TV-Kritik: Ein Abend mit Sandra Maischberger
»Ultras: Die Taliban der Fußballfans!«
»Kicker, Kohle, Krawalle Wer regiert den König Fußball?« Unter diesem Motto diskutierte Sandra Maischberger am Dienstagabend u.a. mit Marijke Amado, Bernd Stelter und Udo Lattek. Gesprochen wurde über die Taliban, Geschlechtskrankheiten und Mark Zuckerberg. Kurz: Über alles.
Text: Andreas Bock Bild: ARD Nach etwa fünfzehn Minuten platzt Rolf Töpperwien das erste Mal der Kragen. »Es flogen Pflastersteine«, wutschnaubt der Grandseigneur des rasenden Reportertums. »Ich sah, wie Menschen Autos anpinkelten, und auf dem Hotelzimmer stellten sie uns das warme Wasser ab.« Wer jetzt einschaltet, bleibt dran. Ganz egal, woher sein Frontbericht stammt, aus Peter Scholl-Latours Biografie, aus einer losen Erinnerung an den guatemaltekischen Bürgerkrieg oder aus seinem Nahkampferfahrung beim Relegationsspiel im Düsseldorfer Rheinstadion Töppi hat sie. Wieder mal. Wie damals, in Hamburg 1988, die Bremsspur Ronald Koemans im Trikot von Olaf Thon. Oder Mailand 1990, die Spucke Frank Rijkaards in der Nackentapete von Rudi Völler. Töppi hat alles gesehen, alles erlebt, immer im Gefecht. Nach der WM 1994 ging nichts mehr, erzählt er später. In den USA durchgeackert wie die Pferde. Urlaub. Ein halber verdammter Tag. Nun sind die Münder geöffnet, denn wenn das alte Schlachtross Töppi erzählt, bleibt nur: Staunen.
Es ist Dienstagabend, kurz nach Elf, draußen sind immer noch 25 Grad, und im Ersten diskutieren Menschen bei Maischberger in der Sendung »Menschen bei Maischberger«. Das Thema des Abends lautet: »Kicker, Kohle und Krawalle Wer regiert die Fußballwelt?« Eine Frage mindestens so alt wie Rolf Töpperwien. Werden wir heute ihre Antwort erfahren?
Klar, dass Sandra Maischberger über Fußball sprechen möchte. Demnächst ist EM, zuletzt war Chaos. Wer in den vergangenen Wochen noch ins Stadion ging, musste verrückt oder lebensmüde oder beides sein. In Köln Anarchie, in Karlsruhe Plünderungen, in Düsseldorf das Ende der Welt. Fußball war gefährlicher als Black Metal geworden.
Als B. Kerner sich in Lebensgefahr begab
Am Montag sah man Johannes B. Kerner live in Frank Plasbergs Sendung »Hart, aber fair« wagemutig ein bengalisches Feuer zünden. Er demonstrierte, wie ein handelsübliches Kind in Flammen aufgehen kann, wenn es neben dem handelsüblichen Krawallmacher steht. Der Allzweck-Moderator kernerte handelsüblich: »Wer noch glaubt, das sei stimmungsvoll, der gehört...« Eingewiesen? Ausgewiesen? Wir wissen es nicht, denn er wollte den Satz nicht so beenden, wie er es sich eigentlich gedacht hatte.
Doch das war vollkommen okay, denn eigentlich war bereits alles gesagt worden. Der DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock hatte unlängst dafür plädiert, die Stehplätze wieder abzuschaffen, und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sagte zuletzt: »Was wir jetzt erlebt haben, zeigt, dass die Gewalt in den Stadien die größte Bedrohung für den Fußball ist.« Zwischendurch sprachen Anwälte und Vereine von «Blutbädern« und »Todesangst«. Nur: Wem konnte man dieses ganze Dilemma ankreiden? War der moderne Fußball mit seinem turbokapitalistischen System etwa Schuld an der Misere? Regiert das Geld den Fußball? Oder regieren die Fans den Fußball? Und wie ist eigentlich das Wiedergutmachungsspiel für Arjen Robben ausgegangen, das am Abend stattfand?
Zu Gast: Rolf Töpperwien, Marijke Amado und Bernd Stelter
Sandra Maischberger hatte zur Klärung der Fragen fachkundiges Personal in ihre Sendung eingeladen: Die Ex-Fußballer bzw. -Trainer Mario Basler und Udo Lattek sowie die Ex-Sportjournalisten Rolf Töpperwien und Werner Schneyder. Daneben saß Marijke Amado. Richtig, die moderierte vor Ewigkeiten mal die »Mini Playback Show«, bei »Menschen bei Maischberger« sitzt sie nur aus einem Grund: Sie ist Holländerin und trägt einen orangefarbenen Schal.
Kai Pflaume sollte eigentlich auch kommen. Man kennt ihn aus der Sendung mit dem Kai-Pflaume-Wohnmobil. Er hat vermutlich noch andere Dinge gemacht, denn auf seiner Wikipedia-Seite steht: »Im sozialen Netzwerk Facebook gehört er zu den beliebtesten deutschen Prominenten.« Doch Kai Pflaume ist krank, es gibt nicht mal eine Kai-Pflaume-Videobotschaft. Dafür aber einen Ersatzmann: Bernd Stelter. Was ihn für die Sendung qualifiziert, steht gleich im ersten Satz seines Wikipedia-Eintrags: »Bernd Stelter ist Karnevalist.«
Muss man auf die Taliban der Fans Rücksicht nehmen?
Seinen ersten großen Auftritt hat die Frohnatur aus Unna gleich beim Stichwort Ultras. Stelter urteilt: »Die Fratze des Fußballs!« Und: »Diese Leute nennen sich Wilde Horde und finden das cool!« Regieren sie etwa den Fußball? Und wenn ja, wer sind diese Ultras nur? »Die Taliban der Fußballfans!«, sagt Sandra Maischberger bestimmt. »Muss man auf die Rücksicht nehmen?«
Nun ist auch Schneyder in Fahrt. Er spricht von faschistoidem Gebaren der Ultras und fragt sich, warum man nicht mal 30 Polizisten in jeden Block stellt. Dann wäre der Zirkus schließlich ganz schnell vorbei. Das Wort Choreographie hat er kürzlich zum ersten Mal gehört. Fahnen, Gesänge, doch »wen interessiert das denn?« Und warum muss Rolf Töpperwien am Flughafen seinen Gürtel und seine Schuhe ausziehen, während Ultras im Stadion unkontrolliert wüten können? Fragt: Rolf Töpperwien.
Dass Mario Basler mal den weisen alten Mann in einer solchen Runde geben würde, damit konnte man nicht unbedingt rechnen. Doch schon bevor das hier alles eine große Suppe werden würde, weist er darauf hin, dass die Leute beim zweiten Relegationsspiel aus Euphorie den Platz stürmten: »Die wollten ja keine Randale!«
Neben Basler sitzt oder meditiert Udo Lattek. Er wird mit immer wieder mit Aufnahmen aus einer anderen Zeit konfrontiert. Etwa aus dem Jahr 2000, als er Dortmund vor dem Abstieg rettete. Oder 1974, als er mit Bayern den Europapokal der Landesmeister holte. Nun läuft ein Ausschnitt zur WM 1966. Maischberger erinnert uns und Lattek, dass er damals Co-Trainer von Helmut Schön war. Dann will sie wissen, wie die Stimmung der Fans damals war? Lattek antwortet: »Das interessierte mich nicht!«
»Wo sind wir hier? ARD?!«
Es beginnt ein Parforceritt durch etwa 15 bis 20 Themenkomplexe des Fußballs. Das ist durchaus amüsant, denn man eilt in MTV-Schnitten durch die Sendung, während der menschgewordene Entschleuniger Udo Lattek in Superzeitlupe sich fragt, wann denn endlich wieder Doppelpass ist. Nach spätestens 45 Minuten ist man sich jedenfalls sicher, dass der sonntägliche Doppelpass neben dieser Runde wie ein Kolloquium zur Quantenphysik aussehen würde. Bei Maischberger geht es nun um: Spielerfrauen, Spielergehälter, taktische Ausrichtungen, Diego Maradonas Fuhrpark, einen senegalesischen Reiseleiter, Mark Zuckerberg, Bianca Illgner, Toni Schumacher, Tripper, Bier, Bratwurst und VIP-Logen. Irgendwann fragt Mario Basler: »Wo sind wir hier? ARD?!«
Danach fordert Töpperwien Stadionverbot für zwei Personengruppen: VIPs, die keine Ahnung von Fußball haben und Ultras, die Pyrotechnik zünden. Seine Geschichte mit dem warmen Wasser hat sich in der Zwischenzeit als Anekdote zur deutsch-holländischen Rivalität entpuppt. Noch mal: Töppi hat alles gesehen, alles erlebt, immer im Gefecht. Staunen.
Dann möchte die Runde noch über Gehälter diskutieren. Maischberger wirft die 33 Millionen Euro in den Raum, die Lionel Messi im Jahr verdient. Mario Basler findet das nicht sonderlich gut, denn wenn allerorten die Gehälter diskutiert werden, bräuchten Profifußballer bald persönliche Bodyguards und hohe Zäune um ihre Anwesen. Udo Lattek sagt: »Die Spieler stehen doch nicht mit der Pistole vor dem Manager und fordern Geld!« Das geht zu schnell, eben sagte doch Herr Schneyder noch, dass Jupp Heynckes sich ein Megafon anschaffen solle, um mit seinen Spielern zu kommunizieren.
Doch wo waren wir? Ach ja, Bodyguards, Pistolen, Geld. Was macht eigentlich Marijke Amado? Die ist weiterhin Holländerin und nimmt nun Messi in Schutz: »Er macht ja auch viel für die Dritte-Welt-Länder.« Stelter sieht das ähnlich. Er ist übrigens nicht nur Karnevalist, sondern auch Halter eines rot-weiß-gestreiften Goldfischs. Der heißt Podolski.
Wer regiert denn nun den Fußball?
Nach 75 Minuten ist das Spektakel vorbei. Immerhin kann am Ende die Ausgangsfrage beantwortet werden. Den Fußball regiert immer noch Systemtheoretiker Udo Lattek. Am Ende der Sendung sagt er: »Man muss die Spieler sehen, die einen nicht weiterbringen. Die muss man verkaufen, und dann kauft man wieder einen neuen.«
Heute Abend läuft die nächste Talkshow. Anne Will diskutiert ab 22:45 Uhr im Ersten. Zu Gast ist Annegret Kramp-Karrenbauer von der CDU. Sie wird nicht über Fußball sprechen, sondern zum Thema »Spar-Angie gegen Spendier-Francois und das letzte Euro-Gefecht«. Gute Aussichten.