Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?
Interessanter Artikel über eines der In-Bücher, das auch von Maxim Biller über den grünen Klee gelobt wurde und das in manchen Passagen leider wirklich so ist, wie es die Basler Zeitung schreibt
Ich hab drin geblättert. Unnötig (Blättern wie Buch). Lustig auch (gerade vor dem Hintergrund des Abschreibvorwurfs, der ja wohl inzwischen Tatsache ist) die Debatte in Lesen! im ZDF vor ein paar Tagen zwischen Ijoma Mangold (in etwa: "Tolles Buch! So Authentisch! Wie eine 17jährige so sprachgewandt sein kann, hach, wie sie der Welt den Spiegel vorhält in ihrer so bewusst dreckigen Sprache (etc. blabla)") und Amelie Fried (in etwa: "Ich hab zwei pubertierende Kinder und kenn das, ich weiß nicht, was an dem Buch so besonders sein soll.")
Helenchen Hegemann hat abgeschrieben. Hätte sie sich inspirieren lassen von Gelesenem und das in eigenen Worten wiedergegeben, eingewoben in die von ihr kreierte Geschichte, hätte ich damit kein Problem. Debatten über originäre Literatur sind ohnehin müßig - alles wird/lässt sich intertextuell verfassen und interpretrieren. Aber wortwörtlich abkupfern ist Diebstahl geistigen Eigentums und keine literarische Leistung. Die Hegemann hat eine ja nicht uninteressante Vorgeschichte mit ihren eigenen Regiearbeiten, Drehbüchern, Theaterstücken, die sie angeblich schon als 14jährige verfasst hat. Da stellen sich jetzt natürlich diverse Fragen, als drängendste allerdings: Was soll der Scheiß?
Entlarvend ist das in erster Linie für die deutsche Feuilleton-Kultur, die ja fast ausnahmslos dreifache Salti geschlagen hat ob des Buches und jetzt aber mal sowas von ohne Matte sprichwörtlich auf dem Boden der Tatsachen landet. Mich erinnert das Ganze an Benjamin Lebert und seinen Debütroman "Crazy" sowie dessen erfolgreiche Verfilmung. Da hat auch schon manch Kritikerkoryphäe dem neuen Wunderkind die Wiege geschaukelt, doch seit der autobiographischen "Crazy"-nummer leidet Lebert am Fluch der nachfolgenden Bücher. Will sagen: Die Hegemann wird nicht alles abgeschrieben, zusammengeklaut und geinternetpatchworked haben, sondern schon einen großen Teil des Buches in ihrer wie auch immer zu beurteilenden Schreibe (Authentisch? Albern? 17jährig?) anhand eigener Erfahrungen zusammengekleistert haben, aber wo ist da das Schöpferische? Klassische, junge, deutsche Literatur speist sich im letzten Jahrzehnt immer aus in mehr oder weniger krude Geschichten verpacktem autobiographischem Gelaber. Letzten Endes also vermutlich doch nur ein weiteres Buch in einer langen Reihe, die man als Fräuleinbefindlichkeitsliteratur bezeichnen kann und sich von "Sommerhaus, später" über "Feuchtgebiete", "Mängelexemplar" bis eben hin zu "Axolotl, Roadkill" zieht. Das wird seine Leser finden, gerade wegen der jetzt aufkommenden Diebstahldiskussion (die großartiges PR-Feuer ist, im Übrigen), das Buch mag auch nicht wirklich schlecht sein, es scheint aber vor allen Dingen das nicht zu sein, was viele Kritiker in ihm gerne sähen: authentisch.
(Oder halt doch authentisch, wenn man darunter die Haltung dieser Generation versteht: Ich äußere mich mal zu allem mit meiner frechen Schnauze und ich hab auch zu allem eine Meinung, selbst, wenn es nicht die meine sein sollte. Sollte es nicht die meine sein: Stand so im Internet, hab gedacht, wär okay. Sorry! (jetzt aber schnell ´ne Zigarette und bedeutungsschwanger glotzend mit Papis Laptop an den Helmholtzplatz setzen)