So. Jetzt möchte ich auch mal meine Meinung zu Viktor Skripnik sagen. Dafür muss ich allerdings etwas ausholen.
Ich habe das in den letzten Tagen sowohl hier im Forum als auch in der Presse verfolgt, wie über den Trainer gesprochen, nein, auf ihn eingeschlagen wurde und musste dabei immer wieder an einen Artikel denken, den ich vor einigen Tagen gelesen habe und dabei komme ich nicht umhin gewisse Parallelen zu anderen Traditionsvereinen zu erkennen.
Der Titel dieses Artikels war: "Wenn Tradition zur Last wird". In besagtem Artikel ging es unter anderem um den VfB Stuttgart. Fans von Traditionsvereinen, wie es unser geliebter SVW ja auch ist, wollen nach jeder schwachen Saison wieder an alte Erfolge anknüpfen. Wir wollen sehen, wie Werder die Liga und Europa aufmischt. Wir wollen tolle Flutlichtspiele gegen die großen Europas. Und deshalb wird nach jeder schlechten Saison ein Umbruch herbeigeschrien. Mit aller macht.
"Es muss sich etwas ändern."
"So geht es nicht weiter."
"Wir brauchen einen neuen Trainer und ein neues Konzept und zwar sofort"
So ungefähr klingt das bei wirklich jedem Verein, der eine schwache Saison hinter sich hat. Und wisst ihr zu was das führt? Richtig. Chaos.
Jeder Trainer hat eine eigene Philosophie, jeder Trainer verfolgt eine ganz bestimmt Art Fußball zu spielen und jeder Trainer braucht Spielermaterial, mit dem er das umsetzen kann.
Die Folge davon ist, das man einen Kader hat, der für drölfzigtausend Systeme den ein oder anderen Spieler hat, aus dem aber keine Mannschaft geformt erden kann (siehe Hamburg) oder das ein Trainer ein absolut gegensätzliches System zu seinem Vorgänger fährt und dieses unabhängig vom Spielverlauf beibehält (siehe VfB Stuttgart).
Wir haben in Hamburg gesehen, dass der jährliche Umbruch zu zwei Relegationen geführt hat, die nur durch Schiedsrichterfehlentscheidungen erfolgreich bestanden worden sind.
Wir haben gesehen, dass der VfB Stuttgart mit dem gleichen Umbruchverhalten abgestiegen ist.
Und das bringt uns wieder zu Werder Bremen. Auch hier schreit man jedes Jahr den Umbruch herbei und was hat uns das gebracht? Nichts!
Seit Schaafs Abgang hat man sich tabellarisch jede Saison etwas gesteigert, mit einem kleinen Einbruch in dieser.
Der schwere Kampf um den Klassenerhalt ist aber in erster Linie der grausamen Serie an Heimniederlagen aus der Hinrunde geschuldet. Und da sehe ich die Schuld nicht oder nicht nur beim Trainer. Nach der ersten Länderspielpause hatten wir viele Leistungsträger, die aus unerklärlichen Gründen in ein Formtief gestürzt sind.
Gebre Selassie, Garcia, Galvez, Junuzovic und Pizarro standen monatelang völlig neben sich. Auch Wiedwald hat immer wieder untypische schwächen gezeigt. Dazu noch die Verletzungen von Bargfrede und Johannson, so wie die ständigen Aussetzer von Luki. Der hat zwar nur ein bis zwei mal pro Spiel gepatzt aber wenn, dann gleich richtig und spielentscheidend. Zum Glück wurde er im Winter abgegeben.
Im Winter hat man dann die Mannschaft verstärkt. Mit Kleinheisler wurde ein interessanter Perspektivspieler für schmales Geld verpflichtet. Dazu die Verpflichtungen von Yatabaré und Djilobodji, die beide eingeschlagen haben. Die formschwachen Spieler aus der Hinrunde haben sich zurück gekämpft und in der Rückrunde eine ganz andere Körpersprache an den Tag gelegt. Die Systemumstellung von 4-4-2 auf 4-5-1 hat ihr übriges getan.
In der Rückrunde hat diese Mannschaft mit ihrem Trainer 23 Punkte geholt. Wäre dies in der Hinrunde auch gelungen, wäre Werder auf Platz 8!
Skripnik hat ganz sicher nicht alles richtig gemacht. In Ingolstadt z.B. hat er definitv die falsche Taktik gewählt. Aber hinterher den Zeigefinger zu heben und alles besser zu wissen ist einfach. Das Skripnik bashing hier und in den Medien ist in seiner Form einfach ungerechtfertigt, unsachlich und vor allem gefährlich. Gefährlich deshalb, weil Werder auf dem besten Weg ist, die Fehler von Hamburg und Stuttgart zu wiederholen.
Auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen, Skripnik und sein Team tragen einen nicht unerheblichen Anteil am Klassenerhalt.
So wichtig #greenwhitewonderwall und ein Psychologe auch waren und so groß unser Anteil als Fans auch gewesen ist, Skripnik ist derjenige, der die Mannschaft trainert, sie aufstellt und die Taktik festlegt. Die Fans können noch so sehr schreien und antreiben, wenn die Mannschaft schlecht auf- und eingestellt ist oder gegen den Trainer spielt, bringt das gar nichts.
Deswegen sage ich, mit Skripnik weiter zu machen ist erst einmal der richtige Weg.
Allerdings muss in der neuen Saison der Kader aufgebessert werden, damit man formschwache oder verletzte Spieler adäquat ersetzen kann und nach 10-12 Spieltagen muss man gucken, wie der Verein da steht und falls nötig dann handeln, wie man es bei Robin Dutt auch getan hat.
Ich weiß, dass ich mit dieser Meinung ziemlich alleine da stehe aber vielleicht regt es den einen oder anderen trotzdem zum Nachdenken an und sei es nur um seinen Ton in dieser Debatte zu überdenken. Und natürlich weiß ich auch, dass sich hier im internet kaum einer einen so langen Text durchließt und dann einfach den ersten Satz, der ihm nicht passt aus dem Zusammenhang reißt und mit Unterstellungen garniert
Beste Grüße und Lebenslang Grün-Weiß