Zum Nachdenken:
Ich hab mir heute mal ein paar Gedanken um das Wörtchen "Pietät", was uns im Rahmen des Unfalls von Jules Bianchi immer wieder vorgehalten wurde, gemacht. Erstmal, ich finde Pietät nicht schlecht. Zuviel Pietät ist besser als zu wenig.
Am Wochenende bei der Formel 1 hat diese Pietät, oder Rücksichtnahme auf einen verunglückten Piloten eine neue Dimension erreicht die mich... ja nicht gestört hat, um Gottes Willen, aber verwundert hat.
Die Formel 1 hat sich in ihrer Berichterstattung verändert. Wo man 1994 noch in Großaufnahme Sennas Abtransport und seine Blutlache beobachten konnte, hatte man es 99 schon mal geschafft, Tücher und Leinwände zu benutzen um Bergungs- und ärztliche Versorgungsarbeiten nach Schumis Unfall abzuschotten. Draufgehalten hat die Kamera trotzdem, und schaffte es sogar über Helikopter Schumacher auf der Bahre zu zeigen. 2003 in Monaco konnte man über den Äther sehen, wie man in eine Kanüle in den schlaffen Arm des bewusstlosen Jenson Button eingeführt hatte, bevor die kompletten Versorungsmaßnahmen abgeriegelt wurden. 2007 ging man den nächsten Schritt und zeigte nichts mehr von expliziten Ärztemaßnahmen. Der Unfall von Kubica wurde trotzdem in mehreren Perspektiven immer wieder gezeigt... unwissend, ob wir hier gerade einen tödlichen Unfall sehen, oder einen schweren Unfall mit glimpflichen Ausgang. Auch bei Massa 2009 konnte man in Super-Zeitlupe die Feder beobachten, wie sie gegen seinen Kopf einschlug, die Bergung geschah abseits der Kameras.
Die neue Dimension von Sonntag ist, dass man selbst den Unfall nicht mehr zeigt. Fernsehzuschauer und Moderatoren werden völlig im Unklaren gelassen, verstehen nicht warum das Rennen abgebrochen wird und können nur anhand der Körperhaltungen anderer Fahrer ablesen, dass etwas schlimmes passiert sein muss.
Ich bin nicht geil darauf, möglichst schwere Unfälle zu sehen, ich habe auch nichts am Voyeurismus. Aber geht man mit der Rücksichtnahme hier nicht zu weit? Ein Formel 1 - Fahrer kennt sein Risiko... oder er sollte es kennen. Er weiß, dass er von 100 Mio Menschen am Fernseher verfolgt wird, egal ob er gewinnt oder verliert, ob er jubelt oder weint, ob er siegt oder verunglückt. Die Formel 1 - Fahrer kennen dieses Risiko, sie nehmen es in Kauf, es ist ihr Job, ihre Leidenschaft. Die Eltern der Fahrer kennen diese Risiken ebenfalls, sie unterstützen ihre Söhne, Männer, Väter. Ich glaube, kein Vater, kein Fahrer selbst oder ein Teamchef würde sich bei Charlie Whiting beschweren, wenn die Bilder des Unfalls gesendet worden wären. Ich möchte betonen, dass es hier nur um den Unfall selbst geht, um keinerlei Bergungsmaßnahmen oder möglichst oft das geschockte Gesicht von Sutil... sowas hat im TV nichts zu suchen. Ärztliche Maßnahmen haben nichts mit dem Motorsport zu tun, die kann man sich in einer Doku über Unfallärtze anschauen, aber Unfälle gehören eben leider Gottes zum Motorsport wie spektakuläre Überholmanöver, die jeder sehen möchte. Dies aus der Sicht der Beteiligten, auf die man Rücksicht nimmt.
Dann gibt es natürlich auch Fans die sagen: "Sowas brauche ich nicht zu sehen, sowas möchte ich nicht sehen." Akzeptiert, wenn jemand eben die dunklen Seiten des Sports ausblenden will. Das bleibt jedem überlassen, der kann wegschauen, den Fernseher für einige Minuten, bis der Grusel vorbei ist abschalten oder kurz mal in die Küche gehen. Aber auch ein Motorsport-Fan akzeptiert Unfälle in seinem Sport. Sie gehören zum Sport, wie das brutale Foul am Stürmer beim Fussball. Das will niemand sehen, da ist keiner geil drauf, aber es würde keiner Verlangen, dass die Kamera in dem Moment wo gefoult wird den kaugummikauenden Torwart zeigt. Den kann man zeigen, wenn der Spieler auf dem Feld behandelt
wird.
Es ist einfach ein Teil davon, und es spricht für die Gesellschaft, dass man versucht, diesen Teil irgendwie abzugrenzen. Menschen weiß zu machen: "Der Motorsport ist sicher, es kann nichts passieren."... und wenn es passiert, dann schalten wir einfach ab. Ein guter Bekannter hat mal davon gesprochen, dass die Oma sich mittags beim Formel 1 - Kuchen nicht verschlucken darf, weil etwas schlimmes passiert. Das war zwar damals in der Diskussion, das zuviel kleinlich bestraft wurde aber daran hatte ich am Sonntag gedacht.
Wo zieht man die Grenze? Ab welchem "Schweregrad" des Unfalls entscheidet man einfach, die Wiederholung nicht einzublenden, oder die Kamera, die den Unfallort einfangen könnte, nicht mehr zu zeigen. Ich meine, wenn ein Auto, wie im letzten Falle unter einen Bagger knallt kann man sich ausmalen, dass beim Fahrer etwas schlimmes passiert ist. Aber konnte man das bei Kubica wissen? Ich glaube ein Großteil aller Zuschauer hat im ersten Moment gedacht. "Der ist tot." Oder bei Villeneuve 2001 in Melbourne. Damals konnte man nie wissen, ob dieser Fahrer nicht schlimm verletzt war. Andersrum gab es (zwar in letzter Zeit nicht in der Formel 1) in der Motorsport-Historie Unfälle, die sahen gar nicht schlimm aus, und später musste man geschockt feststellen, dass der Fahrer gestorben war. Dale Earnhardt fällt mir da zb ein. Wer will diese Grenze ziehen, wo will er sie ziehen? Kommt man bald so weit, dass alles "Böse" im Motorsport einfach von der Matschscheibe verbannt wird? Werden nur noch die gelungenen Überholmanöver gezeigt, die Kollisionen nicht mehr? Wo fängt man an, wo hört man auf?
Zum Ende (sorry, der Beitrag wurde länger als geplant) noch ein Vergleich zum Alltag. In der Zeit des Social Medias nutzen mittlerweile sogar Freiwillige Feuerwehren ihre Facebook-Seiten um ihre (lobende) Arbeit bildlich zu dokumentieren. Bildern von zerlegten Kleinwagen auf der Autobahn, bei denen Feuerwehrmänner um die Fahrertür herumstehen um den Familienvater oder das Kleinkind zu retten. Freilich, Personen werden keine gezeigt, aber die Fantasie gibt den Rest. Große Medien wie RTL und ZDF nehmen diese Bilder dankbar auf, oder sind per Leser-Reporter selbst am Ort, um die Reststücke des Unfallwagens zu filmen. Dort rechtfertigt sich der Konsument durch Pressefreiheit und Informationsbedarf. Das will auch nicht jeder sehen, und viele lehnen sowas ab.
ABER: Diese Leute, die auf Deutschlands Autobahnen und Landstraßen verunfallen, sind nicht berühmt. Es steht kein bekannter Name da. Sie wurden nicht gefragt, ob sie gefilmt werden dürfen, ob man das Unfallauto der Weltöffentlichkeit zugänglich macht. Sie sind nämlich keine Rennfahrer der Öffentlichkeit, die sich freiwillig dem Risiko eines Unfalls aussetzen, die wissen dass es gefährlich ist sich in ein 700 PS-Geschoss zu setzen und um einen Kurs zu fahren, an dem an jeder Ecke eine Kamera steht. Sie sind gewöhnliche Menschen, die von der Arbeit nach Hause fahren, zu ihrer Freundin fahren, zum Fussballtraining, von der Geburtstagsparty nach Hause kommen. Warum wird die Pietät, die "Privatsphäre" eines Sportlers, der sich freiwillig dem Risiko aussetzt, steigend mehr beachtet, als dem unbekannten Menschen auf Deutschlands Straßen, der einfach nur sicher von A nach B kommen möchte.
Ich habe nichts gegen Pietät. Ich stehe nicht darauf, Unfälle zu sehen. Ich liebe den Motorsport über alles und das seit über 17 Jahren und ich wünsche Jules Bianchi genauso wie allen Menschen, die momentan mit den Folgen eines Unfalls kämpfen Kraft und alles Gute.
Es ist auch keine Bewertung, ob es richtig oder falsch ist, Unfallbilder in der Formel 1 zu zeigen. Es sind einfach Gedanken...