So, nach vielen Stunden des Nachdenkens auch von mir noch etwas zur "BOMBE" des Mittwochs:
Meine Reaktion: Als ein Arbeitskollege in den frühen Morgenstunden mir diese Nachricht überbrachte, war ich erst völlig perplex und habe dann mehrfach mit beiden Fäusten auf meinen Schreibtisch gehauen, offensichtlich so laut, das viele Kollegen/innen schon neugierig aufschauten. Es war wohl die ERLEICHTERUNG, die mich dazu veranlasste. Einfach nur Erleichterung, keine Freude, Genugtuung oder sonstwas.
Und fortab drehte sich in meinem Kopf alles nur noch um Thomas Schaaf. Zum Glück hatte ich den Nachmittag ohnehin frei, Wellness und Relaxen stand auf dem Programm.
Viel nachgedacht habe ich in diesen Stunden, die ganzen langen Jahre mit Schaaf nochmal Revue passieren lassen...
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, das Werders Geschäftsführung diesen Schritt gehen würde. Offensichtlich wurde ohne Schaaf viel besprochen und analysiert. Und das Ergebnis stand wohl schon fest, ohne mit Thomas gesprochen zu haben.
Ich denke, Schaaf war vom Ergebnis auch überrascht. So überrascht, das er dann -wenn ohnehin schon- auch mit sofortiger Wirkung abtritt. Warum dann noch bis Saisonende weiterarbeiten, warum sich die Pressemeute antun? Irgendwie verständlich, wenn auch schon ziemlich krass, das alles binnen weniger Minuten passierte.
"Beiderseitiges Einvernehmen" ist immer eine nach außen so schön wirkende Formulierung, die in diesem Fall (wie in den meisten Fällen auch) kaum zutreffen dürfte. Schaaf wurde wohl vor vollendete Tatsachen gestellt, welche Alternative hätte er zu der Formulierung gehabt? Die vorgeschlagene Trennung ablehnen? Dann hätte man ihn entlassen, das Ende wäre somit sehr unschön gewesen. Ich denke mal, so wars auch besser. Die Trennung dürfte sowohl für Werder als auch für Schaaf das einzig richtige gewesen sein.
Eine Entscheidung, die zu 100 % richtig war, unabhängig davon, wie es bei Werder künftig weitergeht.
Es war ein Punkt erreicht, wo man einfach STOP sagen mußte! Unzählige Fehler (auch im Zusammenwirken mit KA) in den letzten Jahren wie völlig verfehlte Transfer- und Personalpolitik, in den Sand setzen von unzähligen Mios für Fehleinkäufe unterschiedlichster Gründe, Systemwirwarr, plan- und konzeptlose Taktiken, unfassbare Defensivprobleme mit immer den gleichen Fehlern oder völlig desolate Nachwuchspolitik. Zudem nunmehr seit drei Jahren sportliche Talfahrt, zweimal die schlechteste Rückrunde in der BL-Geschichte und jetzt gerade nochmal mit einem großen blauen Auge dem Abstieg entronnen, wo man wie ein schwer angeschlagener Boxer mit Müh, Not und Verzweiflung gerade noch vor dem Gong dem K.O. entkam. Trotz beispielloser Unterstützung von Fans, Stadt und Vorgesetzen regelrecht gerade noch ins Ziel getaumelt, unfähig, selbst gegen schwächste Mannschaften wenigstens einmal zu siegen. Gerettet fast ausschließlich wegen einer in diesem Jahr ungewöhnlich schwachen Konkurrenz um den Abstieg.
Machen wir uns nichts vor: Werder hätte noch dreißigmal antreten können, wir hätten nicht mehr gewonnen. Da lief einfach nichts mehr...
So konnte und durfte es nicht weitergehen! Mit Schaaf hätten wir nächste Saison ein beispielloses Desaster, den Untergang von Werder erlebt. Und er selbst hätte sein Denkmal völlig zerstört.
Die Vereinsführung mußte reagieren und GOTT SEI DANK tat sie es, trotz der verkrusteten Strukturen.
Jetzt wird es einen richtigen Neubeginn mit völlig neuen verantwortlichen Personen geben. Ein Neubeginn, der hart und sehr schwierig werden wird. Bei dem wir viel Geduld haben müssen. Wir stehen wieder da, wo wir zu Schaafs Antritt 1999 schon standen, als eine Mannschaft, die gerade noch den Abstieg vermied.
Schaaf und Allofs wurde damals die Zeit zum Neuaufbau gegeben. Sie brauchten Jahre, um den Erfolg ernten zu können. Geben wir Eichin und dem neuen Trainer auch die Zeit...
Zum neuen Trainer: Ich werde mich aus diesen (Wunschkonzert)Diskussionen jetzt völlig raushalten. Nur zwei sollten es bitte auf keinen Fall werden:
Der zuletzt hier oft genannte Mehmet Scholl ist mMn dieser Herkulesaufgabe hinten und vorne nicht gewachsen. Als Nachwuchschef könnte ich ihn mir aber prima vorstellen...
Und auf gar keinen Fall will ich hier Friedhelm Funkel sehen. Mit dem würde sich Werder sein eigenes Grab schaufeln...
Und zum Schluß noch mal zu Thomas Schaaf:
Ich danke ihm für eine wohl einmalige Vereinstreue, für über 40 verdienstvolle Jahre bei Werder. Ich habe ihn nahezu komplett in dieser Zeit als Fan begleitet, kann mich noch an seinen ersten Einsatz als 17-jähriger Ende der Siebziger in Bochum erinnern, an den Wiederaufstieg 1981 mit ihm, an seine vielen Jahre als BL-Stammspieler bei uns, an seine Tätigkeit als Amateurtrainer, bevor dann diese fast beispiellos lange Zeit als BL-Trainer bei uns folgte, die ich ihm nie zugetraut hätte. Er startete furios mit Klassenerhalt und Pokaltriumpf über die Bayern, baute dann mit Allofs Schritt für Schritt etwas auf, erlebte 2004 mit dem Double die Krönung und führte uns danach sechsmal in Folge in die CL. Schlußpunkt der Erfolgsära war der Pokalsieg 2009. Von da an entwickelten er und Allofs Werder leider wieder Schritt für Schritt zurück. BEIDE haben leider den rechtzeitigen Abgang versäumt. Ich hätte ihn mir gerade für Schaaf ein, zwei Jahre früher gewünscht. So bleibt jetzt leider auch der Beigeschmack des jüngsten Niedergangs. Immerhin hat er aber noch den Klassenerhalt geschafft und übergibt Werder als Bundesligist.
Nochmal ein ganz, ganz großes DANKE für überwiegend schöne und erfolgreiche Jahre!
Wenn ich ihm was raten dürfte, dann dies: Mach ein Jahr Pause! Er hat jetzt VIERZEHN Jahre UNUNTERBROCHEN in der Knochen- und Nervenmühle Bundesliga gearbeitet. Unfassbar lange, wie kein zweiter. Das schreit regelrecht nach Erholung, Regeneration und völligem Abschalten für längere Zeit. Und such Dir danach in aller Ruhe einen Verein, wo Du Dich nochmal neu beweisen kannst, mit neuer Energie, neuen Konzepten, neuen Ideen und beweise Deinen Kritikern dann, das Du auch außerhalb von Bremen erfolgreich arbeiten kannst.
VIEL GLÜCK UND ERFOLG DABEI UND ÜBERHAUPT ALLES, ALLES ERDENKLICH GUTE FÜR DIE ZUKUNFT!
Zum Schluß noch eine kleine Anekdote: Als Jugendlicher habe ich leidenschaftlich Autogramme gesammelt. Wie jeden BL-Spieler Werders habe ich auch Thomas Schaaf damals per Post um die Zusendung eines Autogramms gebeten. Was ich von ihm bekam, war wohl einmalig: Auf einer ganzen Seite hat er mir über vieles geschrieben per Handschrift und voller Stolz mir dann das gewünschte Autogramm gegeben. Sicherlich ist sowas heute eine Rarität...ich habe es auch gut aufbewahrt.
Machs gut Thomas!
Ein jetzt sehr nachdenklicher und auch etwas trauriger
Werder-Oldie, der dennoch die getroffene Entscheidung für überfällig und absolut richtig hält und deshalb sie ja auch vehement in den letzten Wochen und Monaten gefordert hat