.
»Sie reißen den Mund auf und rufen „Im Namen Deutschlands“. Sie rufen „Wir lieben Deutschland. Nur wir lieben es.“ Es ist nicht wahr. Wir sind auch noch da.« – Kurt Tucholsky, 1929
Da jammert dieses Häufchen und geht in Unkenntnis demokratischer Instrumentarien spazieren. Sie wollen keine Masken tragen. Sie wollen keine Spritzen. Sie scheißen auf alle, die Tag für Tag weit mehr für diese Gesellschaft leisten, als was von ihnen verlangt wird.
Doch etwas wiegt in meiner Waagschale schwerer. Selbsternannte Querdenker halten Meinung und Fakten für gleichwertig.
Sie leugnen einfach alles, was ihrer Meinung widerspricht. Tausende Jahre Logik, Wissenschaftstheorie und Empirie, übermalt mit den alles überdeckenden Farben der Inkompetenz. Fortschritt, Erkenntnisgewinn... kurz alles, was die Menschheit ausmacht. Unverständnis vor sich her tragend, wie ein Schild, weil man sich einredet quer zu denken, worauf noch keiner vorher gekommen ist.
Ich dachte Bauchgefühl ist, wenn man kacken muss.
Schreiend danach, andere sollten selber denken. Dabei meinen Sie Glauben, Fühlen, Mutmaßen, Ahnen, Empfinden. Nicht Denken. Sie halten ihre eigene, kleine Angst für eine berechtigte Rechtfertigung unsolidarisch zu sein.
Sie belassen es nicht dabei. Sie kommen und schreien es mir ins Gesicht. Sie fluten Kommentarspalten, streuen Gerüchte und verteilen Falschaussagen, versteckt hinter anonymisierten Profilen. Sie vereinnahmen mich, nehmen mich als Geisel für die Gegenleistung meiner Aufmerksamkeit. Sie hinterfragen nicht, was sie verteilen. Solange es in ihre Meinung und Agenda passt.
Sie erfinden das Narrativ der gesellschaftlichen Spaltung, obwohl sie die Minderheit sind, die sich abspaltet.
Nein, es geht nicht um eine Impfung und ein Sabberlätzchen beim Busfahren. Schon lange nicht mehr.
Es geht um das Verständnis von Freiheit. Es geht darum, was jeder bereit ist, für die Gesellschaft zu geben, in der er lebt. Und in der es ihm nur so gut geht, weil er Solidarleistungen derer empfängt, denen er jetzt vorwirft, die Gesellschaft zu spalten.
Es geht darum, dass unser demokratischer und freiheitlicher Konsens angegriffen wird. Und dafür genau die Instrumentarien genutzt werden, die unsere Vormütter und -väter in Jahrhunderten durch Blut und Leid erkämpft haben. Auch mit ihrem Tod. Von ein paar Spritzen und statistisch unreflektierten Ängsten abgesehen.
Wenn es auch nur die geringste Chance gibt, dass ich durch das tragen einer Maske beim Einkaufen hunderte Tote vermeiden kann... Wie kann ich dass ablehnen? Wie kann ich auch nur auf die Idee kommen? Nur die Chance, nicht die Wahrscheinlichkeit... wer bin ich das zu tun?
Jeder sollte für einen Moment aus dem Fenster schauen. Und an die Pflegerinnen und Pfleger denken, die jetzt gerade einen Patienten umdrehen, der nicht mehr atmen kann. An den Tankstellenmitarbeiter, der an Weihnachten alleine in der Filiale Angst hat, von einem Kunden erschossen zu werden. An den Feuerwehrmann, der über Videoübertragung seinen Kindern zuwinkt. An den Polizisten, der einen Betrunkenen ohne Maske am Bahnhof anhalten und sich bespucken lassen muss. An den Sanitäter, der jetzt gerade mit einem sterbenden Patienten durch die Gegend fährt, um einen freien Intensivplatz zu finden.
Das alles passiert jetzt gerade.
Und dann sollte man einmal zulassen, das nicht als selbstverständliche und bezahlte Dienstleistung zu sehen. Sondern es als Leistung dieser, unserer Gesellschaft zu sehen. Die mich mit Dankbarkeit erfüllt, in Ihr leben zu dürfen.
Ich habe anderes gesehen.
Ich muss mir eingestehen, diese selbsternannten Querdenker inzwischen zu hassen. Ich hasse sie dafür, Hass in mir auszulösen. Dass sie mich so weit gebracht haben, keine Empathie und kein Verständnis mehr empfinden zu wollen.
Ich hasse sie dafür, dass ich zwei Tage versuche, einen Weihnachtsgruß zu schreiben.
Und es nicht kann.
Und es tut mir leid.