Inwiefern über- bzw. untertrieben? In der Gesamtbetrachtung des Weltfußballs steht Deutschland selbstverständlich noch recht gut da. Nur debattieren wir hier, wie von dir korrekt konstatiert, über Spitzen-Fußball. Hier zuzugehören ist das Selbstverständnis des DFB und somit der DFB-Führung - die u.a. durch ihre Querelen und hohe Fluktuation in den letzten Jahren auch einen hohen Anteil an dem derzeitigen Zustand der Nationalmannschaft hat. Doch wenn man sich unter diesem Selbstverständnis ansieht, wie mit welcher Kreativität z.B. Frankreich, Kroatien und die Niederlande Fußball spielen, ist gemessen an europäischen bzw. Weltspitze der spielerische Ausbildungstand in Deutschland rudimentär. Und somit klaffen beim DFB Anspruch und Wirklichkeit ähnlich weit auseinander wie z.B. beim "Big City Club" Hertha BSC, dessen Selbstverständnis die Champions League, deren Realität jedoch Abstiegskampf ist.
Ich habe jetzt nicht recherchiert, gehe aber mal davon aus, dass vermutlich selten zuvor soviel Geld in die Ausbildung von Talenten investiert wurde wie heutzutage. Viele Bundesligisten und auch der DFB als Verband bauen neue Nachwuchszentren, ehemalige Profis gründen oder betreiben Fußball-Schulen, mobil oder stationär, saisonal oder dauerhaft. Das Scouting-Netz ist so engmaschig wie selten zuvor, die internationale Verzahnung, z.B. bei Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft oder Lebensjahren im Ausland ist gegeben. Den Begriff "rudimentär" übersetze ich in erster Linie mit "verkümmert". Das trifft es aus meiner Sicht wegen oben genannter Aspekte nicht. Ich würde nicht von einer rudimentären Ausbildung sprechen, sondern von einer falschen.
Unabhängig vom Verständnis des Begriffes "rudimentär" wurde hier ja auch schon öfter davon gesprochen, dass hierzulande heutzutage sogenannte "Straßenfußballer" fehlen, darunter verstehe ich solche, die ganz ohne vorherige Ausbildung schon allein durchs permanente "learning by doing" eine gewisse Raffinesse, eine Individualität mitbringen. Das sehe ich ganz genauso. Das ist tatsächlich ein großer und entscheidender Unterschied zu Frankreich, insbesondere zu den Banlieues rund um Paris und auch zu den Niederlanden (rund um Amsterdam). Ob es das in Kroatien in der Form auch gibt (evtl. am Strand?), oder dort durch gezieltes Training erarbeitet wird, kann ich nicht beurteilen.
Richtig ist für mich, dass der DFB die Talente (noch) nicht richtig fördert. Wenn Du das mit "rudimentär" meinst, gehen wir
d accord!
Warum hat Flick auf das Löw-System zurückgegriffen? Zumal er bei den Bayern zeigte, dass er ansehnlichen Fußball auf Weltklasseniveau spielen lassen kann.
Nur mal so als Gedankenspiel: Könnte es z.B. daran gelegen haben, dass es in der Breite an spielerischer Klasse auf höherem internationalen Niveau fehlt, um damit in ein Turnier zu bestreiten, so dass der Löw'sche Rasenschach für Flick das kleinere Übel war? Die Franzosen z.B. verfügen dagegen über eine solche Breite auf hohem internationalen Niveau, so dass sie trotz der verletzungsbedingten Absagen von 6 Top-Spielern - Marktwerkt lt. transfermarkt.de 255 Mio. € (!) - es mit einem überwiegend guten bis sehr guten Fußball bis ins Finale schafften. In Deutschland dagegen lagen z.B. die Sturmhoffnungen auf einen 29jährigen, der vor dem Testspiel gegen den Oman seinen letztes Länderspiel ca. 8,5 Jahre zuvor in der U20 bestritt sowie einem 18jähren Talent. Dazwischen befand sich losgelöst von jeglicher Taktik ein Vakuum. Das ist für Spitzen-Fußball viel zu wenig - und somit auch die Folge einer rudimentären Nachwuchsförderung.
Tja, warum? Das weiß wohl nur Flick allein. Viele Beobachter gingen nach dem Scheitern in der Vorrunde ja davon aus, dass er dem Bayern-Block aufgrund seiner vormaligen Beschäftigung dort, aufgrund der Nähe zu den Spielern und insbesondere aufgrund damaliger Erfolge zu sehr vertraut hat. Stärker als es für den DFB gut war. Insofern hat er sich für das "größere Übel" entschieden, vermutlich größer als nötig.
Es ist natürlich spekulativ darüber zu sinnieren, wie weit die DFB-Elf mit anderer Aufstellung und mit anderem Spielsystem gekommen wäre. Mein Gefühl sagt mir aber, dass es kaum schlechter abgeschnitten hätte, wenn nach Leistung statt nach Blockbildung aufgestellt worden wäre und dass man in den letzten Jahren als Beobachter hätte erkennen können, dass das Tikitaka taktisch entschlüsselt wurde. Was ich als absolut fahrlässig erachte, ist, auf die echte Spitze zu verzichten, obwohl man im Spiel zuvor erlebt hat, dass sie nicht nur spieltaktisch funktioniert, sondern dass sie die Statik des Spiels verändert, den Gegner beschäftigt und erfolgreich trifft.
Sturmhoffnung? Tja, hätten sie man mal auf der einzigen echten zentralen Spitze gelegen. War es nicht eher so, dass sie bei der DFB-Führung eher auf diversen "falschen 9ern", hängenden, kreisenden und einrückenden Spitzen lag? Dass selbst Standards a ehesten kurz und mit vielen Schnörkeln ausgeführt werden sollten, statt auf Direktabschluss oder insbesondere Kopfbälle zu setzen? Was die Ausbildung von Mittelstürmern angeht, da würde ich tatsächlich von "Verkümmerung" bzw. "Rudimentierung" sprechen. Diese Entwicklung ist für mich aber eben die fatale Folge der spieltaktischen Fokussierung auf das Tikitaka seit ca. 2010.
Der Qualitätsmangel ist trotz der U21-Erfolge doch schon jetzt allgegenwärtig. Siehe mein vorheriger Absatz. Vor allem aber wird dieser Qualitätsmangel durch einen Blick auf die
Marktwerttabelle der an der WM 2022 teilnehmenden Nationen: Der DFB-Kader lag bei ca. 890 Mio. €, der von Frankreich - trotz der verletzungsbedingen Ausfällen von 6 Top-Spielern - bei 1.060 Mio. €. Das ist ein ziemlich dicker Brocken, der eine deutliche Sprache spricht.
Sehe ich, was die DFB-Elf in Katar anbetrifft, wie mehrfach beschrieben, ein wenig anders. Die Marktwerte sind dabei für mich, wenn überhaupt, nur ein sehr geringer Maßstab. Was sagt der Marktwert schon über die Spielstärke oder über die Bedeutung für den Mannschaftserfolg aus? Gerade bzgl. Frankreich denke ich da an den Spieler Dembele. Mit welchem individuellen Marktwert ist der in den französischen Gesamtwert eingegangen? Welche Bedeutung hatte er für deren Finaleinzug?
Welchen Marktwert hatte eigentlich ein Dieter Eilts, bevor er im Jahr 1996 mit Deutschland Europameister wurde und als einer der wichtigsten Akteure im Team letztendlich sogar in die TOP-Elf des Turniers gewählt wurde?
Macht großen Spaß, mit dir zu diskutieren
Danke für die Blumen!
