Dass Werder auf einem absteigenden Ast ist, hat viele Gründe. Mir ist es zu einfach jedes Spiel, jede Saison etc. zu sagen, dass der Trainer die Schuld trägt oder die schwache Abwehr, das planlose Mittelfeld oder ein schwächelnder Torhüter.
Ein Rückblick
Die Probleme sind doch bei unserem Verein viel tiefgründiger. Man muss sich doch einmal die letzten 15 Jahre ansehen. Werder trumpfte nach der Jahrtausendwende urplötzlich als graue Maus wieder auf. Allofs hatte bei seinen Transfers damals viele Glücksgriffe, die sofort einschlugen. Was viele vergessen: da war das Scouting auch nicht so ausgebaut bei den Vereinen wie heute. Da hatte unsere Vereinsspitze die Zeichen der Zeit erkannt, unverbrauchte, junge Spieler zu holen, die es auf jedenfall zu was bringen. Die konnten wir dann zu damaligen Verhältnissen teuer verkaufen - eine Win-Win Situation. Werder generierte über Transfers Geld, kompensierte dadurch mangelnde Sponsoreneinnahmen, glich den Standortnachteil aus. Gleichzeitig war der sportliche Erfolg da, Geld aus den internationalen Wettbewerben kam rein. Funktioniert heute aber nicht mehr, da eben viele Vereine ein gutes Scouting-System haben, Talente inzwischen viel Geld kosten. Gleichzeitig kann die PL den Markt mit Geld überfluten.
Auf der Welle des Erfolges vergaß man, die Abgänge 1:1 zu ersetzen. Allofs dachte, man kann eben Stars wie Micoud, Diego, Özil, Klose etc. immer wieder durch neue Talente günstig ersetzen. Das funktioniert sicher punktuell, nicht auf Dauer. Wir haben diese Spieler alle in einer relativ kurzen Zeitspanne abgegeben, so dass sich eine starke Werder-Mannschaft personell über einige Jahre wieder verschlechtert hat. Eine finanzielle Basis um mehrere Fehleinkäufe abzufangen hatte wir aufgrund der Verbindlichkeiten des neuen Stadions, des hohen Gehaltsetats und des Standortnachteils eben nicht. Der Ausbau der eigenen Jugend inkl Internat wurde meiner Meinung nach während dieser Zeit auch nicht ausreichend voran getrieben. Das Ergebnis: Wir hatten einen mittelmäßigen Kader, der viel zu viel verdient hat und eine neues Stadion, was zwar modern ist, aber eben nicht sonderlich viel mehr Einnahmen generiert. Das Ende vom Lied: TS und KA räumten bei Werder ihre Spinde. Man hat verpasst, die Qualität im Kader hochzuhalten. Vielleicht wäre es auch mal sinnvoll gewesen, einen Spieler zu halten. Inwiefern da die Chancen bei den Gesprächen waren, kann ich schlecht beurteilen. Aber vermutlich war es oftmals eine Gehaltsfrage.
Der "Umbruch"
Nachdem mit Dutt und Eichin zwei neue Gesichter das Ruder übernommen hatten, wurde es zunächst auch nicht maßgeblich besser. Dutt hatte hier bei den Fans relativ schnell einen schlechten Stand, die Erwartungen an Eichin waren gleichzeit sehr hoch. Fußballerisch war der Kader halt nur Durchschnitt. Dutt hatte ein System, dass mit dem damaligen Kader nicht umsetzbar war. Die Idee, Fußball spielen zu lassen, fand ich nicht schlecht unter Dutt. Nur mit Mauern und dreckigem Anti-Fußball gewinnst du nur den goldenen Blumentopf. Dutt wollte seine Vorstellung vom Fußball zu schnell umsetzen - er erkannte nicht, dass eben das passende Spielermaterial fehlt. Am Ende ging er gezwungenermaßen dazu um, "Defensiv" zu spielen. Sah natürlich nicht schön aus. Nebenbei lief die Konsolidierung des Vereins weiter. Man rettete sich am Ende wieder irgendwie - so lange bis Viktor als Trainer einsprang.
Die Fehler
Wenn man mal zusammenfasst: Werder hat es verpasst, die eigende Jugend in den vergangen 15 Jahren in dem Maße zu fördern, um vielleicht auch mal das ein oder andere Talent groß herauszubringen. Zudem hat man ein teures Stadion, was zwingend saniert werden musste. Leider lässt sich nicht sagen, wie und in welcher Art Fehler bei der Finanzplanung gemacht worden sind. Da fehlen mir zumindest als Fan die internen Einsichten. Jedenfalls hat es als letzte Konsequenz unseren finanziellen Spielraum eingeengt. Gleichzeitig wehrt man sich gegen Sponsoren, die zu viel Mitspracherecht wollen, weil Werder den Traditionsgedanken in den Vordergrund rückt. Mag richtig sein, ob sich Werder damit aber zahlkräftige Unterstützer ins Boot holt, bezweifle ich. Jeder Sponsor bzw. Investor möchte ebenfalls Profit abschöpfen. Da sollte man denke ich kompromissbereiter sein - ohne die Zügel komplett aus der Hand zu geben. Vielleicht muss man doch mal über die Vergabe von Anteilen nachdenken, auch über Namensrechte sollte man sprechen.
Die Gegenwart
Werder hat aber auch einiges richtig gemacht. Eichin hatte seinerzeit einen teuren "Kader" übernommen. Inzwischen hat man die Gehälter wieder angepasst, Positionen immer wieder neu besetzen können. Das war zwingend notwendig, wenn die schwarze Null stehen soll. Ich glaube als Manager gehört da schon ein bisschen was zu. Das Manko: die Qualität des Kaders hat darunter enorm gelitten. Man ist sehr eingeschränkt, was die Transfers angeht. Da finde ich es gut, dass man zumindest über Leihgeschäfte spieler wie Papy Djilobodji an die Weser holen kann. Sie könnten zumindest großen Anteil daran nehmen, dass wir nicht absteigen. Spieler dieser Form zu verpflichten, ist für mich aber sehr unrealistisch. Womit wir zum Kern des Problems kommen: Werder muss eigentlich die Qualität des Kaders erhöhen. Das geht aber nur mit Geld. Das fehlt aber in dem Maße, als das wir auf einigen wichtigen Positionen die Qualität derart erhöhen können, so dass wir die kommenden Jahre fein raus aus dem Abstiegskampf sind. Gerade im Mittelfeld fehlen kreative, technisch versierte Spieler. Die kosten halt viel €.
Der aktuelle Kader
Wie bereits erwähnt, ist für mich das Mittelfeld unsere absolute Problemzone - nicht die Abwehr. Ein Spiel wird im Mittelfeld entschieden - aber das findet bei uns eigentlich nicht statt. Wir sind sehr hektisch, überbrücken das gesamte Mittelfeld in der Regel über lange Bälle oder Konter. Das führt aber zu vielen fatalen Ballverlusten, die uns hinten immer in enorme Bedrängnis bringen. Es lastet einfach viel zu viel Druck auf der Abwehr. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Fehler passiert, wenn du einen Angriff nach dem anderen des Gegners abwehren musst. Da ist halt das Mittelfeld gefragt, die Bälle in den Reihen zu halten, den Druck von der Abwehr zu nehmen. Wiedwald hatte nun zwei Spiele, wo er sicher nicht seine besten Tage hatte. Dennoch hat er in so gut wie jedem Spiel zuvor eine gute Leistung gezeigt, uns den ein oder anderen Punkt gerettet. Den Spieler würde ich jetzt niemals zur Diskussion stellen. Mit Papy hat unsere Abwehr eigentlich Qualität gewonnen. Vestergaard hat ein gutes Stellungspiel, wirkt aber gegen schnell und flinke Spieler oft überfordert. Die AV-Positionen sind bei uns je her ein Problem. Wenn dann auch noch das Stammpersonal ausfällt, siehts düster aus. Wie viele bereits festgestellt haben, kann Juno nicht mehr an die Leistungen der vergangenen Saison anknüpfen. Gerade die Standards haben uns letzte Saison viele Punkte eingebracht - klappt halt nicht mehr. Sollte man sich aber auch nicht drauf verlassen. Tore sollten ebenso aus dem Spiel heraus fallen. Mit Pizza und Ujah haben wir einen guten Sturm. Spielerisch ist Pizza besser, Ujah physisch. Das ergänzt sich. Beide Hängen aber oftmals aufgrund unseres schwachen Mittelfelds in der Luft. Die Talente wie Kleinheisler müssen sich noch beweisen. Das war gestern sehr schwach. Guwara ist offenbar auch noch nicht reif für die Bundesliga. Grillitsch hingegen gefiel mir von Spiel zu Spiel besser. Ansonsten konnte kaum einer der eingesetzen Jugendspieler der letzten Monate auf Dauer überzeugen.
Der Trainer
Also kritische Stimmen dürften die Frage stellen: Wäre ein Einfluss von Außen für die Mannschaft nicht besser? Ein junger Trainer, der Motivation vorlebt? Die Mannschaft gerade im Abstiegskampf mitreißt, jemanden, der nicht im Werder-Trott steckt? Hm, schwer zu sagen. Ich schätze Skripnik wegen seiner ruhigen Art, seiner Besonnenheit. Kann mir vorstellen, das Frings den "lauten Part" intern durchaus übernimmt. VS muss aber mit einem schwachen Kader das Maximale rausholen. Da geht sicher auch noch was. Das muss VS nun in den wichtigen Spielen gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf auch unter Beweis stellen. Unantastbar darf er nicht sein. Es ist halt schwer ein System zu erkennen, wenn die meisten Mannschaften der Bundesliga spielerisch weiter sein, gefestiger sind, weil sie nicht diesen krassen Umbruch durchgemacht haben. Sie sind oft gegen uns spielbestimmend. Wenn wir aber gute Phasen haben, sieht man aber auch bei uns, dass der Ball läuft. Das Laufwege einstudiert sind. Auch beim Pressing erkennt man Ansätze des Trainers, die werden aber oft sehr falsch umgesetzt. Es ist halt letztlich immer schwer zu beurteilen, inwieweit ein Trainer das Personal noch besser machen kann. Das kann niemand von uns beurteilen, weil wir nicht tagtäglich mit den Spielern arbeiten. Nur VS bleibt nichts anderes übrig, daran wird er gemessen.
Eine Prognose
Es wird dieses Jahr sehr schwer für uns. Mit dem Eindruck der gestrigen Leistung würde ich sagen, dass wir nur mit viel viel Glück in der Lage sind, noch vom Relegationsplatz wegzurücken. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass die Relegation auf uns wartet. An einen Direktabstieg glaube ich nicht. Es wäre für den Verein aus Image- und finanziellen Gründen zwingend notwendig, in der ersten Liga zu bleiben. Über die Saison hinaus wage ich keine Prognose. Das hängt vom Ligaverbleib ab. Ohne finanzielle Alternativen sehe ich uns auf lange Zeit allerdings im Tabellenkeller.