Schalke kann das Ruder immer noch herumreißen, aber durch den überraschenden Erfolg in dieser Saison ist es nicht wirklich einfacher geworden. Man hat sich vermutlich noch ein Jahr Aufschub erspielt, aber dieses Ergenis zeigt, dass schmerzhafte Einschnitte unumgänglich sind - schließlich handelt es sich unterm Strich "nur" um 17 Millionen Verlust, weil man im sportlichen Bereich deutlich erfolgreicher war als kalkuliert: Das Halbfinale im DFB-Pokal sowie die Vizemeisterschaft werden zusätzliche Einnahmen generiert haben, zudem konnte man mehr aus dem Gazprom-Sponsorendeal abgreifen, dessen Auszahlung ja soweit mir bekannt erfolgsabhängig ist.
Nun kann man sagen "aber durch die CL kommen ja nächstes Jahr mindestens 15-20 Millionen neu rein". Das stimmt, aber wenn der Kader sich nicht wesentlich ändert, würde das heißen, dass nur bei ähnlichem sportlichen Erfolg eine "schwarze Null" erzielt werden kann, was beim Schuldenabbau nicht entscheidend weiterhilft und außerdem recht unwahrscheinlich ist.
Bisher geht von den Großverdienern ausschließlich Kuranyi, Mineiros Gehalt dürfte sich in Grenzen gehalten haben und Metzelder, Hoogland und Jendrisek sind schon neu auf der Gehaltsliste aufgetaucht.
Ich beneide Felix Magath nicht um die Entscheidung, die er jetzt treffen muss: Wenn er jetzt ernsthaft mit der Entschuldung anfängt, anstatt nur darüber zu reden um den teuren Kader als sympathischen Außenseiter zu präsentieren, kann er sich das Denkmal, dass ihm die Schalker Fans jetzt bauen wollen, gleich von der Backe kratzen - er kann kein Transferplus erzielen ohne den Kader entscheidend zu schwächen, wenn mit Kuranyi schon eine wichtige Säule ablösefrei geht (Ich persönlich schätze, dass man für Rakitic, Rafinha und Westermann nach dieser Saison Ablösen zwischen 5 und 10 Mio, für Neuer, Farfan und Höwedes zwischen 10 und 15 Mio kassieren und bei Bordon ein fürstliches Gehalt ohne nennenswerte Ablöse sparen könnte, aber keiner dieser Abgänge ließe sich sportlich für solche Summen ersetzen und um die Entschuldung ernsthaft voran zu treiben, dürfte es nicht bei nur einem Abgang bleiben). In der CL wäre so nicht ernsthaft was zu erreichen (wie hoch die Trauben da hängen, hat er ja mit dem Kader von Bayern München schon erfahren) und in der Liga wäre der Erfolg von dieser Saison so wohl auch kaum zu wiederholen. Der Erfolg der guten Tat schlägt hier natürlich heftig ein: Könnte man den Fans vermitteln, dass die Vizemeisterschaft bloß der Auftakt zu zwei bis drei "mageren Jahren" ist, in denen Platz 5 ein ambitioniertes, wenn auch realsitisches Ziel ist? Daran habe ich meine Zweifel, schnell würden sich die Leute bei mäßigem Erfolg daran erinnern, dass Magath noch der Ruf nacheilt, dass sich seine Methoden nach ein bis zwei starken Saisons verbrauchen. Mit dem Titel wäre er auf Dauer unangreifbar gewesen, aber Vizemeisterschaften verhelfen einem in Schalke nicht zu viel Kredit, das haben auch andere gemerkt.
Die andere Alternative für Magath ist: Den Kader so weit es geht zusammenhalten wenn keine ungeheuerlichen Angebote ins Haus flattern, weiter dutzendweise günstige Spieler kaufen, von denen sich dann einige wenige durchsetzen und das Image des Außenseiters pflegen und in erfolgreichen Jahren keine neuen Schulden aufzuhäufen ohne nennenswert welche abzubauen. Das hilft dem Verein auf Dauer nicht weiter und schadet enorm, wenn es denn mal aufgrund unglücklicher Umstände nicht so toll läuft, aber das braucht Magaths Sorge nicht zu sein - er muss sich für Schalkes Schulden nicht verantworten, weil er sie ja auch wirklich nicht selbst angehäuft hat. Nach zwei Saisons kann er sich dann aus "persönlicher Verbundenheit mit dem Verein" zum HSV orientieren oder ein Auslandsabenteuer wagen. Schulden werden dann nach seiner Zeit abgebaut, wenn die hoch dotierten Verträge von "totem Kapital" wie Streit, Ze Roberto 2 oder Asamoah auslaufen und er kann sich rühmen den Verein ohne nennenswerte neue Schulden durch die Jahre mit den überhöhten Gehältern geführt zu haben und einen Kader mit gesunder Gehaltsstruktur zu hinterlassen, womit seine Mission erfüllt ist. Dummerweise laufen dann auch Verträge von Spielern wie Rafinha, Farfan oder Neuer aus, die sich nicht ohne nennenswerte Investitionen ersetzen lassen und ein neuer Trainer wieder vor der Entscheidung steht: Neue Schulden machen um mit Topverdienern zu verlängern bzw. diese zu ersetzen oder versuchen dem Publikum zu vermitteln, dass die Ziele aus den Magathjahren nicht realistisch sind, wenn man ohne dessen Topstars auskommen muss.
Ich denke, Magaths Strategie in dieser Saison deutet darauf hin, dass man er sich für die zweite Variante entschieden hat und sich vor den unangenehmen Aufgaben, die bei Schalke anzugehen sind, quasi "drücken" will. Ich kann es ihm nicht verübeln, er hat den gröbsten Mist nicht gebaut und wenn ich die Wahl hätte zwischen ungeliebtem Sparonkel und gefeiertem Volksheld, würde ich auch letzteres wählen anstatt die Suppe meiner Vorgänger auszulöffeln, zumal, wenn die Leute, die die finanzielle Lage zu verantworten haben, einem breitwillig erlauben den angenehmeren Weg zu gehen.
Unterm Strich bleibt es dabei: Man kann nicht alles auf einmal haben. Entweder auf sportlichen Erfolg setzen, bei dem (im Erfolgsfall) wenig bis keine Schulden abgebaut werden, oder einen von vielen kleinen Schritten zur finanziellen Gesundung des Vereins unternehmen und sportliche Zielsetzungen zurückschrauben.
Was jetzt wirklich besser für Schalke ist, bleibt schwer zu sagen. Wäre ich Schalkefan, wäre mir der konservative Weg lieber, weil ich meinen Verein im schlimmstmöglichen Fall nicht so einfach verlassen kann wie das dort angestellte Personal, aber andererseits bin ich dann natürlich auch keiner.
