...bei Werder die harmonische Seite gänzlich verloren gegangen scheint und KA sogar mit dem Kampf gegen den Abstieg in seine Ueberlegungen einbezieht, das neue Werdertrikot leider nicht wirklich trendy ist und die neue Werderkarte nur für den Verein, nicht aber für die Fans vorteilhaft ist, so begrüssenswert ist die aktuelle Situation, in der es keine Tabus rund um ein notwendiges Revirement gibt. Geben wir dem Trainer noch bis zur Winterpause, lassen wir KA Fehler bereinigen und regen uns weniger über Willi auf, aber danach müssen die Fakten für den Wiederaufbau geschaffen sein. Habe einen - wie ich finde - guten Beitrag in einen der Foren mal hierhin gestellt, trifft die Sache ziemlich gut.
Von: Pan#99
Aber hat er denn so Unrecht?
Ist es etwa nicht so, dass...
... die Gehälter der Herren Fritz, Hunt, Borowski (und wohl noch einiger anderer) nicht nur in Relation zu ihrer Leistung, sondern auch in Relation zu ihrem Marktwert deutlich überzogen erscheinen?
... die Zahl der Fehleinkäufe in den letzten vier Jahren extrem hoch war und selbst diejenigen Neueinkäufe, die nicht auf ganzer Linie gefloppt sind (Marin, Wesley), noch immer nach einer sportlichen Heimat im System von Thomas Schaaf suchen?
... die Zahl der Verletzten in den letzten Jahren permanent recht hoch war, auch, wenn man das nicht zwingend dem Trainer anlasten kann?
... Werder in den letzten Jahren für Bremer Verhältnisse extrem viel Geld in die Hand genommen hat, um neue Spieler zu verpflichten, ohne auch nur ansatzweise eine Verbesserung des Kaders herbeiführen zu können?
Natürlich ist es so!
Es mag für viele schwer sein, einzusehen, dass die Denkmäler Schaaf und Allofs mit ihrer Arbeit der letzten vier Jahre die Hauptgründe für die gleichermaßen bedrohliche wie bedenkliche Tendenz im sportlichen, und mittlerweile auch wirtschaftlichen, Bereich darstellen.
Immerhin haben beide in den ersten sieben Jahren ihrer Amtszeit eine herausragende Arbeit geleistet und das schlingernde Werder-Schiff von einem im Mittelmaß versunkenen Club zu einer der interessantesten Adressen Europas geformt.
Tolle, gut recherchiert und durchdachte, vor allem aber sowohl sportlich, als auch menschlich und finanziell passende Transfers, wie die von Micoud, Diego, Klose, Baumann, Wiese, Ernst, Özil, Pasanen, Jensen oder Reinke brachten Werder Stück für Stück nach vorne und es wurden tolle Spiele in Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League und Uefa-Cup, bzw. Europa-League abgeliefert - es konnte 2004 das Double gefeiert werden, sowie 1999 und 2009 weitere Pokalsiege.
Die Verdienste, die Allofs und Schaaf haben, sind enorm, wie auch die Verdienste von Jürgen L. Born enorm waren, ehe man ihn in durchaus zweifelhafter Manier aus dem Amt drängte.
Von daher ist es auch verständlich, dass man derart verdienten Protagonisten, wie es Schaaf und Allofs sind, natürlich Vertrauen entgegenbringen möchte, anstatt sie mit Schimpf und Schande vom Hof zu jagen. Ich glaube, hier sind sich alle einig.
Die Fragen, die sich aber stellt, ist die, ob man auch weiterhin das Vertrauen in eine gemeinsame, erfolgreiche Zukunft hat, oder ob das Maß nicht mittlerweile voll ist.
Ich denke, dass die Bilanz der letzten drei Jahre in Relation zu den Ausgaben ernüchternd ist, auch, wenn man von Seiten einiger Fans, aber vor allem auch von Seiten des Vereins beinahe krampfhaft versucht, sie schön zu reden.
2008/09 spielten wir eine desaströse Bundesligarunde, glänzten gleich mehrfach durch Lustlosigkeit auf ganzer Linie und waren sogar dem Vorwurf ausgesetzt, billigend in Kauf zu nehmen, den Abstiegskampf maßgeblich zu beeinflussen, weil Spieler für die Pokalwettbewerbe geschont wurden. Am Ende stand man in Istanbul gegen Donezk im Finale der Europa-League - und in Berlin im Finale des DFB-Pokals gegen Bayer Leverkusen, in dessen Folge man den Pokal gewann.
Ich wage zu behaupten, dass ein Trainer bei allen deutschen Spitzenclubs diese beiden Finals schon gar nicht mehr erlebt hätte, wenn seine Mannschaft in der Liga derart desaströs aufgetreten wäre. Die jeweils letzten Trainerentlassungen in München, Leverkusen, Gelsenkirchen, Wolfsburg, Stuttgart oder Hamburg dürfen hier durchaus als Beleg angesehen werden.
Hier wurde Schaaf bereits ein erhebliches Maß an Vertrauen und Kredit entgegengebracht - und das war auch gut so, schließlich hatte er sich dieses Vertrauen zuvor jahrelang erarbeitet.
Er zahlte dieses Vertrauen auch zurück, wenngleich die Rückzahlung an einem seidenen Faden hing. Lange Zeit dümpelte man in der Bundesliga auf Rang sechs liegend weit hinter den angestrebten Champions-League-Rängen herum, ehe man mit einem fulminanten Saison-Finale letztlich doch noch das Saisonziel erreichte. Das erneute Erreichen des Pokalendspiels tröstete zudem über das spektakuläre, aber unnötige Achtelfinal-Aus hinweg.
Die vergangene Saison allerdings bedeutete eine erneute Inanspruchnahme des erarbeiteten Vertrauens. Mit einer der teuersten Mannschaften der Vereinsgeschichte manövrierte man sich in arge Abstiegsgefahr und konnte das Abstiegsgespenst in allerhöchster Not verscheuen, während man in der Champions-League -als Team aus dem zweiten Lostopf- sang- und klanglos in der Gruppenphase die Segel streichen musste, ohne das Minimalziel Europa-League erreicht zu haben.
Es setzte herbe Klatschen wie das 0:6 in Stuttgart, das 0:4 in Mailand, das 0:3 in Tottenham, wo man zwar mit einer Notelf antreten musste, allerdings 90 Minuten lang nur hinterherrennen durfte und über den Status der laufenden Werbebande nicht hinaus kam. Von Schalke wurde man ebenso wie vom HSV auswärts mit jeweils 4:0 Toren verprügelt, wie man in Hannover 4:1 Toren verprügelt wurde. Selbst beim 1.FC Köln wurde man beim 0:3 vorgeführt, wie man auch völlig unerwartete Heimniederlagen gegen Mainz 05 und den 1.FC Nürnberg hinnehmen musste.
Wohl kein Trainer der Bundesliga, der bei einem Verein mit den Ansprüchen des SV Werder in die Saison gegangen ist, angestellt gewesen wäre, hätte diese Horror-Saison überstanden. Überall hätte die sportliche Leitung irgendwann die Reissleine gezogen, zumal es mehr als genug Ergebnisse und Gelegenheiten gab, um diese plausibel zu begründen.
Schaaf durfte bleiben - die Ansprüche des SV Werder dagegen blieben auf der Strecke, so dass man durchaus davon sprechen kann, dass die letzten vier Jahre einen enormen Rückschritt bedeuteten. Wir haben nicht nur das Niveau von 2007/08 nicht halten können, wir haben uns nicht nur von einigen wenigen, gute Arbeit leistenden Clubs überholen lassen, nein, wir sind im absoluten Mittelmaß angekommen und die Champions-League ist nicht nur bei den eigenen Spielern ein Tabuthema, sondern auch bei den eigenen Fans.
Wahrscheinlich ist das auch besser so, denn wohl jeder kann sich angesichts unserer vielen Problemfelder und den in Relation zu unserem stehenden Kadern der Konkurrenz ausrechnen, dass man ledigich Hohn und Spott ernten würde, wenn man diese Zielsetzung ausgeben würde.
Selbst von der Europa-League spricht man bei Werder derzeit nicht wirklich - jedenfalls nicht ohne den Verweis darauf, dass einige andere, eigentlich auch ambitionierte Clubs, wie etwa der HSV oder der VfB Stuttgart, vergleichbare Situationen vorfinden würden. Viele wären schon glücklich, wenn man einen einstelligen Tabellenplatz erreichen würde.
Natürlich kann man diese Genügsamkeit der Fans als positive Regulierung eines jahrelang sehr hohen, vielleicht zu hohen Anspruchs ansehen, allerdings kommt man nicht umher, diese Regulierung als das anzusehen, was es ist: Ein riesengroßer Rückschritt - vor allem vor dem Hintergrund, dass wir wirtschaftlich an, für Bremer Verhältnisse, Schmerzgrenzen gehen müssen, um diesen deutlich heruntergeschraubten Ansprüchen überhaupt in ihrer Wahrscheinlichkeit gerecht werden zu können.
Ich bin stolz darauf, dass Werder ein Club ist, der Erfolgsgeschichten wie die von Thomas Schaaf oder einst Otto Rehhagel schreibt, bzw. schrieb. Aber: Jede Erfolgsgeschichte ist irgendwann einmal zu Ende und irgendwann braucht es einfach frischer Impulse. Für die Mannschaft, für das Umfeld, für Fans.
Von daher empfinde ich es auch nicht als Panikaktion, Schaaf in Frage zu stellen. Wie bereits -zweimal- angemerkt: Bei keinem ambitionierten Club der Bundesliga wäre ein Trainer im Zeitraum der letzten drei Jahre an den heutigen Tag angelangt, wenn er die Resultate und vor allem diese Entwicklung vorzuweisen hätte, die Thomas Schaaf in dieser Zeit bei Werder vorzuweisen hat.