Wer liesst denn noch heutzutage?

Weil hier im Forum so häufig über Nazis gesprochen wird, andere Foristen ebenfalls als solche bezeichnet oder zumindest in die Nähe gerückt werden, habe ich für den Anfang eine dringende Buchempfehlung.

Der Schriftsteller:

Konrad Heiden (1901–1966) war ein deutsch-jüdischer Journalist und Schriftsteller, der vor allem durch seine frühen und kritischen Werke über den Nationalsozialismus und Adolf Hitler bekannt wurde. Seine Biografien gelten als wichtige Quellen und Grundlagen für spätere Darstellungen des Dritten Reichs.

Heiden emigrierte nach der Machtergreifung 1933 zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich und schließlich 1940 in die USA. Viele seiner unveröffentlichten Manuskripte, darunter Entwürfe zu einem Werk über den Kommunismus ("The Fallacy of Power"), befinden sich heute im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte

Buchempfehlung:
  • Adolf Hitler. Eine Biographie(in zwei Bänden, 1936/1937):
    • Band 1: Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit (1936)
    • Band 2: Ein Mann gegen Europa (1937)
      Diese Doppelbiografie war die erste bedeutende und umfassende Hitler-Biografie und wurde international rezipiert
Band 1:

Der Titel „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ spielt auf die moralische und politische Haltung der etablierten Eliten und der breiten Masse an, die durch Untätigkeit, Opportunismus oder Verblendung den Weg für die Diktatur ebneten. Heiden fasste die nationalsozialistische Weltanschauung in diesem Kontext prägnant als „Taumel ohne Rausch, Marsch ohne Ziel“ zusammen.

Band 2:

Der zweite Band „Ein Mann gegen Europa“ (1937) setzt die Biografie nahtlos fort und behandelt die Jahre 1933 bis 1936, also die Zeit unmittelbar nach der Machtergreifung bis zur Veröffentlichung des Buches.

Zusammenfassend zeigt der Band, wie aus dem Demagogen des ersten Teils der unumschränkte Herrscher wird, dessen Ideologie zwangsläufig in einen Krieg gegen ganz Europa führen muss.

Die beiden Bücher sind die wichtigsten Bücher über die Entstehung des Nationalsozialismus, über Hitler und bis hin zu der Einführung der Rassengesetze 1935.
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
Es gibt deutliche Parallelen zwischen der NSdAP und einer heute agierenden Partei:
Konrad Heidens Analysen lehren uns, die Gefahr nicht im Programm, sondern in der skrupellosen Methodik einer Bewegung zu sehen, die demokratische Normen aushöhlt, mit Tarnsprache radikale Ziele verfolgt ( u.a. 'Remigration') und eine völkische, ausgrenzende Ideologie vertritt. In diesen Punkten lassen sich zwischen dem frühen Nationalsozialismus und einer aktuellen Partei strukturelle und strategische Parallelen erkennen, die Historiker und Demokraten mit Sorge betrachten.

Der Vergleich erinnert uns daran, dass Demokratien nicht nur von offenen Feinden, sondern auch von Kräften gefährdet werden, die ihre Spielregeln untergraben, während sie sich bürgerlich geben. Die Methodik, die Heiden beschrieb, nämlich die systematische Unterwanderung demokratischer Normen, um die eigene Macht zu festigen, ist aktuell beunruhigend ähnlich.

Genau an diesem Punkt wird Sir Karl Poppers Toleranzparadoxon zur zentralen Denkfigur ("Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", 1945).
Popper wies darauf hin, dass eine Gesellschaft, die bedingungslos tolerant gegenüber allen ist, sich selbst aufgibt – denn wenn sie auch jene toleriert, die ihre Toleranz abschaffen wollen, wird am Ende nur die Intoleranz übrig bleiben.
Das klingt abstrakt, wird aber konkret, wenn wir es auf die heutige Situation anwenden.
Eine Demokratie, die die strategischen Angriffe auf ihre eigenen Grundlagen als normale Meinungsäußerung hinnimmt,.läuft Gefahr, sich selbst abzuschaffen und Platz zu machen für ein System, das seine Gegner mundtot macht.
Popper betont jedoch, dass die Bekämpfung der Intoleranz kein Freibrief für staatliche Willkür ist. Sie darf nur das letzte Mittel sein, eine Ultima Ratio, und sie muss strikt an die Prinzipien des Rechtsstaats gebunden bleiben. Es ist eine heikle Gratwanderung: Eine Gesellschaft muss wehrhaft sein, aber sie darf nicht in eine neue Intoleranz verfallen, die am Ende alle Andersdenkenden trifft. Die entscheidende Frage – wer bestimmt, was intolerabel ist – darf nicht von der öffentlichen Meinung oder den Regierungsparteien entschieden werden, sondern allein von einem gut kontrollierten, neutralen Rechtsstaat.
Die Geschichte der Weimarer Republik zeigt, wie fatal es ist, wenn der Rechtsstaat systematisch ausgehöhlt und die Abwehr der Intoleranz zu einem Instrument allgemeiner Unterdrückung wird. Die Lehre aus Heidens Schriften und Poppers Philosophie ist deshalb keine Aufforderung zur Intoleranz, sondern zur klugen, vorausschauenden Wehrhaftigkeit. Es geht darum, die Mechanismen des Rechtsstaats zu nutzen, bevor diejenigen, die ihn zerstören wollen, stark genug sind, um ihn von innen heraus zu besiegen.
Untätigkeit aus falsch verstandener Toleranz ist in diesem Zusammenhang keine Tugend, sondern eine gefährliche Form der Selbstaufgabe.
 
Back
Top