Werder holt sich Reife-Zeugnis auf Schalke
Eggestein: "Wir wollen uns nicht kleiner reden"
"Spielglück" ist ein Begriff, den nach Werders 2:0 auf Schalke die Sieger selbst häufig strapazierten. Beispielsweise der zweifache Torschütze Maxi Eggestein, der sinnierte: "Ich weiß nicht, wie es gelaufen wäre, wenn wir in Rückstand geraten wären. Aber wir sind in den entscheidenden Momenten einfach da." Spielglück mag da eine gewisse Rolle spielen. Aber, so Eggestein ebenfalls treffend, ganz bestimmt auch die Tatsache, "dass es uns immer besser gelingt, die Spiele zu kontrollieren".
Insgesamt lagen die Profis von Trainer Florian Kohfeldt während der laufenden Saison nur 73 Minuten lang in Rückstand - der Bestwert der Liga. Außer gegen Hannover (Endstand 1:1) und in Stuttgart (1:2) geriet Werder während der bisherigen acht Partien nie ins Hintertreffen. Und: Keine andere Mannschaft hat aktuell weniger Gegentreffer kassiert als die Grün-Weißen (acht).
Bemerkenswerte Umstände angesichts der Tatsache, dass Bremen nach allgemeiner Wahrnehmung in erster Linie für attraktiven und durchaus auch risikoreichen Spielstil steht. Doch beweisen Kohfeldt und seine Profis: Das "schöne Spiel" ist für sie kein Selbstzweck. Die Konterabsicherung, die Beobachter ursprünglich als einen möglichen Knackpunkt ausmachen mussten, funktioniert hervorragend.
Das bestätigt ein Blick auf die Leistungen von Torhüter Jiri Pavlenka. Der Keeper, im Vorjahr mit etlichen Klasse-Leistungen noch ein Punktegarant, spielt bisher eine eher durchwachsene Saison - ohne dass das für die Mannschaft zu einem relevanten Problem würde. Der Tscheche kam bisher viel seltener in die Situation, mit spektakulären Paraden retten zu müssen, leistete sich aber diverse kleinere Wackler. Außerdem trug er bei den Gegentreffern gegen Nürnberg (1:1) und Hertha (3:1) zumindest eine Mitschuld - und gab sich eine solche auch noch selbst am ersten Gegentor in Stuttgart. Auf Schalke (kicker-Note 2,0) konnte sich Pavlenka zum ersten Mal in dieser Spielzeit überhaupt entscheidend auszeichnen. Viel mehr Gelegenheiten, Partien mit zu gewinnen, hatten ihm seine Vorderleute seit Saisonstart aber auch nicht gelassen. Im Idealfall sollte das natürlich so weitergehen. "Je länger die Saison dauert, desto mehr Reife und Spielkontrolle können wir entwickeln", glaubt Eggestein. Das offizielle Saisonziel Europa sei im Sommer also nicht zu offensiv formuliert gewesen, folgert der Shootingstar: "Wir wollen uns nicht kleiner reden als wir sind." Von Außenstehenden wird Werder spätestens nach dem Reife-Zeugnis auf Schalke ohnehin nicht mehr unterschätzt.
Thiemo Müller