Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet Werder, das leuchtende Beispiel für solides Wirtschaften in der Bundesliga, einmal solche Schlagzeilen liefert, die im Übrigen in ihrer Wirkung weitaus verheerender sind, als die bloße Tatsache, dass man erst wieder einkaufen wird, wenn man Spieler abgegeben hat.
In der Wahrnehmung vieler werden diese Schlagzeilen so ankommen, dass Werder Pleite sei - und nur wenige werden es so sehen, dass es gerade eine solche Vorgabe ist, die solides Wirtschaften ausmacht.
In jedem Fall allerdings muss man die Frage stellen, wo das ganze Geld geblieben ist, auch, wenn sie realistisch betrachtet, ziemlich simpel zu beantworten ist: Es ist ins Stadion geflossen, in für Bremer Verhältnisse hohe bis sehr hohe Gehälter - und in teure Fehleinkäufe.
Sowohl die Flops, als auch die in einigen Fällen wohl deutlich überzogenen Gehälter, fallen in das Ressort von Klaus Allofs, wie es auch die Leistungsstärke der aktuellen Mannschaft tut. Nach Jahren sehr guter Arbeit zwischen den Spielzeiten 1999/2000 und 2006/2007 wurde plötzlich schlampig gearbeitet - und jegliche aufgebaute Substanz bis zum Ende der vergangenen Saison verbraucht.
Wir sind in den Spielzeiten von 2007/08 bis 2010/11 nicht wegen der Transferpolitik dieses Zeitraums Pokalsieger, Vizemeister, Europapokalfinalist und zweifacher Champions-League-Teilnehmer gewesen, sondern trotz dieser!
Die in diesem Zeitraum verpflichteten Spieler hießen:
2007/08:
Nico Pellatz
- ablösefrei, aber auch ohne jeglichen Wert für die Profis.
Carlos Alberto
- 7,8 Millionen, die nichts außer Ärger brachten.
Boubacar Sanogo
- 4,5 Millionen, die für einen gerade beim HSV gefloppten Durchschnittsstürmer schlichtweg viel zu viel Geld waren, wenngleich der Deal anschließend noch ein gutes Ende durch den Verkauf an St.Etienne nahm.
Sebastian Boenisch
- 3,5 Millionen für einen Durchschnittsverteidiger, der bereits zu Schalker Zeiten nicht gerade als Verletzungsresistent bekannt war und seine relativ hohe Ablösesumme bislang noch nicht rechtfertigen konnte.
Dusko Tosic
- 1,8 Millionen für einen Spieler zweifelhaften Charakters, der im Laufe seine Bremer Zeit mehr Unruhe stiftete, als auf dem Platz Leistung sprechen zu lassen.
Mesut Özil
- 4,25 Millionen, die sich voll auszahlten. Absoluter Volltreffer!
2008/09:
Claudio Pizarro
- 1,5 Millionen Leihgebühr an den FC Chelsea, die sich absolut auszahlten
Niklas Andersen
- Ablösefrei von Rot-Weiß Essen, war sicher einen Versuch wert und brachte zumindest die U23 ein Stück weiter.
Said Husejinovic
- 900.000 für ein vermeintliches Talent, das mehrere Wochen zur Probe hier war, verpflichtet wurde, um dann als absolut untauglich für die Bundesliga gebrandmarkt zu werden.
Marko Futacs
- ca. 650.000 für ein vermeintliches Talent, das niemand kannte, die ersten sechs Monate nicht einmal in der U23 eingesetzt werden durfte, letztlich an Ingolstadt ausgeliehen wurde, um anschließend seinen Vertrag aufgrund von perspektivlosigkeit aufzulösen.
Sebastian Prödl
- 2,5 Millionen für einen jungen Innenverteidiger, der diese Ablösesumme in den vergangenen Jahren durchaus rechtfertigte und Fortschritte erkennen ließ.
Alexandros Tziolis
- 250.000 Euro Leihgebühr an Panathinaikos für einen spielerisch limitierten defensiven Mittelfeldspieler, der die Erwartungen nicht erfüllen konnte und selbst für vergleichsweise kleines Geld (2,0 Millionen) nicht per Option verpflichtet wurde. Insgesamt dennoch einen Versuch wert.
Jose Alex Ikeng
- Ablösefrei vom VfB Stuttgart, nachdem dieser ihn suspendiert hatte. Trotz bereits erlittenem Kreuzbandriss zu Stuttgarter Zeiten durchaus einen Versuch wert, schließlich galt Ikeng zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung als eines der größten Talente seines Jahrgangs in Deutschland. Für die U23 durchaus sinnvoll, für die Profis letztlich ohne Wert.
2009/10:
Marko Marin
- 8,2 Millionen für einen zwar sehr guten Mittelfeldspieler, für den man allerdings bis heute keinen festen Platz im System gefunden hat - und den man ein Jahr später ablösefrei hätte bekommen können, nachdem er sich auf Werder festgelegt hatte.
Sandro Wagner
- 350.000 Euro für einen talentierten Stürmer, den man im Sommer hätte ablösefrei haben können - was keinen Unterschied gemacht hätte, da Wagner zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung an einem Kreuzbandriss laborierte.
Tim Borowski
- 750.000 Euro zzgl. Gehaltsentschädigungen für einen Mittelfeldspieler, der hier jahrelang zum Inventar zählte, seine beste Zeit hinter sich hatte und den SV Werder nur ein Jahr zuvor ablösefrei richtung München verlassen hatte.
Claudio Pizarro
- 2 Millionen Euro, um aus dem Leihgeschäft einen Kauf zu machen. Diese haben sich absolut ausgezahlt, wie auch die 1,5 Millionen Euro Leihgebühr, die zuvor entrichtet wurden.
Aymen Abdennour
- 200.000 Euro Leihgebühr für einen jungen Linksverteidiger, den man wochenlang testete, um nach erfolgtem Kauf zu dem Schluss zu kommen, dass er nicht ansatzweise den Ansprüchen der Bundesliga genügt.
Marcelo Moreno
- 1,5 Millionen Euro Leihgebühr für einen Stürmer, den man schon ein Jahr zuvor gerne für 6 Millionen Euro gekauft hätte, obwohl schon damals prominente Stimmen der Meinung waren, Moreno würde, ähnlich wie Carlos Alberto, nicht nach Deutschland passen. Nach nur einem halben Jahr beendete man das Leihgeschäft.
2010/11:
Marko Arnautovic
- 6,2 Millionen für einen Spieler, der unbestritten ein Riesentalent ist, bei Inter Mailand aber nur eine Hand voll Spiele absolvierte und als extrem schwieriger Charakter verschrien war. Zumindest dieses bestätigte Arnautovic in seinem ersten Jahr hier.
Samuel
- Ablösefrei aus Sao Paulo, allerdings absolut außen vor und ohne Einsatz geblieben.
Mickael Silvestre
- Ablösefrei aus London - ein Deal, der sich durchaus hätte auszahlen können, wäre da nicht der Knorpelschaden in diesem Sommer dazwischen gekommen.
Wesley
- 7,5 Millionen, die bislang nur in Ansätzen gerechtfertigt wurden, auch, weil eine langwierige Verletzung dazwischen kam.
Denni Avdic
- 2,2 Millionen für einen Torjäger aus der schwedischen Liga, der allerdings nach eigener Aussage noch nicht Bundesliga-Ready war, als er verpflichtet wurde - und auch in der Folge selten das Vertrauen des Trainers erhielt.
Felix Kroos
- 150.000 Euro für ein Talent, das gute Ansätze zeigte und in der U23 eine gute Rolle spielte.
Predrag Stevanovic
- 100.000 Euro für ein Talent, das ebenfalls gute Ansätze zeigte und in der U23 durchaus aufzufallen wusste.
Unterm Strich hat Werder für 26 Spieler in den vergangenen 4 Jahren ca. 56,8 Millionen Euro verpflichtet, wirklich ausgezahlt haben sich allerdings nur Özil, Marin und Pizarro, während man wohlwollend betrachtet Wesley, Boenisch, Prödl und Borowski noch zu Spielern erklären kann, die zumindest nicht gefloppt sind.
Der größte Teil der in den letzten vier Jahren verpflichteten Spieler jedoch floppte - was ein verheerendes Bild auf den Scoutingstab, aber auch auf Allofs wirft, der es zudem nicht verstand, Spieler früh an Werder zu binden. Da, wo Leverkusen einen Helmes solange bequatschte, bis dieser seinen Vertrag in Köln absaß und ablösefrei wechselte, zahlte Werder für einen Marin 8,2 Millionen Euro - obwohl auch dieser ein Jahr später ablösefrei zu haben gewesen wäre.
Vom unrühmlichen Umstand, dass man sich offenbar mit vielen günstigen Talenten (Holtby, Gündogan, Leitner, L.Bender, S.Bender, Gebhardt, etc.) gar nicht erst beschäftigt hat, einmal abgesehen, hat man bei den sogenannten Talenten, die man dann verpflichtet hat, zwar in den meisten Fällen zumindest eine gute Absicht erkennen können, einige machten sogar Sinn, aber nicht in dieser Vielzahl. Alleine Husejinovic und Futacs haben zusammen über 1,5 Millionen Euro gekostet, die völlig verbrannt waren.
Bei allem Respekt vor der Arbeit von Allofs in den ersten sieben Jahren seines Wirkens - das Maß ist voll, und ich denke, dass man seinen Vertrag keinesfalls verlängern darf, wenn es in dieser Saison keinen deutlichen Aufwärtstrend zu verzeichnen gibt.