@Mick666:
Respekt für Deinen langen Beitrag von letzter Nacht. Es ist viel Richtiges dabei. Insebesondere den ersten Absatz, Deine Aussagen zu Rehhagel und auch zu Eichin unterstreiche ich.
Bei Deinen Aussagen über Schaaf bin ich, was Dich nicht überraschen wird, oftmals anderer Meinung. Insbesondere bei diesen Passagen...
Stetige Abnahme der Spielkultur ab 2006? Zunahme von Individualismus im Spiel?
Das zweite kann man noch gelten lassen, wenn man sich vor Augen führt, dass ein Diego natürlich den Ball länger gehalten hat als ein Micoud, dass auch ein Klose sich häufiger selbst Bälle geholt hat und sich Chancen allein erarbeitet hat. Ist dieses aber nicht deren typisches Spiel? Ist die von Dir angemahnte veränderte Spielkultur nicht eine Folge der Verpflichtung eben dieser Spieler? Klagst Du die Verpflichtung genau dieser Spieler an? Hätte man DMn lieber mannschaftsdienlichere Akteure holen sollen?
Die Vernachlässigung des eigenen Nachwuchses war in der Tat ein großer Fehler, hat aber auch mit dem gestiegenen Niveau des Kaders und den gewachsenen Ansprüchen zu tun. Wenn die Kruses, Diekmeiers, etc. besser gewesen wären als ihre jeweiligen Konkurrenten, hätten sie auch gespielt.
Taktische Defizite? Du meinst sicher die offensive Spielausrichtung! Wir haben uns schon häufiger drüber unterhalten. Du weißt, dass es eine bewusste Entscheidung von KATS war, offensiv spielen zu lassen, "den Zuschauern etwas anzubieten", Werder-Fußball als "Markenzeichen" auszubauen. Dass Schaaf auch Defensivfußball beherrschte, hat er in seinen ersten Jahren gezeigt und auch später, in verschiedenen Abstegskämpfen. Den Abstiegskampf nach der Übernahme von Magath im Jahr 1999 hätte er ohne Defensiv-Kompetenz niemals erfolgreich bestanden.
Die Negativ-Baisis wurde gelegt, als man (KATS) sich entschieden, zu beweisen, dass auch in Bremen regelmäßige CL-Teilnahmen möglich sind. Dafür hat man in den Folgejahren einen Kader zusammengestellt, der fortan auf CL-Einnahmen angewisen war. Das war eine entscheidende Änderung zu früheren Strategien Werders, Pokalspiele nur bis zur 2. Runde und Europapokal-Spiele gar nicht mit einzukalkulieren. Die Strategie ging lange auf. Als dann durch die permanente Dreifach-Belastung irgendwann die Ermüdungen, Verletzungen und damit die knappen Spielausgänge zunahmen, stellt man fest, dass selbst der für Werder-Verhältnisse teure Kader diesen neuen Anforderungen nicht mehr genügte, zumindest in der Breite. Eine breitere Aufstellung hätte sich der Verein nie leisten können. Der entscheidende Fehler war also ein strategischer, den wir jetzt bezahlen müssen. Dabei bleibt eines festzuhalten: Man kann nicht einerseits über Erfolge jubeln, regelmäßige CL-Teilnahmen feiern, andererseits aber den dafür zu zahlenden "Preis" verschmähen, abstreiten, verleugnen. Deshalb kann ich auch einem Klaus Allofs nicht wirklich den teuer erkauften Erfolg vorwerfen. Vielmehr hätte ich beiden, Allofs und Schaaf zugetraut, den schon eingeleiteten Umbruch auch zu vollenden. Was man Allofs mMn anlasten muss, ist, den Verein und auch seinen Compagnon (Schaaf) in einer dramatisch schwierigen Lage "im Stich gelassen" zu haben.
Schaaf war stoisch. Oftmals sind ausgewisene Schwächen gleichzeitig Stärken - oder umgekehrt. Man könnte auch sagen, er sei konzentriert, fokussiert, geduldig. Der Verein ist sicher nicht hinter andere zurückgefallen, weil Schaaf stoisch war. Er hat seinen Anteil am sportlichen Niedergang, ohne Frage. Schließlich hat er alle Entscheidungen mitgetroffen und -getragen. Ihm seine grundsätzlichen Kompetenzen völlig abzustreiten, ist und bleibt jedoch verrückt. Man kann ihn nicht mit Rehhagel vergleichen, das sehe ich selbstverständlich auch so. Aber, er ist nach Rehhagel, der zweiterfolgreichste Trainer Werders aller Zeiten. Und das sicher nicht nur wegen der Ausgliederung der KGaA aus dem Verein!