Cup der Verlierer
Bayern Münchens neuer Trainer Jürgen Klinsmann musste bei seiner Heimpremiere eine Niederlage hinnehmen. Der deutsche Fußball-Meister verlor gegen Inter Mailand 0:1.
Von Michael Neudecker
Der Trainer José Mourinho war in den vergangenen Jahren eine Art Stil-Ikone des Fußballgeschäfts, stets dezent elegant gekleidet, charmant auch und variabler als Weißhemd-Fan Jogi Löw. Bei seinem dritten Auftritt als Trainer von Inter Mailand in München beim Testspiel gegen den FC Bayern, da trug Mourinho einen Ausgeh-Trainingsanzug, dunkelblaue Hose, weißes Inter-Mailand-Langarmshirt, dazu Sommer-Slipper, die das insgesamt etwas eigenwillige Outfit abrundeten.
Jürgen Klinsmann dagegen war erstmals als Bayern-Trainer nicht im Trainingsanzug zu sehen, er trug Stoffhose und Hemd, eine Art Anti-Mourinho also. Die Kleidung der Trainer war die erste wirklich wichtige Erkenntnis dieses Sommerabends, der als 2. Franz-Beckenbauer-Cup nicht in die Geschichte eingeht. Die Erkenntnis sollte, und das ist nun nicht gerade erfreulich, die nahezu einzige bleiben. Inter gewann 1:0 (0:0).
Fairerweise muss man anfügen: Es war kaum mehr zu erwarten. Beide Mannschaften mussten auf jeweils sieben Spieler verzichten, auf beiden Seiten darunter einige Leistungsträger. Bei den Bayern fiel zusätzlich zu den bekannten Verletzten auch noch Willy Sagnol aus - der Franzose wurde erneut an der Ferse operiert, wie lange der Verteidiger fernbleiben muss, ist noch unklar. Der Verein sprach von einem "Defekt der Achillessehne", mehr Angaben wollte - oder konnte - man nicht machen.
Die Generalprobe
Andererseits: Verletzte hin oder her - für den FC Bayern war diese Partie ja nicht weniger als die letzte Probe vor dem Ernstfall, dem ersten Spiel im DFB-Pokal bei Rot-Weiß Erfurt. Klinsmann wollte vor allem sehen, "wie die Jungs individuell drauf sind", das hatte er vorher angekündigt. Er probierte zudem taktisch neu Erlerntes aus: Die Bayern begannen mit einer Dreierkette (Lucio, Demichelis, van Buyten), die beiden Außenspieler Lahm und Lell sollten als Linienläufer zwischen Verteidiger und Angreifer hin- und herschalten.
Interview mit Jürgen Klinsmann"Der Kopf wird nicht trainiert"
Inter Mailand probierte auch etwas aus: Wie Fußball ohne Bewegung wohl funktionieren mag. Um ein Haar wäre der alternde Luis Figo zum laufstärksten Mailänder auf dem Platz geworden. Die Fans im mit 64.000 Zuschauern nahezu voll besetzten Stadion reagierten entsprechend: Zur Halbzeit pfiffen sie, richtig laut und wütend pfiffen sie, und während des Spiels sangen sie entweder Ottmar-Hitzfeld-Jubelgesänge, 1860-Hassgesänge, oder sie schwiegen. Dann konnte man die Rufe der Spieler auf dem Platz hören, wie auf einer Bezirkssportanlage.
Hoffnung in der ersten Hälfte
Dabei war nach 22 Minuten ein wenig Hoffnung aufgekommen: Klinsmann musste sein taktisches Abwehrexperiment beenden, Demichelis schien angeschlagen zu sein, für ihn kam Mittelfeldtalent Toni Kroos. Und Kroos spielte sogleich einen Querpass auf Hamit Altintop, dessen Schuss aus 16 Metern allerdings knapp am Pfosten vorbeistrich (23.). Es war die einzig wirklich gefährliche Aktion der gesamten ersten Halbzeit, auf beiden Seiten. Mailand, so schien es, fehlte der Einsatzwille, München fehlte die Idee.
Die einzige Idee des Spiels hatte dann der zumeist gemütlich trabende Luis Figo: In der 52. Minute hebelte er mit einem simplen Kurzpass die Bayern-Abwehr aus, Amantino Mancini, Inters Zugang vom AS Rom, tauchte frei vor Torwart Michael Rensing auf und lupfte den Ball mühelos über Rensing hinweg ins Tor.
Und die Fans begannen wieder zu pfeifen.
Es folgten: Zwei gute Torschüsse von Toni Kroos (71.,83.), ein paar Spielerwechsel, ein paar weitere taktische Umstellungen Klinsmanns, sonst keinerlei Ideen mehr, dafür weitere Pfiffe. So blieb das bis zum Schluss. Weil die Bayern auch schon die erste Auflage des Franz-Beckenbauer-Cups vergangene Saison gegen den FC Barcelona nach ähnlich ermüdender Vorstellung beider Teilnehmer 0:1 verloren haben, kommt man nun nicht umhin, sich an Franz Beckenbauers Wort vom ,,Cup der Verlierer zu erinnern. Er hat damit den Uefa-Cup gemeint. Der echte Cup der Verlierer steht nun in Mailand.
(SZ vom 6.8.2008/vw)
Ein richtig schöner Artikel aus der Süddeutschen, da geht einem das Herz auf und hoffentlich fliegen se am Sonntag raus!!! :applaus: