Auch das halte ich für wenig wahrscheinlich. Für einen Bürgerkrieg müssten die Bürger schon mal aufstehen wollen. Gegen wen? Für was? Welche beiden Gruppierungen stehen gegeneinander und haben Waffen? Geheimdienste und Militär dürfen zur Zeit ziemlich eines sein. Söldner um Wagner herum....lächerlich wenig, im Vergleich. Und eben Söldner. Wenn morgen Putin tot umkippt und die Nachfolge nicht geregelt ist, dann gibt es sicherlich Gerangel zwischen Moderaten und Falken. Aber Bürgerkrieg? Nie im Leben.
Da stimme ich Dir zu. Es wird keinen Bürgerkrieg in dem Sinne geben. Sofern es sehr schnell wieder eine Führung im Kreml gibt, sollte Putin tot umfallen.
Ein paar grundsätzliche Gedanken.
Russland ist anders. In Russland gab es schon immer die krasse Diskrepanz zwischen dem zivilisatorisch durchaus Europa vergleichbarem Gebiet St- Petersburg - Moskau, mit Abstrichen noch einige andere Großstädte (Nishni Novgorod, Jekaterinburg u.a.). Alles andere ist JWD, wie der Berliner über Brandenburg sagt. Janz weit draußen. Quasi unwichtig, aus Sicht der Regierenden in Moskau bzw (früher) St. Petersburg.
Als unmittelbare Folge davon ist es der Bevölkerung dieses JWD-Bereichs auch recht egal, wer in Moskau oder sonstwo die Geschicke des Landes lenkt. Sie hoffen, dass sie übersehen werden und ihr Leben weiterleben können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich für einen Großteil der Bevölkerung auf dem Land, zumal in Sibirien, seit der Politik von Perestrojka und Glasnost von Gorbatschow kaum etwas geändert hat. Vielleicht wurde das Geld weniger, vielleicht gab es einen neuen Fernseher. Aber das wars auch weitgehend. Die Führung des Landes in Moskau war und ist weit weg. Und kümmert sich (hoffentlich) nicht um die einzelnen Russen, damit die ihr "Ding" machen können. Ihre kleinen halblegalen Dinge, die sie so gerade eben über Wasser halten.
Die Bevölkerung in diesen Gebieten hat gelernt, dass wenn sie aufmucken, wenn sie irgendwann einmal protestieren, dass dann jemand in Moskau sie wahrnimmt und Soldaten schickt. Meistens welche aus völlig anderen Regionen des Riesenreichs, die keinerlei persönliche Beziehungen zu denen im betreffenden Gebiet haben. Und dass es danach schlechter wird. Für alle. Also sagen sie nichts.
Anders die Bevölkerung in den Großstädten westlich des Ural und einigen Großstädten in Sibirien. Dort hat sich seit Gorbatschow der Anfang einer Zivilgesellschaft entwickelt. In der Sowjetzeit war das so gut wie unmöglich, da hat der KGB das unterdrückt. Seit Gorbatschow gibt es in diesen Regionen viele soziale Aufsteiger. Und zwar nicht wie zur Sowjetzeit die Nomenklatura, diejenigen, die sich durch vorbildliches sozialistisches Verhalten hervorgetan haben und deswegen, als loyale Untertanen, befördert wurden. Sondern solche, die aufgrund eigener Leistung etwas erreicht haben und aufgestiegen sind. Etwas, das weder zur Zarenzeit noch zur Sowjetzeit jemals stattgefunden hat, zumal in einem solchen Maßstab.
Also hat Putin, nachdem er sich selbst als Nachfolger vom Suffkopp Jelzin installiert hat, dafür gesorgt, dass es von diesen Aufsteigern einige ganz weit nach oben geschafft haben. Allerdings zu dem Preis, dass sie danach von Putin abhängig wurden. Es war sozusagen anfangs eine Art Pakt zwischen Putin und "seinen" Oligarchen. Dann gab es mal einige dieser Oligarchen, die sich von Putin abgewandt haben. Diese fanden sich entweder im Exil wieder, zumeist irgendwo im Westen, oder in einem Gulag / Gefängnis, vorzugsweise irgendwo in Sibirien. Chdorkowski beispielsweise.
Auf diese Weise hat Putin die Anfänge der Zivilgesellschaft zunächst eingebremst und später zurückgefahren. Auch durch "seinen" Geheimdienst. Der für Putin so etwas wie eine Heimat, ein zuhause ist. Wenn man sich Putins Werdegang ansieht, ist er im Sowjetsystem durch diesen Geheimdienst groß geworden. Von einem Niemand, der auf der Straße lebte, zu einem KGB-Offizier und schließlich zum großen Zampano im Kreml. Eigentlich eine bemerkenswerte Karriere, die eben durch diesen Geheimdienst möglich wurde, durch das gesamte "gute alte" Sowjetsystem. Deswegen ist für Putin auch der Zusammenbruch dieses Systems, hervorgerufen durch Gorbatschow und anschließend befeuert durch den Westen, der großte Wendepunkt der Geschichte gewesen. Putin denkt nicht in einem rationalen historischen Rahmen, er denkt in einem persönlichen Rahmen. Was für ihn persönlich bedeutsam ist.
Wir haben also in Russland einerseits die Städte / Großräume und andererseits das Land. In den Städten wäre eine Art "Aufstand" denkbar, müsste dort allerdings zahlreiche Widrigkeiten überwinden. Beispielsweise den omnipräsenten Geheimdienst. Auf dem Land halte ich einen konzertierten Aufstand für undenkbar. Vielleicht mal eine einzelne Teilrepublik, von denen Russland mehr als genug hat. Aber dass alle Regionen zeitgleich, quasi gemeinsam gegen die Regierung aufmucken? Nein, sicher nicht.
Bleibt also ein Putsch. Dazu müsste es aber eine Struktur innerhalb entweder des Militärs geben oder beim Geheimdienst, die sofort nach der Absetzung Putins bereit wäre zur Übernahme der Verantwortung. Und da kann ich nur spekulieren, aber ich denke, dass ich nicht so weit daneben liege, wenn ich Putin unterstelle, dass er gemäß dem alten Motto der Lateiner "Divide et impera" anwendet. Er gibt einzelnen Personen genug Macht, damit sie quasi "befriedigt" sind und nicht ans Putschen denken. Wenn er dieses entsprechend streut und gelegentlich mal jemanden, der sich als "sicher" betrachtete, degradiert oder gleich ganz tötet - "Russische Fensterstürze" - wird er genug Unsicherheit in diesen Kreisn hervorrufen, dass niemand dem nächsten voll übern Weg traut. Ergo: Es gibt keine Struktur, die sich gegen ihn wendet, weil es immer einen Spion geben könnte. Das passiert fast lehrbuchhaft in vielen Autokratien.
Wenn jemand Putin absetzt, dann nur durch einen Mordanschlag. Und das ist schwer genug zu bewerkstelligen, wie das Attentat von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zeigte. Übrigens auch damals nicht durch jemanden aus der Ziviligesellschaft, sondern von Militärs.
Die Parallelen zwischen Putin und Hitler sind (leider) frappierend. Nur dass Putin noch seine "Fünfte Kolonne" hat, die hier im Westen für ihn arbeitet. Und sowohl ihn als auch seine Politik hochjubelt, um im nächsten Atemzug die Mär von der "unterwanderten Ukraine" zu verbreiten, die ja wohl sowas von entnazifiziert gehöre. Einfach weil Putin nicht akzeptieren kann / will / darf, dass sich in der Ukraine eine Zivilgesellschaft gebildet hat, die - sicherlich von westlichen Werten mitgeprägt - auch in den Städten Russlands dazu geführt hat, dass sich dort so etwas wie eine Zivilgesellschaft bilden könnte. Einfach dadurch, dass diese Gesellschaft eine Art Vorbild für diese Regionen Russlands war.
Und genau deswegen haben auch die baltischen Staaten solche Angst vor Putins Russland. Und nicht nur die. Auch in der Republik Moldau und in Georgien ist die stete Bedrohung durch einen Einmarsch allgegenwärtig.
Fazit: Nein, es gibt keinen Volksaufstand. Zunächst weil niemand so etwas auf größerer Ebene organisieren könnte (Nawalny ist ja in Gefangenschaft). Zweitens weil es immer noch zu viele Nutznießer dieses Systems gibt bzw eines Folgesystems. Und drittens ist den Menschen auf dem Land das ganze ziemlich egal. Sie wollen einfach weiterleben und nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.