Da derzeit die Frage nach der Fortsetzung der Bundesligasaison in aller Munde ist, möchte ich auch kurz (naja, kurz ist relativ
) darstellen, weshalb ich dies in der aktuellen Situation für eine falsche Reaktion halte und welche Maßnahmen ich für die zukünftige Gestaltung der Bundesliga für sinnvoll halten würde.
Vorab möchte ich jedoch klarstellen: Ich kann den Wunsch der Profiklubs und der Führungsriege der DFL um Präsidiumssprecher Christian Seifert prinzipiell absolut nachvollziehen, die Bundesliga möglichst zeitnah fortzusetzen. Die Vereine machen sich berechtigte Sorgen darum, wie die massiven finanziellen Einbußen getragen werden können. Und so sehr ich auch die DFL und ihr rein wirtschaftliches Gerede vom „Produkt Fußball“ immer wieder und vor allem in letzter Zeit massiv kritisiere, darf man nicht vergessen: Die DFL ist im Prinzip nichts anderes als Interessensvertretung der Klubs der 1. und 2. Bundesliga und handelt daher auch in deren Auftrag und Sinne. Es ist also bequem, meinen eigenen Klub aus der Kritik rauszuhalten und allein auf Seifert und Kollegen „einzudreschen“, aber inkonsequent.
Wenn man über einen möglichen Saisonabbruch nachdenkt, muss man sich zudem auch immer bewusst machen, dass bei finanziellen Engpässen oder (im absoluten Worst Case) sogar drohenden Insolvenzen von Bundesligavereinen nicht nur Millionen Fanherzen leiden und die Arbeitsplätze von gut bezahlten Profifußballern wegfallen könnten. Schließlich hängen hunderte weitere Arbeitsplätze in der gesamten Republik direkt (bspw. Ticketcenter-Mitarbeiter*innen, Catering-Angestellte, Teambusfahrer*innen) oder indirekt (bspw. an Kiosken, Hotels, Bahnhöfen und Imbissbuden in Bundesligastädten) an den Klubs.
Außerdem eine weitere wichtige Vorbemerkung: Natürlich vermisse ich selbst den Fußball enorm. Es gibt nur wenig Schöneres, als samstagmorgens mit guten Freund*innen bei ein paar Bier ins Stadion zu fahren, die Mannschaft 90 Minuten in einem stimmungsvollen Stadion bedingungslos nach vorne zu peitschen und danach im Idealfall mit einem Sieg im Rücken gemeinsam glücklich nach Hause zu fahren.
Das alles ist aber angesichts der weltweiten Corona-Pandemie derzeit schlichtweg nicht möglich, ganz egal, was wir davon halten. Eine Fortsetzung der Bundesligasaison wäre einzig mit Geisterspielen vor leeren Rängen möglich. Aus zahlreichen Gründen halte ich dies für keine gute Idee:
1. Gesundheitliche Aspekte
Die DFL hat für die Fortsetzung der Saison ein umfangreiches Schutzkonzept entwickelt. Während ich als medizinischer Laie einfach meine persönliche Meinung wiedergebe, hat die DFL bei der Erarbeitung des Konzeptes sicherlich interdisziplinär Expert*innen zur Rate gezogen. Trotzdem muss gesagt werden: Ein reines Konzept bringt nichts, wenn es nicht von allen Beteiligten konsequent eingehalten wird oder werden kann.
Und an der konsequenten Einhaltung bestehen erhebliche Zweifel. Wer diese nicht bereits zuvor hatte, dürfte sie spätestens nach Sichtung des gestrigen skandalumwobenen Facebook-Livestreams von Salomon Kalou (Hertha BSC) haben. In dem Video sieht man zahlreiche Verstöße gegen das DFL-Konzept: Die Spieler begrüßen sich gegenseitig mit Handschlägen oder Faustgrüßen, die Spieler sitzen dicht an dicht nebeneinander, die geforderte Minimierung der Aufenthaltszeit der Spieler in der Umkleidekabine scheint niemanden zu interessieren, die Verwendung von Türgriffen wird in keiner Form vermindert, und Hertha-Physiotherapeut David de Mel nimmt beim Corona-Test bei Jordan Torunarigha den Abstrich ohne die vorgeschriebene Schutzkleidung. Dass es insgesamt eine absolute Unart von Kalou war, ohne Einverständnis oder Wissen der Mitspieler*innen und des Funktionsstabs einen Livestream aus Umkleide und Behandlungsräumen zu senden, steht außer Frage. Daher hat die Kritik an anderen Personen auf dem Video einen faden Beigeschmack. Trotzdem finde ich es bezeichnend, dass sowohl Hertha als auch die DFL lediglich Kalou kritisieren bzw. bestrafen, aber keine Worte für die offensichtlichen Verstöße gegen das Schutzkonzept durch Mitspieler, Funktionsstab und Klub findet bzw. diese sogar entschuldigt wie gestern Hertha mit der Behauptung, dass Kalous „Mitspieler zum Handschlag genötigt“ wurden. Ernsthaft?
Ich bin überzeugt davon, dass viele Spieler und Vereine das Konzept konsequenter umsetzen als Kalou und Hertha im Video, aber ich halte es auch für viel zu optimistisch, einfach anzunehmen, dass ausgerechnet die einzige unrühmliche Ausnahme von Undercover-Enthüllungsjournalist Kalou aufgedeckt wurde. Dazu passt auch die Aussage von Jörg Schmadtke, Manager des VfL Wolfsburg, der laut WDR kürzlich sagte, dass er wisse, dass andere Vereine bereits wieder Zweikämpfe geübt haben, als das noch strikt untersagt war.
Ich behaupte sogar, dass die Ernsthaftigkeit der Infektionsgefahr noch immer nicht überall in der Bundesliga angekommen ist. So nehmen viele die Gefahr von COVID-19 für Profisportler*innen mehr oder weniger offen als vernachlässigbar hin. Dabei sei auf Hans-Joachim Watzke verwiesen, der kürzlich in der Sportschau ausführte: „Die aktuelle Gesundheitsgefahr für eine Mannschaft, die aus kompletten Athleten besteht und auf dem Rasen trainiert, die würde ich, auch ohne Virologe zu sein, als nicht so gravierend einstufen. Wir sollten jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.“ Es stimmt natürlich, dass statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf für professionelle Athlet*innen gering ist, aber man darf nicht vergessen, dass auch bei einer geringen Wahrscheinlichkeit schwere Verläufe nicht unmöglich sind. In dem Zusammenhang sei auf Bundesligaspieler Anfang 20 verwiesen, die von einem verhältnismäßig schweren Verlauf ihrer Erkrankung berichteten. Noch viel heftiger ist aber ein Fall in Frankreich: Dort musste der 23-jährige Profi Junior Sambia (HSC Montpellier) nach einem positiven Test auf COVID-19 sogar ins künstliche Koma versetzt werden.
Genauso wichtig ist es zudem, zu bedenken, dass auch Profifußballer mit Angehörigen zusammenleben können, die zu Risikogruppen gehören. Vor wenigen Tagen sprach beispielsweise Birger Verstraete (1. FC Köln) offen an, dass er sich bei einer Fortsetzung der Bundesligasaison Sorgen um seine Freundin machen würde, die aufgrund einer Herzkrankheit zur Risikogruppe gehören würde. Auch die halbherzige Relativierung nach Intervention der Klubführung ändert nichts daran, dass dieses Szenario mitbedacht werden muss. In diesen Fällen stellt sich auch die Frage, inwiefern Profifußballer die Möglichkeit haben, sich frei gegen die Teilnahme am Spielbetrieb (oder Training) zu entscheiden.
Aufmerksamkeit sollte man zudem auch dem Fakt schenken, dass die Fortsetzung der Bundesligasaison nicht nur für die Spieler ein erhöhtes Infektionsrisiko bedeuten würde. Trainer- und Funktionsteams sind in der Kabine und am Spielfeld unverzichtbar. Und auch für die Betreibung der Stadien und für Fernsehübertragungen und Berichterstattung müssen zahlreiche Menschen vor Ort sein. Und ob die körperliche Verfassung aller Zeugwärt*innen und Mitarbeiter*innen in der Stadionregie so gut ist wie die der Spieler, dürfte ernsthaft bezweifelt werden.
Zudem darf sich der Blick beim Thema Infektionsschutz nicht allein auf die die Stadien richten. Denn auch fernab der Spielorte hätte eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs viele Folgen, indem sich an tausenden Orten Fans versammeln würden, um die Spiele gemeinsam zu verfolgen. Und dabei denke ich ausdrücklich nicht an angebliche Fanansammlungen vor Stadien. Die organisierten Fankurven haben sich so gut wie überall bereits erklärt, dass sie sich nicht während der Spiele vor den Stadien versammeln würden. Diese Behauptungen sind mMn in aller erster Linie unangebrachte Schuldzuweisungen (Grüße gehen raus an den Bremer Innensenator Ulrich Mäurer).
Aber: Geht die Bundesliga wieder los, führt das mit Sicherheit dazu, dass sich Fans in Gruppen bei jemandem zu Hause treffen und dort die Spiele verfolgen. Sollte die Übertragung wie bisher im PayTV bei Sky, Eurosport/DAZN erfolgen wird der Effekt natürlich noch mehr gesteigert, da dann viele Menschen Freund*innen mit PayTV-Zugang besuchen werden, aber auch bei Übertragungen im Free TV – wie sie teilweise bereits gefordert wurden – wird tausendfaches Rudelgucken und damit eine deutliche Verbreitungsbeschleunigung des Corona-Virus die Folge sein. Fußball ist und bleibt in erster Linie ein Gemeinschaftserlebnis und die Austragung von Livespielen würde meiner Einschätzung nach unweigerlich dazu führen, dass viele Fans die Spiele auf keinen Fall allein schauen möchten und einander besuchen werden.
2. Sportliche Aspekte:
Auch aus sportlicher Sicht halte ich eine Saisonfortsetzung für keine gute Idee, da sie die Chancenungleichheit in der Bundesliga nur noch weiter verstärken würde.
Infektionen mit dem Corona-Virus werden mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auch bei Spielern und Verantwortlichen in den kommenden Wochen nicht völlig zu verhindern sein. Jetzt könnte man leichtfertig denken: „Ja gut, aber auch in einer regulären Saison können Spieler verletzt oder krank ausfallen. Wo ist der Unterschied?“ Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Infektion eines einzigen Spielers mit dem Corona-Virus zur Quarantäne mehrerer Mitspieler oder sogar des gesamten Teams führen könnte. Schon jetzt ist bspw. das gesamte Team von Erzgebirge Aue in Quarantäne. Sollte in zehn Tagen die Zweite Liga wieder starten, wäre Aue klar im Nachteil in der Vorbereitung. Wie kann da von Chancengleichheit gesprochen werden?
Zugespitzt stellt sich weiterhin die Frage: Wie geht die DFL damit um, wenn nach Wiederbeginn der Saison ein Verein seine Spieler tatsächlich in die Teamquarantäne schicken muss (und das ist bei einer konsequenten und ernsthaften Testung ziemlich wahrscheinlich)? Fällt die Quarantäne über das Wochenende, muss das Spiel ausfallen. Und auch wenn das Team rechtzeitig zum Wochenende wieder aus der Quarantäne raus wäre, wäre es ausgesprochen unfair, wenn ein Team direkt aus der Hausquarantäne gegen eine Mannschaft, die die gesamte Woche trainieren durfte, antreten muss. Ganz abgesehen davon, dass ein Kaltstart aus der Quarantäne in den Spielbetrieb die Verletzungsgefahr der Spieler deutlich erhöhen könnte. Auch hier wären Verschiebungen also unumgänglich.
Und wie sollen derartige Verschiebungen gehandhabt werden? Die Saison kann angesichts der Vertragsenden hunderter Spieler nach heutiger Rechtslage nur bis maximal zum 30. Juni 2020 laufen. Bis dahin müssen neun volle Bundesligaspieltage, zwei Relegationsspiele und ein Nachholspiel ausgetragen werden, wobei nach DFL-Richtlinien zwingend mehr als zwei volle Tage Pause zwischen zwei Spielen liegen müssen, wie die DFL noch in dieser Rückrunde ausgiebig dargelegt hat. Dabei sollten die beiden letzten Spieltage im Sinne der Vermeidung von taktischen Ergebnissen komplett zeitgleich stattfinden. Und in all diesem enormen Terminierungsstress ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass bei einer Saisonfortsetzung auch die Austragung von zwei DFB-Pokalrunden sowie jeweils Achtel-, Viertel-, Halbfinal- und Finalspielen in Europa League (noch drei deutsche Teams im Wettbewerb) und Champions League (noch zwei deutsche Teams) auf der Tagesordnung stehen dürfte. Denn wie soll man sonst Pokalhalbfinalist 1. FC Saarbrücken erklären, dass die Bundesliga dringend ausgespielt werden muss, aber deren beste Pokalsaison der Geschichte nicht ausgespielt werden kann?
Übrigens wäre eine Chancengleichheit in der Bundesliga auch ganz ohne die zu erwartenden Quarantäne-Maßnahmen gegen einzelne Teams nicht gegeben. Schließlich sind die Trainingsbedingungen der Teams seit Wochen ausgesprochen ungleich. Diese Woche durfte bspw. der SC Paderborn bereits am Montag ins Teamtraining starten, während Werder dies frühestens ab Donnerstag darf. Noch gravierender: Werder durfte wochenlang nur in Vierergruppen trainieren, während der potenzielle erste Gegner (Köln) immerhin in Zwölfer-Gruppen trainieren konnte. Dass dies massive Auswirkungen auf die Startbedingungen nach einer Ligafortsetzung haben dürfte, ist offensichtlich
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3. Gesellschaftliche Aspekte:
Politiker und Manager führten als Argument für die Fortsetzung der Saison immer wieder ins Feld, dass dies Menschen trösten und von der schwierigen Gesamtsituation ablenken könnte. Natürlich ist dies nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Aber auch hier darf der Fußball sich nicht erhöhen. Wenn ich beispielsweise Ralf Rangnick, Boss der gleichförmigen Red Bull Fußballfilialen rund um den Globus sagen höre, dass Fußball allein „aus psychologischer Sicht“ wichtig sei „für die gesamte Menschheit", verliere ich jedes Verständnis für die Forderung der Saisonfortsetzung. Außerdem vermissen viele Fans den Fußball ja nicht nur wegen dem Spielgeschehen während der 90 Minuten, sondern auch wegen des Gesamterlebnisses. Die Stimmung und Gemeinschaft im Fankollektiv können aber bei Geisterspielen nicht rüberkommen, dass hat man meiner Meinung nach schon sehr eindrucksvoll bei den bisherigen Geisterspielen in dieser Saison erleben müssen.
Zudem muss man sich klar machen, dass die so oft von Politik und Funktionären behauptete psychologische Relevanz praktisch auch enorme negative Emotionen auslösen wird. Steigt der geliebte Verein ab oder verliert einen sicher geglaubten Titel, findet man als Fan im Stadion oder der Fußballkneipe zumindest Gleichgesinnte, mit denen man sich gegenseitig trösten und wiederaufbauen kann. Schwieriger wird es, wenn man den Titelverlust/Abstieg allein in Isolation vor dem Fernseher hinnehmen muss.
Ein weiteres gewichtiges Argument gegen die Saisonfortsetzung ist aus meiner Sicht der große Testaufwand in der Liga. In Deutschland konnten in den vergangenen Wochen auf Grund von mangelnden Testkapazitäten vielerorts auch Menschen mit Infektions-Symptomen nicht getestet werden. Die Konsequenz lautete für diejenigen, die sich testen lassen wollten, Ungewissheit oder auch eine teilweise nicht notwendige Selbstisolation oder Quarantäne. Derweil in der Bundesliga Bundesliga: Gemäß dem DFL-Schutzkonzept werden jetzt alle Spieler regelmäßig getestet. Pro Woche (!) macht die Fortführung der Saison etwa 3.600 Tests nötig. Bei etwas acht verbleibenden Saisonwochen bis Ende Juni wären das etwa 28.800 Tests. Selbst wenn die Testkapazitäten momentan ausreichen sollten (danach sieht es nach Expert*innen aus), stellt sich die Frage, was passiert, wenn sich die Verbreitungsgeschwindigkeit des Virus während der kommenden Wochen beschleunigt und wieder mehr Tests in der Gesamtgesellschaft benötigt werden. Kann man riskieren, dass jemand nur deshalb nicht auf eine Infektion getestet werden kann, damit die Bundesliga weiterlaufen kann? Außerdem: Die aktuellen Testkapazitäten reichen auch nur deshalb aus, weil andere Berufsgruppen eben anders als Profifußballer nicht regelmäßig getestet werden. Wäre es nicht sinnvoller, Personen aus systemrelevanten Berufsgruppen eine regelmäßige Testung zu ermöglichen, bevor man dies in der Bundesliga anordnet? Wichtiger müsste es doch sein, dass Kassierer*innen, Erzieher*innen oder Lehrkräfte diese Möglichkeit hätten. Andernfalls könnte dies zu großem Unmut führen.
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