Ich wäre einfach nur unendlich dankbar, wenn einer der vielen, vielen "Boro ist doch viel zu offensiv für die Position neben Frings"-Fachleute der Allgemeinheit hier mal erklären könnte, weshalb eine Doppel-Sechs mit Frings und Boro wackliger stehen soll als vorher eine Raute, auf der diese Position NUR von Frings ausgefüllt wird.
Das will ich gerne tun. Sofern Du auf meine Meinung Wert legst.
Zunächst einmal ist jede System-Diskussion sekundär, denn es geht nur immer darum, ballorientiert so zu verschieben, dass dem Gegner der Platz zum Aufbau genommen und dem eigenen Spiel Räume und vor allem permanent Überzahl in Ballnähe geschaffen werden. Und dazu
müssen die Spieler vorhanden sind, die diesen Anforderungen in dem Maße gerecht werden, wie sie die Ziele des jeweiligen Vereins mit Leben füllen können. Und Werders Ziel sollte doch wohl sein, wenn ich sämtlichen Aussagen hier und der Verantwortlichen folgen konnte, zumindest wieder unter den ersten fünf mitzuspielen.
Bei Borowski hatten wir ähnliche Diskussionen schon vor über zwei Jahren. Warum? Weil er ähnliche Defizite bereits auf der Halbposition der Raute offenbarte. Daher @Linienrichter, rühren schließlich auch die Befürchtungen einiger User in Bezug auf seine Defensiv-Tauglichkeit. Wie vorweg genannt halte ich es für gar nicht so relevant, ob nun Raute oder Doppelsechs, wichtiger ist es doch, dass vier Mann im Mittelfeld spielen und sowohl ihre Sicherungs-, als auch ihre Kreativaufgaben zu erfüllen in der Lage sind.
Viel hängt von der Spielintelligenz ab und m E gibt es da noch Unterschiede zwischen Spielintelligenz in offensiver und in defensiver Hinsicht. Was den Offensivpart angeht, erfüllt Boro sicherlich alles, was er dafür braucht: Kreatives Passpiel, Fähigkeit zum One-Touch, aber auch gescheite lange Bälle, Torgefährlichkeit und Instinkt, auch aus der Distanz. Aber defensiv, wo es darauf ankommt, zu antizipieren, mit klugem Spiel im Raum Laufwege zu verkürzen um evtl. Schnelligkeitsdefizite auszugleichen und vor allem, um Aufwand und Kräfte nicht nur für sich, sondern fürs gesamte Team zu sparen, da sehe ich bei Boro Schwächen. Und gebe 5vor12 recht, dass Union heuer dafür nicht der richtige Prüfstein war, warum auch immer. Das Ganze wird interessanter, wenn z. Bsp. Teams wie Stuttgart (wobei ohne Veh und Gomez es hier vermutlich einfacher wird), Schalke oder Wolfsburg kommen, die ein starkes Konterspiel mit versierten Stürmern aufziehen.
Im System mit Baumann, Micoud und Ernst kamen Borowskis Stärken mehr zum Tragen,
weil schnell gespielt wurde. Denn das hatte den Vorteil, dass sich bei Ballverlust doch mehr Leute hinter dem Ball befanden, bei Ballverlust mehr Spieler Räume zustellten, also Boro helfen konnten. Zumal gerade Ernst so ein Spieler war, der die idealen defensiv-konstruktiven Eigenschaften in sich vereinbarte. Während der Zeit mit Diego, als der Ball
langsamer nach vorn getragen bzw. verteilt wurde, traten Boro` s Schwächen dann doch einmal öfter zu Tage. Nicht ohne Grund fiel in den Diskussionen im alten Forum wegen der Konteranfälligkeit so 2007 und 2008 öfter Timbos Name. Ich denke, das war auch einer der Gründe, warum Borowski speziell zwischen 2003 und 2006 glänzte und den Sprung zur WM 2006 schaffte, allerdings danach nie wieder diese Form erreichte.
Was bedeutet das nun für die jetzige Mannschaft genau?
Zuerst möchte ich den Einwand bringen, dass Frings auch in der Vergangenheit seltenst den alleinigen Sechser spielte, denn so oft fehlte Baumann dann doch nicht bzw. war Frings selbst verletzt. Wir können also nicht wissen, wie so eine Raute über eine komplette Spielzeit funktionieren würde. Derzeit haben wir offensiv mit Özil und Marin zwei Akteure, deren Stärken vermutlich nicht im Spiel gegen den Ball liegen. Bei Marin ist mir in Berlin zudem eine Diego-ähnliche Spielweise aufgefallen, er machte mehr mit Ball als ohne, schaffte sich Räume lieber selbst, um diese zu nutzen, als diese für die Mitspieler nutzbar zu gestalten, suchte oft die Einzelaktion, nicht den One-Touch. Unter diesen Vorrausetzungen bedarf es normalerweise zweier strategisch denkender Akteure dahinter, die mMn zwei Eigenschaften insbesondere haben müssten: a) das Spiel mit blitzgescheiter Eröffnung schnell machen, ob nun diagonal, direkt steil oder über eine Zwischenstation (wie ehemals Baumann) und b) die angesprochene defensive Spielintelligenz. b) erfüllt Frings relativ zufrieden stellend, Boro weniger, in puncto a) erfüllen beide nicht das Optimum, wobei hier eher noch Timbo den Anforderungen gerecht werden könnte. Ist insgesamt zwar nicht schlecht, aber ob das für die Maßgabe reicht, um die CL-Plätze mitspielen zu können, da habe ich eben meine Zweifel. So sind mir drei nominell offensiv orientierte Spieler mindestens einer zuviel.
Und so kommt dann auch wieder Thomas Schaaf ins Spiel. Ich denke, ihm vorzuwerfen, er würde Fehler nicht sehen oder grundsätzlich eindimensional spielen zu lassen, passt nicht zur Realität. Denn ihm soweit Inkompetenz zu attestieren, ist natürlich Unsinn und steht keinem User zu. Aber ich glaube, Schaaf ist mitunter doch derart gefangen in seiner Offensiv-Ideologie, dass es ihm enorm schwer fällt, Spieler nach ihren defensiven Qualitäten zu bewerten. Momentan haben wir wieder überwiegend technisch starke Spieler im Mittelfeld, dafür aber weniger Strategen. Ich glaube, für TS sind technische Qualitäten wesentlich erheblicher als defensive Stärken. Er stellt lieber mehr offensiv starke Akteure auf, in der Hoffnung, dass diese auch defensiv alles leisten können. Ein Niemeyer bspw., der technisch und vom Passspiel her nicht die Option wäre wie Borowski, landet schnell wieder auf der Bank, dabei wird aber (unbewußt) übersehen, dass Niemeyer einige sehr gute defensive Qualitäten mitbringt wie Stellungsspiel im Raum, Zweikampstärke. Schaaf erkennt sicher die Möglichkeiten eines jeden und er sieht auch die Mängel, aber ich denke, er wertet sowohl die Mängel als auch die Stärken hinsichtlich ihrer Qualifikation für die Offensive viel höher als für die Defensive. Er sorgt mMn aber gerade dadurch indirekt für eine Instabilität des gesamten Gefüges, die immer dann problematisch wird, wenn die Mannschaft nicht genug eingespielt ist wie nach Sommer- und Winterpause oder wenn die IV oder Frings mal unter Form agieren. In Berlin war das nun weniger der Fall, da funktionierte die gesamte Mannschaft von der ersten Minute an, trotz des ersten Pflichtspiels. Aber letztlich ist es das, was ich bei TS stets kritisiert habe. Und deshalb habe ich dem vom Linienrichter propagierten
"Boro ist doch viel zu offensiv für die Position neben Frings" – Spruch hin und wieder zugestimmt.
Das ist schon eine tolle Theorie.
Eben.
