@ Spreewerderander:
Du machst einen Fehler, wenn du behauptest, eine Mannschaft, die Wolfsburg im Pokal 5:2 besiegt, dürfe nun dort keinesfalls 1:5 verlieren. Genauso könnte man sagen, dass Wolfsburg als Meister niemals gegen Werder so hoch hätte verlieren dürfen. Aber das ist Fußball.
Werder hat nunmal in dieser Saison eine Mannschaft, die sehr unkonstant spielt und sowohl für sehr gute Spiele als auch für katastrophale Auftritte gut ist.
Einer der Gründe dafür mag in der "Einstellung" liegen, aber das mit der Einstellung ist komplexer als du es darstellst. Es ist nicht so, dass sich Werders Spieler vor den ganzen Niederlagen oder jetzt vor Wolfsburg auf die faule Haut gelegt, tonnenweise Schokolade in sich reingefressen und zwischen zwei Rülpsern verkündet haben: "Die hauen wir im Vorbeigehen weg".
Aber wie jeder Mensch und vor allem jeder Mensch, der frei, kreativ und im weitesten Sinne "künstlerisch" tätig ist, haben Fußballer schlechte und gute Tage und dass wirkt sich mehr aus, als wenn man eine bestimmte Anzahl von Formularen abzeichnen oder soundoviel Schrauben irgendwo einsetzen muss.
Das soll natürlich keine Entcshuldigung für die vielen schlechten Spiele dieser Saison sein. Da ist sicher was im Argen und Werder täte gut daran, sich der Frage zu widmen, was, und was man ändern kann.
Nur, und da hat mabo völlig recht: Der Hinweis auf die bezahlenden Fans oder das viele Geld, das die Spieler kassieren, hilft da nicht weiter. Auch nicht die Behauptung, eigentlich würde ein Fußballprofi ja nur 9o Minuten pro Woche richtig arbeiten, also könne man doch wenigstens in dieser kurzen Zeit was richtiges verlangen.
Denn
a) fehlt es ja nicht völlig an jeglichem Engagement, etwa dass sich die Spieler während des Spiels hinsetzen, ein bisschen quatschen und den empöerten Zuschauern ins Gesicht lachen würden. Das wäre wirklich unannehmbar.
Was ich meine, spielt sich zumindest teilweise in einem Bereich ab, der schwer zu kontrollieren und wo schwer gegenzusteuern ist. Das sagt einem eigentlich schon der gesunde Menschenverstand, denn wenn
so einfach wäre, dass Tritte in den Ups, ich muss meine Wortwahl ändern

, Gehaltsabzüge oder sonstige einfache motivationale Dinge das Problem von schlechten Leistungen kurieren würden, bin ich sicher, dass in einem Geschäft, wo es um Miilionen geht, das nicht nur an der Tagesordnung wäre, sondern dass es alle immer machen würden und es keine schwachen Leistungen, keine Schwankungen, keine Formkrisen, keine Kantersiege und letztlich auch keine Absteiger mehr geben würde.
Es gab ja auch immer wieder Leute, die sich über Deisler totgelacht haben und gemeint haben, dass er doch unmöglich Depressionen haben könnte, weil er doch ein Super-Leben habe und keinen Grund, unglücklich (Depressiv) zu sein. Aber so einfach ist es eben nicht.
b) ist Fußball eine Sache, wo sehr viel von Erfolg und Misserfolg und den daraus resultierenden Stimmungen abhängig ist. Im Erfolg geht alles wie von selbst, im Misserfolg gibt es kleine Unstimmigkeiten, dann versucht jeder, auf eigene Faust was zu ändern, worauf die Balance auf dem Platz erst recht flöten geht, dann gibt es Verkrampfungen, man denkt nach, wenn man direkt schießen sollte usw.
c) Das Geld, das die Spieler verdienen, ist der Marktwert und ist nur sehr bedingt in der Lage die paar Prozent oder Promille herauszukitzeln, die ein sehr gutes von einem sehr schlechten Spiel unterscheiden. Kein Spieler würde auf dem Platz irgendwie besser, wenn der Trainer zwischendurch die Prämien erhöhen würde. Das ist der missgünstige Fanblick von außen.
d) Wolfsburg und Werder sind prinzipiell zwei vergleichbar starke Mannschaften.
Die Frage, wer da gewinnt, wird an Kleinigkeiten entschieden. Im Pokalspiel war es wahrscheinlich so, dass Werder mehr motiviert war - nicht dass Wolfsburg nicht hätte gewinnen wollen. Aber wenn man wie Wolfsburg aussichtsreich in der Liga steht und nicht über die Erfahrung der Bayern verfügt, dann gibt es, genau wie bei Mannschaften in akuter (Abstiegs-)Gefahr die Tendenz, "Ballast" abzuwerfen. Das heißt, für Wolfsburg war die Liga wichtiger, für Werder der Pokal.
Und jetzt war es eben umgekehrt:
Wolfsburg war in einer Superform, die Stürmer trafen nach Belieben, die Mannschaft war homogen und in einem Lauf, etwa wie Werder 2004.
Genauso entscheidend: Wolfsburg war Tabellenführer, konnte Meister werden. Das ist so ziemlich die größte Motivation, die man sich denken kann. Erst recht zu Hause.
Die einzige Chance, die ein Gegner da gehabt hätte wäre, dass er entweder ein vergleichbares Ziel verfolgt oder dass Wolfburg unter dem Druck verkrampft, also nicht der Gegner "gewinnt", sondern Wolfsburg "verliert" Darauf habe ich etwas spekuliert, aber es war eben nicht so. Wenn das Spiel lange 0:0 gestanden hätte oder Werder vielleicht glücklich in Führung gegangen wäre, hätte man sehen müssen, wie sich das Spiel entwickelt.
Werder nun wiederum hat nicht nur kein vergleichbares Ziel verfolgt. Das wäre etwa bei Hoffenheim der Fall gewesen, für die es um gar nichts mehr geht. Sondern Werder verfolgt ein Ziel, dass auf einem ganz anderen Feld liegt, dass
a) nicht nur nichts mit dem Ausgang dieses Spiels zu tun hat, sondern
wo man
b) durchaus damit argumentieren kann, dass zu viel Einsatz evtl von Nachteil gewesen wäre.
Jeder unvoreingenommene Experte würde in dieser Situation nichts von Werder erwarten. Sogar Uli Hoeness, der ja als Bayern-Vertreter sozusagen Hauptleidtragender von Werders Auftritt war, hat, dazu befragt, gesagt, es gebe hier keinen Ansatz zu Kritik oder Vorwürfen.
Dazu kommt, speziell zu dem Wolfsburg-Spiel noch:
- Werder hat nicht nur ein entscheidendes Spiel vor sich, sondern hatte eines hinter sich, das
a) über 120 Minuten und an die Substanz ging und
b) auch an die Moral gegangen sein dürfte, da Werder relativ schlecht gespielt hatte und auch sehr enttäuschenderweise verdient verloren hatte.
Wer unter diesen Umständen einen normalen, aussichtsreichen Auftritt verlangt, und da mit Wille, Herzblut oder Geld argumentiert, hat, das muss man leider sagen, keine Ahnung und argumentiert auf oder unter BILD-Niveau.
MFG dkbs