Was ich mich auch frage bei den ganzen Diskussionen über "Lockerungsorgien"...wo haben die denn bisher stattgefunden? Einige Geschäfte haben wieder geöffnet mit Hygienemaßnahmen, Schulen auch, aber nur für Abschlussklassen und Betriebe aus der Industrie fahren die Produktion -ebenfalls unter Auflagen- wieder hoch. Dagegen sind Massenveranstaltungen weiterhin verboten, Frisöre, Massagesalons, Gastronomie ist nicht, Urlaubsreisen nicht, Tagesausflüge nicht, keine Hotels, keine Ferienwohnungen etc. Stattdessen als Verschärfung Maskenpflicht ab nächster Woche. Diese ach so zahlreichen Lockerungen können sich noch gar nicht in den Zahlen widerspiegeln, weil sie erst seit Montag gelten. Insofern ist das immer noch Kaffeesatzleserei von wegen "mir wird schlecht, wenn ich die Menschen in den Parks sehe." Mir wird schlecht, wenn ich die Menschen in den Wohnungen verdorren sehe.
Sorry, aber mit Verlaub: Genau dieser undifferenzierte, populistische Ansatz ist eine extreme Gefahr an dieser Stelle. Mal unabhängig davon, dass hierzulande niemand in seiner Wohnung eingesperrt wird, der nicht krank ist oder durch entsprechenden Kontakt in Quarantäne steht: Natürlich spiegeln sich die Lockerungen in den bisherigen Zahlen nicht wieder. Dennoch ist es Unsinn, sie als Kaffeesatzleserei zu bezeichnen. Wie sich die Fallzahlen entwickeln, wenn wir nichts bis wenig tun, ist bekannt - und zwar weltweit. Dazu sollte man nichts weiter hinzufügen müssen. Was wir wissen ist, dass wir es mit einem extrem ansteckendem Virus zu tun haben... was man auch SEHR deutlich an den nach wie vor hohen Fallzahlen erkennen kann. Jeden Tag erleben wir, trotz des extremen Lockdowns, mehrere TAUSEND Neuinfektionen in Deutschland. Dass sich selbiges wieder verschlimmern wird, wenn gewisse Lockerungen eintreten (bei manchen sicher mehr, bei anderen weniger), ist keine Kaffeesatzleserei, sondern einfach nur logisch. Vielmehr ist es Kaffeesatzleserei nun davon auszugehen, dass gewisse Schutzmaßnahmen nun auf jeden Fall ausreichend sein werden, wenn Menschen wieder vermehrt Kontakte wahrnehmen. Für diese Annahme gibt es
keinerlei Erfahrungswerte - das ist NICHTS weiter als das bloße Prinzip Hoffnung, die Situation MÜSSE sich nun einfach langsam wieder ändern. Für mich persönlich ist dies angesichts der Tragweite der Situation absolut unangemessen und als Gedankenansatz - sorry, ist aber so - recht naiv. Der Virus und seine Verbreitung lassen sich durch Ungeduld und Trotz alleine nicht aufhalten oder wenigstens eindämmen - das Gegenteil ist der Fall... und im Ergebnis dürfen wir dann vielleicht wirklich alleine noch in unseren Wohnungen verdorren (weil ein zweiter Lockdown, und das ist auch keine Kaffeesatzleserei, sondern auch nur simple Logik auf Basis der vorhandenen Erkenntnisse, sicher härter sein wird als der erste).
Wie ich oben schonmal sagte: Die Kunst wird sein, die richtige Balance zu finden. Man sollte sich dabei aber aufgrund der Gesamtsituation vorsichtig rantasten und nicht umgekehrt. Eine einmal eingeleitete Fehlentwicklung ist eben nicht einfach wieder auffangbar.
Ist doch immer auch einfacher auf die Brause zu hauen, wenn relativ wenig passiert.
Gesundheitlich ist das ja offenbar gerade okay.
Eben nicht. Die Zahlen haben sich nur stabilisiert - auf hohem Niveau. Sie sind aber eben nicht so, dass man damit rechnen kann, dass man sie im Griff behält, wenn man nun wieder alles eröffnet. Die Reproduktionsrate, ein wichtiger Indikator für den aktuellen Verlauf, ist bereits wieder angestiegen, vermutlich wegen Ostern und dem Aspekt, dass sich einige Menschen eben doch nicht an die Regeln gehalten haben. Eigentlich muss man alleine schon deswegen zwingend vorsichtig bleiben, weil man aufgrund des Charakters des Virus sonst einen absoluten Blindflug betreibt. Aufgrund des enormen Zeitverzuges zwischen Inkubation und Meldung der Infektion in der Statistik kann man nicht einfach kurzfristig reagieren, wenn es im Zuge von Öffnungsmaßnahmen und/ oder dem Verhalten der Menschen zu einer weiteren, dann stärkeren Welle kommt (dies ist keine Panik, man muss sich einfach nur objektiv die Rahmenbedingungen anschauen um dies zu erkennen).
Ja, das ist nervig, schränkt die Menschen ein und führt zu traurigen Konstellationen. Aber der Punkt ist doch recht einfach: Man hätte die Wahl gehabt jetzt noch ein paar Wochen durchzuhalten oder es wird eher eine Frage der Zeit denn des "ob" sein, wann man an einem Punkt ist, der den nächsten Lockdown erfordert, der dann allerdings weitaus weniger bringen wird als der jetzige, weil man eben mit deutlich schlechteren Ausgangsvorraussetzungen (Gesamtniveau der Infizierten, Bereitschaft diesen neuerlichen Lockdown einzuhalten) in diesen gehen wird - und wahrscheinlich auch alleine deswegen schon länger andauern wird. Letztlich verschlimmert man diese Geschichte mit Ungeduld nur und zwar in Bezug auf die Gesundheitssituation, die Wirtschaft UND die Freiheiten jedes Einzelnen, weil man nun eine Chance leichtfertig aufgibt, diese Geschichte vollständig und nachhaltig in den Griff zu bekommen und anstatt dessen (aus verständlicher, aber irrationaler Ungeduld) eine Situation heraufbeschwört, deren Lösung wesentlich schwieriger und langfristiger werden wird und uns in allen Facetten noch deutlich mehr schaden wird.
Schaun mer mal was passiert, wenn die Lockerungen schief gehen.
Wenn nicht, können die gerne Recht gehabt haben.
Hab ich keinen Stress mit.
Ich hätte auch kein Problem damit zuzugeben, wäre ich auf dem Holzweg - schon alleine deswegen, weil das Gesamtergebnis dann positiver wäre als erwartet und das natürlich immer der wichtigste Aspekt sein muss. Zugeben zu müssen, dass man sehr menschlicher, aber rational schwer belegbarer und in dieser Situation nicht angemessener Ungeduld den Vorzug vor extrem harten, aber notwendigen Maßnahmen gegeben hat und im Zuge dessen der Schaden deutlich größer geworden ist als dies eigentlich "notwendig" (sehr unpassende Wortwahl in diesem Kontext, wenn es u.A. um Menschenleben geht) gewesen wäre, dürfte den Menschen allerdings wohl etwas schwerer fallen.
