Grundsätzlich hast Du, daß man die Arbeit eines Trainers nicht allein mit den aktuellen Ereignissen bewerten darf und ich gehe davon aus, das dies auch die meisten Kritiker von Schaaf im diesem Forum die Erfolge von TS in ihrer Betrachtungsweise durchaus berücksichtigen.
Auf der anderen Seite muß man aber auch so realistisch sein, daß es nur wenige Dinge im Leistungssport gibt, die so vergänglich sind wie der Erfolg, bzw. daß die Erfolge in der Vergangenheit einem nicht dazu verleiten dürfen, un- oder weniger kritisch mit den Mißerfolgen der Gegenwart umzugehen, wenn es mit dem selben Coach mal nicht mehr so gut läuft. Denn der Erfolg der Vergangenheit ist noch längst kein Garant für den Erfolg in der Zukunft, man muß sich tagtäglich aufs neue bewähren. Wir Werder-Fans sollten es eigentlich wissen, denn wir sind in jünger Vergangenheit schon zweimal von einem CL-Platz in der Folgesaison auf einen zweistelligen Rang abgestürzt.
Die fetten Jahre von 03/04 bis 07/08 sind Werder Bremen nicht in den Schoß gefallen, sondern kamen dadurch zustande, daß KATS in den Jahren davor eine sehr gute Aufbauarbeit geleistet haben (und über einen gewissen Zeitraum haben halten können), sprich der Erfolg hatte seine Vorgeschichte. Aber ebenso wie der Erfolg seine Vorgeschichte hatte, kam der Mißerfolg auch nicht von heute auf morgen, denn er hatte auch seine Vorgeschichte, dazu gleich mehr.
Oberflächlich betracht mag Deine These mit den unglücklich verlorenen Spielen, den vielen Verletzen und der jüngsten Werder-Truppe aller Zeiten in dieser Saison ja richtig sein. Aber sie beschreiben wenn überhaupt nur die Wirkung, nicht die vorherige Ursache, zu der ich wie erwähnt gleich komme. Vorab bleibt festzustellen, daß wir in dieser Spielzeit ebenso glückliche Punktgewinne eingefahren haben und die vielen Verletzten, vor allem die muskulären, kein alleiniges Phänomen der noch laufenden Spielzeit sind, sondern hatten wir diese auch schon in der Vorsaison, so daß man über einem so langen Zeitraum schon nicht mehr von Pech reden kann, sondern vllt. auch mal intern Ursachenforschung betreiben muß (was von KA ja auch schon angedeutet worden ist), wozu u.a. auch gehören kann, daß das Training von Thomas Schaaf falsch dosiert worden ist.
Damit ist auch der Übergang zum dem Punkt erreicht, daß der Mißerfolg i.d.R eine Vorgeschichte hat. Warum mußten wir denn so oft mit einer extrem jungen Truppe spielen? Die Ursache hierfür ist mittlerweile schon ein Dauerthema von mir hier geworden, weil ich es schon seit der letzten Saison bemängelt habe, aber es aktueller denn je ist (die Foristen, die meine Beträge kennen und ahnen, was jetzt kommt, können gerne zum nächsten Absatz gehen): das Werder mit der jüngsten Truppe aller Zeiten aufwarten mußte, sind selbstgemachte Leiden aus den Jahren davor, weil bei dem selbsternannten Ausbildungsverein Werder Bremen das einstige Aushängeschild, die Nachwuchsförderung in den fetten Jahren verschlampt worden ist. Seit dem Double 2004 haben mit Hunt und Bargfrede nur 2 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs über einen Zeitraum vom mind. 2 Jahren im Profikader etablieren können, zudem kamen in den Spielzeiten 08/09 und 09/10 die U23-Spieler trotz der Dreifachbelastung nur je 6 popeligen Buli-Einsätzen, und darin sind die Partien von Mielitz als Wiese-Ersatz schon mit eingerechnet. Erst als in der letzten und in dieser Saison viele Spieler das Lazarett füllten, kam Thomas Schaaf nicht mehr daran vorbei, auf nahezu im Profibereich unerfahrene Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zurückgreifen zu müssen. Das hätte zumindest teilweise kompensiert werden können, wenn man in der Vergangenheit der Nachwuchsförderung mehr Augenmerk geschenkt hätte, angefangen vom Scouting über das Training bis hin zu Einsätzen im Profibereich.
Mitverantwortlich für die derzeitige Situation sind auch die Punkte, die in Deinem Beitrag leder keine Berücksichtigung gefunden haben und die ebenfalls nicht von heute auf morgen gekommen, sondern die ebenfalls in einem vorherigem Negativlauf begründet sind:
Der dickste Brocken sind die spielerischen und taktischen Defizite, die seit Jahren unabhängig vom eingesetzen Spielermaterial vorkommen, sprich oftmals mangelnde Chancenauswertung und Schwächen im Umschalten von Angriff auf Abwehr (egal ob im laufenden Spiel heraus oder bei kurz vorher ruhenden Bällen, sprich Standardsituationen). Daß wir uns damit Gegentore und minunter auch Punktverluste eingefangen haben, ist kein Phänomen der aktuellen Saison, oder dem Jahr davor, denn Gegentore/Punktverluste haben wir durch v.g. Schwächen auch schon z.B. mit Mertesacker, Diego und Klose auf ähnlicher Art und Weise gefangen wie heutzutage mit Harthertz, Trinks oder Füllkrug. Der Unterschied ist "nur" daß wir damals noch eine Mannschaft hatten, die diese Fehler mit ihren Fähigkeiten öfters kompensieren konnte als unsere jetzige Truppe. Obwohl diese Fehler schon damals ersichtlich waren, hatte man den Eindruck, daß gegen diese im Zeichen des Erfolges nicht ausreichend angegangen worden ist. Grundsätzlich könnte man ja sagen: wozu denn auch, derjeneige, der Erfolg hat, hat recht. Aber wenn ein Trainer im Erfolg (um jetzt mal die Äußerungen zu verwenden, die man hier so über TS liest) lernresistent und betriebsblind nicht an den ersichtlichen Fehlern arbeitet, der begibt sich in Gefahr, daß sich die Fehler immer häufiger wiederholen bzw. irgendwann sich nicht mehr so oft beheben lassen, wie es in den Jahren davor gewesen ist. Und genau an diesem Punkt ist Werder Bremen mit Thomas Schaaf angelangt.
Ebenfalls zum Status Quo beigetragen hat ein anderer Aspekt mit Vorgeschichte: Spieler mit Fürhungsqualitäten kombiniert mit Siegeswillen. Mit Baumann, Frings und einigen Abstrichen auch Mertesacker haben uns in wenigen Jahren drei Teamleader verlassen, ohne daß für sie dahingehend adäquater Ersatz geschaffen worden ist. Und das ist in unserer derzeitigen Situation besonders fatal, denn gerade junge Spieler brauchen auf dem Platz Persönlichkeiten, die ihnen im Spiel wertvolle Tips geben, an denen sie sich aufrichten können und von denen sie je nach Situation beruhigt, motiviert werden oder wenn es erforderlich ist, von denen auch mal einen verbalen Tritt in Hintern bekommen.
Und das die aktuelle Misere nicht allein in aktuellen Ereignissen begründet sein kann, erkennt man, wenn man die inkl. dieser fast beendeten Saison nachstehendes berücksichtigt (Stand vor dem 34. Spieltag):
- Drei durchwachsene Bundesligaspielzeiten mit einem Beinaheabstieg und dem zweiten Jahr in Folge ohne Europapokalteilnahme. Gab es bei Werder zuletzt in der Ära de Mos, Dörner, Sidka, Magath.
- Dabei das zweite Jahr in Folge mit einem Schnitt von unter 1,5 Toren pro Spiel, und zwei Saisons in Folge mit einer negativen Tordifferenz. Beides ebenfalls zuletzt in der v.g. Ära.
- In 08/09 der schlechteste Saisonstart von Werder seit 1977/78.
- In der Heimtabelle nie besser als Tabellensechster.
- Im Schnitt wurde ca. jedes 3. Auswärtsspiel in den beiden letzten Jahren mit 3 Toren Unterschied verloren, dabei in 31 von 34 Auswärtspartien mindestens einen Gegentreffer kassiert.
- Nimmt man einen Querschnitt der Platzierung der letzten vier Jahre (10-3-13-9) kommt man auf 8,75, d.h. Platz 8 bis 9 und über diesen Zeitraum kann man schon nicht mehr von einem Ausrutscher sprechen, daß ist schon ein Trend.
- Nur ein Sieg gegen Schalke am Samstag kann noch die schlechteste Rückrunde in 48 Buli-Jahren von Werder verhindern.
Ich habe die v.g. Stichpunkte
hieraus aktualisiert. Wohlgemerkt, in diesen Jahren standen meistens nicht überwiegend Rookies, sondern überwiegend Bundesliga- und international erfahrende Spieler auf dem Platz. Und deshalb stehe ich zu den drei darunter stehenden Absätzen
nach wie vor unverändert, auch und besonders nach nur 2 Siegen aus mittlerweile 16 Partien in dieser Rückrunde.