Inwiefern tragen denn diese Retortenclubs zur Attraktivität der Liga bei? Und vor allem: Für wen?
Gute Frage. Das hätte ich wohl näher erläutern sollen. Ich meinte das Ansehen der BL bei den TV-Zuschauern außerhalb Deutschlands. Denen dürfte die Zuschauerzahl weniger interessieren, als die Art und Weise des Fußballspiels. Es gibt auch in Kroatien, Serbien, Türkei, Griechenland, Korea und Japan Vereine mit einer zahlreichen und enthusiastischen Fanzahl. Das internationale Interesse an Spielen aus diesen Ligen hält sich aber in Grenzen.
Will man mehr Fernsehgelder, muss man an die internationale Vermarktung denken. Das Potential in Deutschland ist begrenzt, auch wenn ich glaube, dass eine gleichmäßiger Verteilung der Bundesligavereine über das Bundesgebiet zu mehr Interesse am Fußball in Deutschland allgemein, und damit zu mehr Pay-TV-Einnahmen führen würde, was allen BL-Vereinen und der internationalen Konkurrenzfähigkeit der BL zu Gute kommen könnte.
Ich habe auch nichts gegen mehr (oder überhaupt) Ostvereine in der Bundesliga, ganz und gar nicht. Nur ist Red Bull kein Ostverein.
RB Leipzig wurde im Osten gegründet und ist für mich damit ein Ostklub. 1860 München ist ja jetzt auch kein arabischer Klub geworden oder Schalke ein russischer. Dein Wunsch nach mehr (oder überhaupt) Ostvereine in der Bundesliga lässt sich anders leider nicht realisieren.
Der Fußball im Osten war sowohl durch die Teilung als auch durch die Wiedervereinigung Deutschlands benachteiligt. Ich denke, dass die Insellage von Westberlin auch ein Nachteil war. Die Startbedingungen der Ostvereine nach der Wiedervereinigung waren gegenüber den Westklubs extrem ungleich. Darüber beschweren sich die Traditionsbewahrer aber nicht. Seit dem wurde es nicht besser, sondern der Abwärtstrend der NOFV-Vereine setzt sich fort, wie sich an der Anzahl der Teilnehmer an der 1. und 2. BL, aber auch im DFB-Pokal zeigt. In den 11 Jahren von 1991/92 bis 2001/02 gelang NOFV-Vereinen 14× der Vorstoß ins Viertelfinale. Zusätzlich konnte Cottbus 1999/00 auch drei Gegner bezwingen ohne aber das Viertelfinale zu erreichen. In den 12 Jahren danach von 2001/02 bis 2013/14 gelang nur 5× der Vorstoß ins Viertelfinale.
Acht der 24 deutschen Fußballvereine, die bisher ein Europapokalhalbfinale erreichten, sind zur Zeit nur dritt- bis fünftklassig. Sechs davon kommen aus dem Osten [3.L - Dynamo Dresden, RL - FC Carl Zeiss Jena, BFC Dynamo, 1. FC Magdeburg, FSV Zwickau, OL - 1. FC Lok Leipzig (inoffizieller Nachfolgeverein)].
Einige der heutigen Traditionsvereine aus dem Westen wären dies ohne deutsche Teilung wahrscheinlich nie geworden. Denn der Ostfußball hat große Tradition:
Der wahrscheinlich schon 1872 gegründete Dresden English Football Club war wahrscheinlich der älteste Fußballklub außerhalb Großbritanniens der Assoziationsfußball spielte, da die Assoziationsfußball-Abteilung des auch 1872 gegründeten Le Havre Athletic Club erst 1892 oder 1894 entstand. Der VfB Leipzig war nicht nur erster Deutscher Meister, sondern blieb in den ersten vier Endrunden zur Deutschen Meisterschaft ungeschlagen. Er ist aber in diesem Zeitraum nur zweimal Meister geworden, da der DFB am Vormittag des Finales von 1904 das Endspiel absagte und der VfB Leipzig im Viertelfinale 1905 aus Kostengründen auf sein Spiel gegen Braunschweig verzichtete.
Vor 1945 gingen, Meistertitel und Pokalsiege zusammengerechnet, 41 Titel an Vereine aus dem heutigem Bundesgebiet. 13 davon, also über 30%, gingen in das heutige NOFV-Gebiet. Vergibt man in Meisterschaft und Pokal vor 1945 (ohne 1904) für das Erreichen des Halbfinales, einen Sieg im Halbfinale und einen Sieg im Finale je einen Punkt (kein Punkt für ein Freilos im Halbfinale) und verteilt diese auf die Regionalligagebiete, bekommt man folgenden Punktestand: 84 Nordost - 66 Bayern - 56 West - 39 Nord - 38 Südwest.