Was da soeben im Doppelpass gesagt wurde, waren Meinungen von Leuten, die über keinerlei Insiderwissen verfügen, überhaupt nicht in der Lage sind, diese Situation bei Werder richtig einzuschätzen und sich über manche Dinge einfach nicht äußern sollten.
Ist der Kader tatsächlich zu schlecht? Sage ich rigoros nein.
Ein Fritz hat es vorher bewiesen, sowohl in der Nationelelf als auch bei Werder, dass er es anders kann. Gleiches trifft auf Frings zu. Nur muss den Spielern klargemacht werden, dass sie sich nicht ewig auf diesen Lorbeeren ausruhen können, sondern sich täglich neu beweisen müssen. Und da hapert es gewaltig bei uns. An dieser Stelle kann ich sogleich den nahtlosen Übergang zu dem Umstand bringen, dass von der Bank zu wenig Druck kommen soll, was auch dieser Fussball-Legasthetiker von der Bild im Doppelpass von sich gegeben hat.
Kommt wirklich zu wenig Druck? Ein Özil war überdurchschnittlich stark, als Diego fehlte, schon zu Saisonbeginn, als der bei Olympia weilte und jetzt wieder, als der gesperrt war. Trotzdem musste Özil zum zweiten Mal wie schon zu Saisonanfang zurück auf die Bank. Nach einem Spiel gegen Mailand, wo er mal nicht so überzeugte? Wir können den Jungen auch künstlich das Selbstvertrauen rauben! Und was kam von Diego? Vranjes spielte, als Frings fehlte - und absolut nicht schlecht, er war sogar einer der wenigen neben Baumann, der den flachen Pass in die Tiefe zu spielen verstand. Niemeyer spielte gegen Bielefeld - und gehörte zu den vier besten Werder-Spielern auf dem Platz, danach war dennoch wieder Bank angesagt. Was soll das? Stattdessen spielen Alteingesessene wochenlang wie vorher schon völlig unter ihren Möglichkeiten, dafür aber immer wieder. Dieses streckenweise lethargische Auftreten hat mE klare Ursachen.
Der Kader ist nicht zu schwach, auch die Bank nicht. Aber es muss etwas geschehen, sowohl Etablierte müssen begreifen, dass ihr gerade erst verlängerter Vertrag und das viele Geld keine Ruhekissen sind und Spieler von der Bank dürfen nach einem Spiel, wo sie auch noch nicht schlecht waren, ruhig weiter ihre Chance bekommen. Doch das, was derzeit passiert, macht jeglichen Leistungsgedanken kaputt. Und da liegt mMn der Hund begraben. Jede Woche wundern wir uns, dass die Mannschaft ein Tor nicht erzwingen kann (oder nicht will?) und hinten immer wieder nicht energisch genug bei der Sache ist. :zweifeln:
Dann aber zwei Aussagen im Doppelpass, die mMn durchaus richtig waren, kamen 1.) von Wontorra: ,,Werder - gefangen in seiner eigenen Philosophie?" und 2.) ,,Werder hat das Spielermaterial für die Raute nicht mehr, spielt aber weiter so wie 2004. Schaaf hat die Leute für sein System, das er spielen will nicht."
Sieh an, sieh an, jetzt merken es schon die Medien. Und Werder?
Zuerst einmal denke ich, dass man antizyklisch denken sollte.
Natürlich scheint es jetzt so, dass man im Grunde (fast) alle Spieler abgeben, den Trainer entlassen und das ganze Spielsystem auf den Kopf stellen sollte.
Aber dabei unterschätzt/ignoriert man, dass Werder mit all dem auch schon erfolgreich war. Und praktisch wären diese Konsequenzen auch nicht richtig praktikabel.
Die Schwächen des Trainers, einzelner Spieler und des Spielsystems kommen zur Zeit voll zum Tragen:
Trainer: Schaaf ist, das war auch zu besseren Zeiten so, relativ wenig experimentierfreudig, hält an allem möglichen, vor allem am Spielsystem fest. Aber das war Jahrelang erfolgreich und kann nicht per se schlecht sein.
Spieler: Bei den einzelnen Spielern hat man es zur Zeit zu tun mit einer sehr unguten Mischung aus
- Talenten, die aber sehr ungeschliffen sind und in dieser Situation nicht weiter helfen geschweige denn dem Team Halt geben (Boenisch, Almeida, mit Abstrichen Özil)
- festen Größen, erfahrenen Spielern, die dauerhaft schwach spielen und so ihrer Aufgabe nicht gerecht werden wie vor allem Frings und Fritz, aber auch Rosenberg. Auch Pasanen wird man dazu zählen müssen.
- Dazu kommen weitere Spieler, die in guten Zeiten vielleicht Führungsspieler und Leistungsträger sind, aber die, ohne dass sie richtig schwach wären, auch zu sehr mit sich beschäftigt oder allgemein zu introvertiert sind, als dass sich andere Spieler an ihnen hoch ziehen könnten: Pizarro, Baumann, Naldo, Diego.
Dazu kommt, dass diverse Spieler durch ihr unprofessionelles Verhalten auch nicht gerade zur Besserung beitragen.
Erschwerend kommt auch dazu, dass sich aufgrund gewisser Undiszipliniertheiten oder der Olympiateilnahme Diegos, aber auch vieler Verletzungen Ereignisse in dieser Saison keine Mannschaft einspielen, aber vor allem auch kein Gerüst bilden konnte, auf das man bauen kann.
Spielsystem:
Jedes Spielsystem hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile von Werders Spielweise waren jahrelang überragend und überspielten gewisse Schwächen.
In dieser Saison ist es geradezu umgekehrt: Brillante Spiele, die über die Offensive gewonnen werden sind die Ausnahme (Bayern, Hoffenheim, Hertha), Spiele, bei denen man Mannschaften unterliegt, die Werders Schwächen ausnutzen, dominieren klar:
Werders Offensive beißt sich immer öfter die Zähne gegen massive, konzentrierte Defensivreihen aus.
Das eigene Spiel erscheint schematisch, pseudo-druckvoll. Es gibt kein geeignetes Mittel, solche eng stehenden Defensivreihen auszuhebeln als ständiges Anrennen. Oft besteht dabei das Chancen- besonders das Torschussplus aus halben oder Drittelchancen z.B. Weitschüssen.
Symptomatisch ist das Verhalten bei Freistößen, das an Phantasielosigkeit nicht mehr zu überbieten ist.
Und selbst wenn es viele Chancen gibt tritt die Schwäche auf, dass die Chancenverwertung zu wünschen übrig lässt, selbst bei einem quantitativ erfolgreichen Stürmer wie Pizarro, erst recht bei Almeida und Rosenberg.
Allerdings muss man dabei sehen, dass es im Gegensatz zu früher sehr selten geworden ist, dass sie in gute Schusspositionen gebracht werden.
Außerdem krankt das Spiel bei eigenem Ballbesitz daran, dass ständig Ballverluste drohen. Kann Diego diese noch häufig abwenden, wenn auch auf Kosten jeglichen Spielflusses, hat Özil schon eine größere Streuung und Frings ist zur Zeit ein großes Sicherheitsrisiko.
Fehlpässe sind bei einem so offensiv ausgerichteten Spiel wie dem Werders unvermeidlich, gerade Özil kann man da im großen und ganzen keinen Vorwurf machen.
Das Problem ist aber, dass die Balance zwischen Offensive und Defensive, zwischen eigenem und fremdem Ballbesitz, das Defensivverhalten und das Umschalten von Offensive auf Defensive absolut katastrophal sind (Beispiel das Verhalten vor dem Cottbuser Siegtor, als Werder nur ein paar Sekunden vorher noch eine große Chance zum eigenen Sieg hatte)
Der eine Journalist beim Doppelpass, ich glaube es war Klaus Bellstedt, hat schon recht, wenn er hier einen Hauptgrund für Werders Misere festmacht: Werders Spielsystem ist auf eine absolut funktionierende Raute angewiesen, wie sie z.B. im Meisterjahr von Baumann, Lisztes, Ernst und Micoud gespielt wurde. Im Moment hängt das ganze aber ziemlich windschief:
Baumann ist immer noch wichtig, aber mit der Zeit nicht schneller und spritziger geworden, Frings ist unsicher im Passspiel, wirkt relativ langsam und auch geistig nicht fix genug, weder nach vorne noch nach hinten. Jensen und Özil sind teilweise ok, aber es fehlt z.B. eine "Arbeitsbiene", wie sie Lisztes im Meisterjahr war, d.h. nicht nur die einzelnen Bestandteile der Raute haben ihre Probleme, sondern auch die Zusammenstellung ist problematisch.
Diego ist, ich kann es nur immer wiederholen, als Einzelspieler überjeden Zweifel erhaben. Zudem kann man ihm nicht vorwerfen, sich nicht zu bemühen oder kein Mannschaftsspieler zu sein.
Dennoch ist es so, dass er es nicht konstant schafft, die Mannschaft auf ein höheres Niveau zu heben, wie es Micoud gelang, er ist zu sehr Einzeldarsteller, der den Rest des Teams von sich abhängig macht.
Gerade bei den Außenspielern ist es besonders krass, dass die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht mehr stimmt. Zu häufig passieren hier Ballverluste und vor allem zu häufig führen Ballverluste zu Torchancen oder Gegentoren, weil Stellungsfehler passieren, das taktische Verhalten mies ist und vor allem auch, weil es in Werders aktueller Spielweise keine funktionierenden Sicherungssysteme für den Fall von Ballverlusten gibt, keine persönliichen Absicherungen, die es z.B. den Außenverteidigern ermöglichen würden, nach vorne zu stoßen.
Hier haben die Innenverteidiger auch Aktien an der Misere, zudem ist Naldo deutlich schwächer als er es sein könnte, ansonsten kann man die Misere an ihnen ähnlich wenig festmachen wie an den Torhütern, auch wenn Vander sicher kein Spitzenmann ist und Wiese häufig ein Risiko, wenn er die Linie verlassen muss.
Aber Vander strahlt Ruhe und Solidität aus wenn er einspringt, und Wiese spielt eine verleichsweise solide Saison ohne viele Ausreißer nach unten.
Ich denke, Werder hat in punkto Spielweise strukturelle Schwächen - Umschalten, Balance zwischen Offensive und Defensive. Diese werden allerdings zur Zeit durch das Fehlen von Erfolgen immens verstärkt.
Es ist im Grunde schon mitleiderregend zu sehen, wie es Werder zuletzt immer wieder schaffte, einen enormen und im Vergleich zum Gegner viel höheren Aufwand zu betreiben, aber im Ergebnis zu sehen, dass nicht annähernd so viel an Chancen geschweige denn an Toren heraus kam.
Werders Spielsystem ist erkennbar in einer Sackgasse, die so aussieht, dass es regelmäßig so ist, dass es unheimlich schwer ist, zu Chancen und zu Toren zu kommen, während gegnerische Chancen und Tore immer sehr leicht zustandekommen.
Hier sind natürlich erstmal bei vordergründiger Betrachtung die individuellen Fehler und die Chancenverwertung zu nennen. Aber das ist aus meiner Sicht nicht ausreichend.
Denn wenn man Werder auf dem Platz zusieht, dann ist das weitaus mehr als eine Frage von einzelnen Sekundenereignissen.
Denn Werder macht - was sicher durch die Misserfolge zustande kommt bzw. verstärkt wird - den Eindruck von jemandem, dem etwas nicht gelingt und der, anstatt sich Rihe und Distanz zu den Ereignissen zu nehmen, durchzuatmen, umso verbissener, wütender, aber eben auch kopfloser zu Werke geht - wie jemand, der versucht, mit dem Kopf voran durch eine Mauer zu gehen und als das nicht gelingt, es immer wieder und wieder mit stärkerem Anrennen und mehr Wucht versucht. Analogien sind immer so eine Sache, aber ein Schachspieler, der mit seinem offensiven Spiel keinen Erfolg hat, wird das Problem auch nicht lösen, indem er sämtliche Figuren irgendwie in die gegnerische Hälfte schiebt und dabei zwangsläufig diverse Figuren ungedeckt sind und keine Deckung vorhanden ist.
Wie gesagt: Es ist im Moment schwer zu trennen zwischen den eigentlichen, aber überwindbaren strukturellen Problemen und der Verschärfung durch die aktuelle Lage. Deshalb glaube ich nach wie vor nicht, dass es die Lage erfordert, pauschal 10 Spieler rauszuschmeoßen und/oder den Trainer.
Aber es ist auch nicht damit getan, mit individuellen Fehlern zu hadern und auf Erfolserlebnisse zu bauen und zu glauben, dass dann wieder alles in Ordnung kommt.
Meiner Meinung nach müssen sowohl einzelne Spieler als auch der Trainer auf den Prüfstand.
Warum der Trainer? Sicher kann er nicht auf den Platz springen und die Tore selbst machen oder Deckungsfehler ausbügeln.
Aber das Verhalten auf dem Platz gehört dennoch zum Aufgabenbereich des Trainers und wenn dieses wie in dieser Saison permanent und/oder immer wiederkehrend völlig falsch ist, dass muss es der Trainer sein, von dem man verlangen muss, Mittel und Wege zur Besserung zu finden. Zumindest perspektivisch.
Eine solche Misere hat in der Regel eine Eigendynamik, die auch einen Trainer machtlos macht. Aber auf die Dauer ist er es, der hier in der Verantwortung steht.
Was die Spieler betrifft, halte ich einen gewissen Umbruch nach der Saison für notwendig. Dabei wäre der Akzent weniger wie zuletzt immer stärker auf ein irgendwo schlummerndes Potential und auf ausschließlich offensiven Qualitäten zu legen, sondern auf Soldidität, Verwendbarkeit bezügl. Defensivverhalten und vor allem das (taktische) Verhalten auf dem Platz, d.h. ob den Spielern zuzutrauen ist, den Überblick zu behalten, sich auch bei gegnerischem Ballbesitz vernünfig zu verhalten, nicht nur das gegnerische Tor zu sehen, sondern auch das eigene, das Tempo zu variieren.
Das muss nicht notwendigerweise ein Komplettumbruch sein. Mit wenigen Ausnahmen ist das vorhandene Spielermaterial auch in Zukunft verwendbar, wenn es in eine ausbalanciertere Ausrichtung und in eine bessere Mischung der einzelnen Spieler eingebettet wäre.
Aus meiner Sicht ist es (zumal angesichts der drohenden Einnahmeverluste des intermatonalen Geschäfts) daher sinnvoll, ein Abgeben von Diego zu prüfen.
Sicher würde Werder damit hohe spielerische Qualität abhanden kommen. Aber das bedeutet nicht nur Verlust, sondern auch die Chance auf einen Neuaufbau, sowohl finanziell als auch spielerisch.
Ob das mit Schaaf als Trainer möglich ist, weiß ich nicht, aber es wäre zu wünschen. Im Moment macht er den Eindruck, den Ereignissen relativ machtlos gegenüber zu stehen.
Aber er hat ja schon mal ein erfolgreiches Team aufgebaut. Und Werder erinnert zur Zeit stark an die Jahre 2000 bis 2003, als immer wieder großes Potential aufschien, aber auch das taktische Verhalten auf dem Platz die große Schwäche war, was dazu führte, dass man lange Zeit nicht zu dem Erfolg kam, der immer wieder möglich schien.
Allerdings glaube ich kaum, dass es mit einem reinen "Augen zu und durch. Wird schon wieder" getan ist. Auch nicht mit einem simplen Austausch von Spielern, die man zu individuellen Sündenböcken erklärt.
Dazu ist es zu offensichtlich, dass nicht nur Werders Spielweise Abnutzungserscheinungen zeigt.
Sondern es ist auch so, dass die anderen Mannschaften inzwischen deutlich besser in der Lage sind, Werders Stärken zu neutralisieren und aus Werders Schwächen Kapizal zu schlagen. Und dass es schwieriger geworden ist, mit einem rein angriffsorientierten Spielsystem Erfolg zu haben.
MFG dkbs