Ich muss sagen, dass ich nach dem Spiel super frustriert ins Worum gegangen bin. Darüber, dass wir uns erneut selbst um unseren verdienten Lohn gebracht haben. Jetzt schüttel ich vor allem den Kopf über einige Kommentare hier, aber vor allem in den sozialen Netzwerken. Faire Kritik ist produktiv und absolut berechtigt, aber teilweise werden hier Kohfeldt, Baumann und das Team gnadenlos zerrissen.
Natürlich läuft es gerade nicht perfekt und wir hätten eigentlich mit dem Aufwand, den wir betreiben mehrfach mehr Punkte sammeln müssen. Laufen Kleinigkeiten anders hat holt man aus Spielen in Dortmund und Leipzig sowie zu Hause gegen Hoffenheim 5-7 Punkte und doch steht man am Ende mit nur einem einzigen Punkt da. Das ist zu wenig und ist nicht alleine mit Pech zu erklären und es muss dort angesetzt werden. Und da muss sich auch das Trainerteam kritisch hinterfragen. Hätte man in Stuttgart und heute zwangsläufig nach dem Ausgleich noch derart offensiv wechseln müssen oder hätte man nicht versuchen sollen, irgendwie die Punkte mitzunehmen? Wie können wir mit weniger Aufwand Tore machen? Alles keine einfachen Fragen, aber ich bin mir sicher, dass Kohfeldt die Winterpause nutzen wird, um alles zu durchdenken und so gut wie möglich zu optimieren. Da habe ich keine Zweifel, dass er sich zurücklehnt und sich sagt, dass die Hinrunde ja schon ganz ordentlich war. Kohfeldt ist realistisch und doch sehr ehrgeizig.
Außerdem sehe ich viele positive Aspekte an unserem Trainerteam. Kohfeldt hat eine klare, mutige Spielidee, die er konsequent (wenn für meinen Geschmack teilweise fast schon zu konsequent) durchziehen möchte. Außerdem scheint er eine Mannschaft gut führen zu können, wie ihm von allen Seiten immer wieder bescheinigt wird (unter anderem von Sahin und Claudio, die in ihren beeindruckenden Karrieren bereits mit großen Trainern zusammengearbeitet haben). Außerdem gelingt es ihm, den Nachwuchs einzubauen und junge Spieler passend zu fördern. Das hat er bei Milos, Maxi und Jojo bewiesen und derzeit scheint er auch Milot und Josh mehr und mehr einzubauen. Außerdem fallen wir nur noch selten auseinander (bisher eigentlich nur gegen Leverkusen). Ein Spiel wie das heutige hätten wir in der Vergangenheit oft genug mit 0:4 oder 0:5 abgeschlossen, stattdessen lassen wir den Kopf nicht hängen, sondern versuchen alles, um das Spiel umzubiegen. Die wenigen Punkte im letzten Hinrundendrittel nerven ungemein, aber man muss auch die Gegner berücksichtigen. Sehr ärgerlich, dass wir trotz passabler Spiele kaum Punkte gesammelt haben, aber viel bitterer waren aus meiner Sicht die verschenkten Punkte gegen Hannover, Nürnberg, Stuttgart, Mainz und Freiburg. Das sind letztlich die Punkte, die uns fehlen und nicht jene in Leipzig oder Dortmund.
Spielerisch ist die derzeitige Werderspielweise trotz frustrierender Punkteausbeute gravierend besser als 80% von dem, was wir unter Dutt, Skripnik und Nouri gesehen haben. Zumindest unter den beiden letztgenannten gab es ja auch durchaus erfolgreiche Phasen, aber die beruhten meiner Meinung nach weniger auf dem Gesamtkonstrukt als auf teilweise viel Matchglück und gute Phasen von Einzelspielern (di Santo, Pizarro, Gnabry, Junos Freistöße). Natürlich ist es am Ende entscheidend, dass wir Punkte sammeln. Dennoch kann ich mich mit der derzeitigen Spielweise trotz leichtfertig vergebener Punkte viel besser identifizieren wie mit dem damaligen Fußball, in dem man sich einfach hinten reinstellte und den Ball nach vorne prödelte. Ich glaube, dass es sich lohnt, Trainer und Team Zeit zu geben und dass sich das mittelfristig auch tabellarisch auszahlen wird. Daher finde ich jegliche Forderungen nach einem Trainerwechsel zum jetzigen Zeitpunkt daneben. Vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass wir ja dann erst einmal einen besseren Trainer finden müssen. Unter allen realistischen und derzeit freien Trainern sehe ich ehrlich gesagt niemanden, den ich hier lieber als Cheftrainer sehen würde.
Ich jedenfalls glaube an Kohfeldt und bin optimistisch, dass wir eine gute Rückrunde spielen werden..