Tja, wie pralle Europa zusammenhält sieht man ja aktuell wieder in der Coronakrise und der von dir angesprochene Brexit ist eben so ein Thema, das in den Medien fast nie kontrovers diskutiert wird. Brexit schlimm. Briten böse. Werden einen hohen Preis dafür zahlen etc. Weiß man das? Vielleicht heißt es hier in ein paar Jahren, dass die Briten noch gerade rechtzeitig den Absprung geschafft und alles richtig gemacht haben. Ich habe keine Ahnung, das hängt auch von Entscheidungen ab, die man dort jetzt und in den nächsten Jahren trifft. Dieser Johnson wirkt auf mich auch nicht besonders planvoll und strukturiert, keine Frage.
Aber mich stört es immer gewaltig, wenn Politik als "alternativlos" hingestellt wird. Das war so bei der Griechenland- Rettung, in der Flüchtlingskrise (obwohl sich da im Grunde alle Staaten Europas komplett anders/alternativ verhalten haben als Deutschland, selbst Schweden hat irgendwann eine Drehung um 180 Grad vollzogen) und jetzt bei Corona ist es wieder so. Mag ja auch sein, dass alles richtig läuft, weiß man aber erst hinterher. Mehr wirklich kontroverse Diskussionen würde ich mir aber schon wünschen, nicht immer nur den Einheitsbrei. Sehr viele Artikel über die Chancen der britischen Wirtschaft beim Brexit findet man nämlich nicht. Wie gesagt, ich bin kein Experte. Aber 7ch würde mir schon mehr Streitbarkeit der Medien gegenüber politischen Entscheidungen wünschen und ich kann mich auch erinnern, dass das früher so war. Auch im Bundestag gab es viel hitzigere und kontroversere Debatten. Ich denke da nur an die Volkszählung in den 80ern. Das war datenschutzrechtlich gar nichts im Vergleich zu heute und nun schlägt Herr Spahn eine Handydatenauswertung vor, natürlich nur im Sinne der Gesundheit alle, die so ziemlich alles an Datenschutzregelungen aushebelt und stößt dabei auf relativ wenig Gegenwind.
Aber "alternativlose" Politik findet man nur in Diktaturen. Dann brauchen wir gar kein Parlament mehr sondern nur ein Expertengremium, dass die Leitlinien festlegt und so kommt es mir heute schon vor.

Sehr lesenswerter Beitrag, auch wenn ich es inhaltlich zum Teil differenzierter sehe.
Einerseits halte ich es auch für wünschenswert, dass andere Themen als Corona mehr im Fokus stehen, wie zum Beispiel der Brexit. Jedoch darf man auch nicht vergessen, dass diese Pandemie seit dem 2. Weltkrieg das global folgenreichste Ereignis ist, so dass diese Omnipräsenz in der medialen Berichterstattung durchaus seine Legitimation hat.
Ebenso vermisse ich auch eine Streitbarkeit der Medien, die zum Teil politisch infiltriert sind. Man erinnere sich zum Beispiel an die Personalie Nikolaus Brender, dessen Vertrag als Chefredakteur des ZDF durch die Mehrheit der Unionsparteien im ZDF-Verwaltungsrat aus politischen Gründen verhindert wurde, worauf selbst die der Union nahe stehende FAZ mehrere kritische Artikel schrieb und deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher von einer Entmündigung der Öffentlichkeit sprach. Politischen Eingriffe in die Pressearbeit haben stets das Geschmäckle von Zensur, weil die Medien eine Macht in einem Staate bilden, die in der Lage ist, Missstände aufzudecken. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass totalitäre Staaten alles daran setzen, die Medien im ihren Sinne gleichzuschalten. Russland, Polen oder die Türkei sind Beispiele für die Gegenwart wie es kommunistischen wie faschistischen Diktaturen auch in Deutschland in der Vergangenheit gewesen sind. Und wer die Medien pauschal zB als Lügenpresse diskreditiert, ist zumindest aus einem sehr ähnlichen Holz geschnitzt, welches es mit freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht so genau nimmt - egal ob solche Äußerungen zB von einem US-Präsidenten Trump oder anonymen Schreihälse bei einer Pegida-Demo kamen.
Dass der Umgang mit dem Corona die zum Teil abstrusen Handlungs- und Entscheidungs-trukturen der EU entlarvt, ist Wasser suf die Mühlen der EU-Gegner und somit auch der Brexit-Befürworter. Ob die Briten mit dem Brexit die richtige Entscheidung getroffen haben, wird die Zukunft zeigen. Ich persönlich halte es im Grundsatz für den falschen Weg, denn in einer sich immer mehr globalisierenden Welt lassen sich globale Herausforderungen und Probleme wie zB Corona, Klimawandel, Anstieg der Weltbevölkerung etc. nicht micht nationalen Egoismen lösen. Kurzfristig suggeriert dies ggf. eine bessere Lösung - auch für die (Wieder)Wahl der Politiker, die diese nationalen Egoismen vertreten - aber die Geschichte hat besonderes in den beiden letzten Jahrhunderten gezeigt, dass nationale sowie auch religiöse Parolen und Egoismen DER Nährboden für Grenzkonflikte, Krieg, Verstöße gegen das Menschenrecht, Verfolgung, Flucht, Vertreibung und dgl. sein kann.
Auch durch historische Ereignisse gehört das europakritische Verhalten zur DNA im Vereinten Königreich, wo hier jedoch differenziert werden muß. Denn die Bevölkerung in den Großstädten sowie in Schottland war mehrheitlich gegen den Brexit. Und der wird sich mMn negativ auf die britische Wirtschaft auswirken bzw. hat das Britische Pfund bereits im Verhältnis zu den anderen Leitwährungen an €, $ und ¥ erheblich an Wert verloren. D. h. Importware wird teurer. Für den Export ist ein schwaches Pfund besser, aber wo hat die Wirtschaft von GB heute noch Weltgeltung, seit die Schwerindustrie unter Margaret Thatcher gnadenlos rasiert wurde, worunter die Betroffenen Regionen auch nach uber 30 Jahren leiden? Der Finanzmarkt London wird durch den Brexit langfristig an Bedeutung verlieren, so dass als herausragender Faktor nur noch die Rohölvorkommen bleiben - die sich jedoch überwiegend in schottischen Gewässern befinden. Somit besteht die Gefahr dass bei einem erneuten Unabhängigkeitreferendum Schottlands, wo 62% Stimmenanteile in Schottland gegen den Brexit stimmten, diesmal erfolgreich wäre und somit dem verbliebenen Rest des dann mehr so Vereinten Königreichs eine weitere elementare Säule in nicht unerheblichen Maß wegbricht. Diese Gefahr für die Wirtschaft haben mMn viele Befürworter des Brexit übersehen; vielleicht auch deshalb, weil sie ihren Inselstaat noch für so einflussreich halten wie zu Zeiten des British Empire. Diese Fehleinschätzung ist leider auch ein Teil der britischen DNA - und somit nationaler Egoismus, der in den letzten Jahren in vielen Teilen der Welt bedenklich zugenommen hat. Auch und besonders in Deutschland.