Bezüglich Gaza gilt: Auch da kommt erst das Fressen und dann die (Nicht-)Moral. Es ist eine Fehleinschätzung, die Hamas-Politik auf Antisemitismus zu reduzieren. Die engagieren sich sozial an ihrer Basis und fundieren damit ihre Legitimation. Dazu kommt dann noch eine schwache Opposition, die nicht derart motiviert und aus religiösem Fanatismus motiviert und strukturiert agiert. Vergleichbar mit der Hisbollah im Libanon.
Bezüglich Iran und der anderen Länder weitestgehend Zustimmung, ich habe im Zuge von Solidaritätsdemonstrationen mit der iranischen Opposition etliche Exiliraner mit hoher bildung, prowestlicher und proisraelischer einstellung kennengelernt. Iran ist nicht per se ein Feind Israels, weswegen gerade dort ein Regime Change so nötig wäre. Der Iran war eines der modernsten, offensten Länder mit einem der besten Bildungssysteme, aber seit 1979 sind doch all die persischen Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler etc. pp., die es konnten, nach Europa und in die USA abgewandert, es gibt kaum eine größere Stadt in Deutschland oder den USA ohne persischen Arzt.
Ich glaube aber, dass der widerspruch, den Du aufmachst, zwischen Mitteln sozialer Führsorge und Antisemitismus völlig übersieht, dass dies überhaupt kein Gegensatz ist, sondern bereits integraler Bestandteil der Politik der NSDAP war. Volksküche und Antisemitismus sind zwei Seiten derselben Medaille. Hinzu kommt: Hamas wurde zwar ursprünglich mal gewählt, aber die Wahlperiode ist längst abgelaufen und inzwischen wurde ein Staatsstreich durchgeführt, die Opposition liquidiert, hunderte Fatah-Leute ermordet und weitere hunderte eingesperrt, gefoltert etc. Nun, da Hamas Gaza kontrolliert, können sie sich deswegen als Wohltäter gerieren, weil sie die Tonnen an Hilfsgüter und deren Verteilung kontrollieren, wodurch die Bevölkerung darauf angewiesen ist, sich mit Hamas gutzustellen, um einen Teil davon zu erhalten. Die Hilfsgüter sind ein Hamas-Unterstützungsprogramm. Leute wie Jean Ziegler weisen darauf hin, dass in Gaza Hunger herrsche und geben dafür natürlich Israel die schuld, aber Israel lässt trotz Blockade täglich tonnenweise Lebensmittel und medizinische Güter rein, nur mit der Verteilung wird gezielt Politik betrieben und wer nicht pariert oder in Ungnade fällt, hungert.
Die Hamas ist ein klassisches Racket in dem Sinne, wie Horkheimer den Begriff verwendet: Es heißt zwar einerseits Bande, andererseits aber eben auch Wohlfahrtsverband. Es ist exakt jene Mischung, die mafiöse, kriminelle Banden seit jeher ausgezeichnet hat: Sie nutzen die Abwesenheit (rechts-) staatlicher Strukturen, um ein direkteres Gewaltverhältnis zu etablieren, das auf Gefälligkeit und Abhängigkeit basiert. Da die Menschen in Gaza aufgrund der Herrschaft der Hamas nicht fähig sind, sich ihr Brot durch Arbeit, und sei es in Israel, selbst zu verdienen, sind sie umso abhängiger von der Wohltätigkeit der Hamas. Wer das aber als "soziale Organisation" begreift (wie Judith Butler z.B.), der versteht vom Wesen gewaltförmiger Herrschaft leider sehr sehr wenig.