Falls es jemand lesen möchte...
Lost in Cancellation
Und wir war'n nur zum Baden da...
Sommertrainingslager Norderney. Wie jedes Jahr schmeißen wir unser Trikot, ein Handtuch und ne Pulle Sonnencreme in den Rucksack und machen uns morgen früh auf den Weg nach Norderney. Doch dieses Jahr kommt alles ein bisschen anders. Aufgrund von Zeit- und Geldmangel beschränken wir unseren alljährlichen Bootcampbesuch der Grün-Weißen dieses Mal nur auf einen Tag, um das Testspiel zu sehen. Sonst ist eigentlich alles wie immer. Bei schönstem Wetter erreichen wir Norddeich, springen auf die Fähre, die auch wie jedes Jahr schon wieder ordentlich mit in Trikots gehüllten Menschen gefüllt ist, und genießen beim Fußballplausch die ruhige Überfahrt.
Von den ersten Wolken am Anleger der Insel lassen wir uns nicht abschrecken, nach der enormen Hitzewelle in Deutschland könnte man die windigen Böen fast genießen. Kurz Karten fürs Spiel besorgen, noch eben Mittagessen und dann gen Strand. Aber nicht bevor wir noch eben ein paar Uerdinger begrüßen. Alle mit der 10 auf dem Rücken. Alles Ailton, oder was?
Wir sind gerade auf dem Weg zur Milchbar, die uns natürlich mal wieder unseren traditionellen Besuch abverlangt, als eine grün-bläuliche Gewitterwand mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und fast schon beunruhigender Schönheit, die wir mit Faszination in unsere Digitalkameras stopfen wollen, auf uns zurollt.
Wir rennen, retten uns in letzter Minute in die Milchbar, als eine Tornado artige Front aus Blitzen, Regen, Wind und Donner über uns hinweg rollt. Macht nichts, wir sitzen ja im Trockenen (auch wenn wir nun festsitzen), denken wir uns sorglos bei einer gepflegten Tasse Milchkaffee und überdimensionalen Portionen von Milchreis.
Es könnte ja alles so sorglos sein, Gewitter ziehen schließlich auch irgendwann vorbei, jedes Kind weiß das.
Die alten Herren am Nebentisch wissen aber auch: So ein Fußballplatz ist dann trotzdem erst mal nass.
Da haben sie irgendwie Recht und das macht uns schon ein bisschen nervös. Lieber noch mal Kaffee nach kippen...
Der Kaffee tut Wirkung, denn ich höre plötzlich überall stimmen. In der Milchbar wimmelt es nur so von Stimmengewirr aus dem immer wieder die Worte Spiel und abgesagt zu mir durchdringen. Wir halten das für ein Gerücht, rufen Dieter Zeiffer an, als unsere Handys im abklingenden Gewitter wieder Empfang finden. Unsere Angst wird bestätigt, das Spiel gegen den KFC Ailton ist verschoben worden. Auf morgen.
So lange können wir auf keinen Fall bleiben, schlendern erst mal schockiert und enttäuscht am Strand entlang. Und lassen dann unumgängliche Taten folgen. Tickets zurück, Geld wieder her, es bringt ja alles nichts.
Na ja, jetzt haben wir ja noch ein bisschen Zeit bis die nächste Fähre fährt, der Sportplatz an der Mühle ist nicht weit.
Wir einigen uns spontan auf eine Platzbegehung. Wir möchten mindestens einen Meter Wasser auf dem Rasen stehen haben oder wir gehen da nicht wieder weg, ehe da irgendwer einen Ball für uns durch die Gegend schiebt.
Gesagt getan, leicht lustlos schlendern wir gen Sportanlage. Und dann dreht sich der Tag endlich ein wenig. Der Sportplatz hat zwar wirklich ein wenig gelitten und sieht aus wir ein Sumpf in Florida, am Eingang steht aber wenigstens der Mannschaftsbus von Werder Bremen und der hat Mannschaft auch gleich mitgebracht. Der (so gut wie es eben ging) komplette Kader trainiert auf dem Trainingsplatz gleich nebenan. Das kann ich zwar auch jeden Tag nur 10 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt in Bremen haben, aber es bringt ja alles nichts, man isst an solchen Tagen wohl einfach das, was auf den Tisch kommt.
Das Wetter ist inzwischen wieder bombastisch, wir genießen die Sonne am Trainingsplatz während ein paar Halbwüchsige Fans neben uns wohl alles nur gut meinen, aber unseren Neuzugang derbe in die Verwirrung treiben.
Marko, wie heißt du denn eigentlich?
Eine fast schon philosophische Frage, die Arnautovic irgendwie nicht beantworten kann. Wer mag es ihm verübeln? Er kann nur lächelnd vorbeigehen, donnert als Antwort ein paar Bälle an den Zaun. Danke für die Blumen.
Doch die Bande gibt so schnell nicht auf. Michael Kraft ist der nächste.
Wie heißt du denn eigentlich?
Kraft nimmt's gelassen.
Tiger, antwortet er ganz forsch. Keine weiteren Fragen? Nein.
Unterdessen scheint Petri Pasanen eine Privataudienz (kurz Rehaprogramm) auf einer durchpflügten und mit Flatterband zum Trainingsplatz erklärten Wiese zu geben. Ich will mich gerade am Rande der Wiese niederlassen und keinen Finger mehr rühren, als meine sowieso schon sporadisch geflickte Lieblingshose den Geist aufgibt. Der Tag wird immer besser.
Bringt alles nicht, ab ins Gebüsch, Badeshorts anziehen, dann erfüllen die wenigstens auch noch irgendeinen Zweck. Ich hab's gerade gepackt und kämpfe mich durch einen Urwald von Brennnesseln, als hinter mir jemand durchs Unterholz hackt.
Petri und der Fiesiotherapeut haben einen Ball verloren und Petri rückt den Brennnesseln mit einem angelrutenlangen Stock zu Leibe, in dem er wie ein irre gewordener Ureinwohner auf der Suche nach etwas Essbarem auf ihnen rumholzt. Ich kann das ganze Dilemma so langsam mit Humor nehmen.
Kurz vor Ende der Trainingseinheit müssen wir dann aber los, die Fähre wartet, oder eben auch nicht, wenn wir uns nicht auf die Socken machen. Auf dem Weg treffen wir unsere Freunde aus Uerdingen wieder. Es müssen an die Hundert sein und die lassen sich die Party nicht verderben und vertreiben sich schon am Anleger die Zeit mit Gesängen von Und wir ham mal wieder nicht verlor'n über Europapokal, Europapokal bis hinzu Und wir war'n nur zum Baden da.
Einige von ihnen fahren zurück nach Norddeich und kehren morgen auf die Insel zurück nachdem der KFC sogar noch versucht hatte, den Fans auf der Insel ein Quartier zu besorgen. Doch die Insel platzt wie jedes Jahr auch ohne die Fußballfans aus allen Nähten.
Umso bunter wird die Rückfahrt in der wunderschönen Abendsonne, die fast schon ironisch auf Norderney und uns herab lacht und sich schier einen Spaß daraus macht, dass eine halbe Stunde Unwetter uns so aus der Bahn werfen kann.
Die Uerdinger singen weiter, bringen den Möwen auf der Überfahrt das Apportieren bei und erfreuen sich der Botschaft, dass am Anleger angeblich ihre Mannschaft schon auf sie wartet. Wir trauen unseren Ohren kaum. Meinen die das ernst?
Ja, das meinen sie ernst. Die Fähre läuft um ca. 20:15 in Norddeich Mole ein und wir trauen unseren Augen kaum. Voller Faszination und fast schon ein bisschen Bewunderung blicken wir herunter auf den Anleger, an dem sich die Mannschaft des KFC Uerdingen (leider ohne Ailton) versammelt hat und ihre Fans begrüßt. Die sind gerüchteweise heute Abend erst mal auf einen Drink ins Mannschaftsintern eingeladen. Und irgendwie bezweifeln wir das auch nicht, als die Mannschaft dann unten auf ihre Fans trifft und geschlossen mit diesen von dannen zieht. Leicht ungläubig bleiben wir mit 6-7 anderen Werderfans, die unser Schicksal teilen, schockiert und leicht verlassen am Anleger stehen, bevor diese sich endlich aufraffen und ihre Autos aufsuchen. Wir bezweifeln, dass uns irgendjemand in Empfang nehmen wird, wenn wir hier noch länger rumstehen.
Der Tag nimmt sein Ende, als wir durch das vom Sturm leicht verwüstete Ostfriesland den Weg nach hause antreten. Wir sind an diesem Punkt weniger enttäuscht über ein verpasstes Testspiel als irgendwie müde von der Fahrt, erstaunt über ein paar Uerdinger und sogar ein bisschen amüsiert über den Verlauf des Tages, der auf einem rot-blauen Partyschiff in der Abendsonne irgendwie ein skurriles Ende nahm.
Morgen werden erst mal Fotos gesichtet. Wetterphänomene, Brennnesselschlachten und ein paar Fans irgendwie nicht von diesem Planeten.