Das 0:1 gegen Augsburg ist vor allem in der Entstehungsgeschichte interessant. Schaut es euch nochmal an und ihr werdet sehen, dass da für Werder typische Probleme zum Tragen kommen.
Augsburg hat an ihrer linken Seite auf Höhe der Mittellinie den Ball. Der Abstand von Mittelfeld und Viererkette ist bei uns sehr groß und vor allem klafft ein riesen Loch zentral vor der Abwehr. Der Ball wird diagonal nach vorne verlagert. Logisch, da das Werder-Mittelfeld sehr weit verschoben ist. Schon zum Abspielzeitpunkt des langen Balles befindet sich Juno einer Überzahl im Zentrum gegenüber und kann nicht annähernd den zentralen Bereich abdecken. Da Ruf nach einem zweiten 6er, der hier häufig laut wird, findet bei diesem Tor seine Berechtigung. Der würde bei dieser Szene wohl abgekippt zu Juno im Zentrum agieren und hätte dadurch das Tor wahrscheinlich verhindern können. Denn der Augsburger, der bei der diagonalen Verlagerung im Mittelkreis steht, hätte dadurch einen Gegenspieler gehabt. Hatte er aber gestern nicht. Hunt ist weiter vorne und Juno orientiert sich zum ballnahen Augsburger im Zentrum. Achtet auf den angesprochenen Spieler, der aus dem Mittelkreis kommend ganz allein zentral vor der Abwehr rumläuft. Nachdem der Augsburger Außenspieler den Ball durch die Verlagerung erhält, bekommt er als nächster den Ball. Vor unserer Viererkette ist weiterhin ein unglaublich riesiges Loch... Ab 1:27 Min.: Der Augsburger Außenspieler zieht nach innen in den freien Raum. Sokratis ist gegen den Spieler im Zweikampf. Prödel hat den Stürmer gedeckt und Fritz steht eingerückt (hinter ihm der spätere Torschütze). Es gibt keine Doppelmöglichkeiten. Kein zentraler Mittelfeldspieler kann von hinten Druck auf den ballführenden Spieler machen oder Musona aufnehmen. Der Spieler aus dem Mittelkreis (keine Ahnung wie der heißt) behauptet den Ball und spielt auf den Außenverteidiger, der dann die Torvorlage macht. Ein zweiter 6er hätte in dieser Situation schon frühzeitig dafür gesorgt, dass der zentrale Augsburger nicht vom Mittelkreis bis zu Sokratis ungestört marschieren kann und hätte ihn schneller bei Sorkatis unter Druck gesetzt. Verhaegh hätte außen nicht so viel Platz bekommen, da Elia und Schmitz sich nach innen zu Sokratis orientieren. Warum beide Sokratis unterstützen wollen, ist auch zu hinterfragen. Unnötig, aber durch schlechte Raumaufteilung kommt eins zum anderen. Verhaegh hätte statt zu flanken auch Musona zentral vor der Kette anspielen können, der immer noch mutterseelenallein ist. Auch diesen Pass hätte er bei einem zweiten 6er wohl nicht als Option gehabt bzw. wäre das nicht gefährlich, denn ein zweiter 6er hätte dann von der Kette abgesichert Musona attackieren können. Verhaegh wäre von Elia und Schmitz mehr unter Druck gesetzt usw. Daher bin ich der Meinung, dass ein zweiter 6er das Tor verhindert hätte. Von mir aus kann die Aufteilung der vorhandenen Mittelfeldspieler auch anders aussehen, aber solche Löcher sind einfach tödlich und bei uns für Profifußball mit internationalen Ambitionen (noch) zu häufig vorhanden.
Meiner Meinung nach müssten bei besseren Abständen und besserer Raumaufteilung auch unsere Innenverteidiger nicht so häufig so weit rausschieben, wodurch sie bei Flanken im Zentrum fehlen und wir so für Kopfbälle anfälliger werden. Unsere Innenverteidiger müssen aber häufig zum Helfen raus, da mit dem Mittelfeld zu wenig Kompaktheit hergestellt wird. Besagter Augsburger Mittelfeldspieler (der aus dem Mittelkreis kommt) muss in dieser Situation von Sokratis gestellt werden, da kein Werder-Mittelfeldspieler in der Nähe ist. Ist jetzt vielleicht in der Szene nicht das Hauptmerkmal, aber in anderen Szenen ist mir das schon häufiger aufgefallen. Außerdem müssen unsere Außenverteidiger häufig in Angriffen durch das Zentrum extrem weit einrücken, da vor der Abwehr ein riesen Loch ist und sie die Nahtstellen schließen wollen, dafür ist dann am Flügel sehr viel Platz (war bspw. gegen Freibung auffällig). Mehr Kompaktheit im Mittelfeld würde dem ebenfalls Entgegenwirken.
Es ist einfach taktisch noch sehr viele Luft nach oben. Die Frage, die ich mir stelle, ist die Idee einfach zu anspruchsvoll für unser Niveau. Müssen wir so spielen? Ich bin auch ein Fan von Offensivfußball und manche Kombinationen unserer Offensivakteure sehen in Ansätzen auch toll aus, obwohl ich finde, dass wir uns für die offensive Ausrichtung zu wenig Chancen aus dem Spiel heraus erspielen. Das kann ja auch noch kommen. Offensiv-dominante Pläne brauchen Zeit. Doch wenn man so offensiv spielen will, braucht man zuerst Antworten in der Defensive. Was ist unser Plan in der Defensive? Das sieht mir teilweise sehr improvisiert und wenig abgestimmt aus, vor allem in den Spielen, in denen wir auch offensiv und dominant spielen wollen. Möglicherweise wären wir erfolgreicher mit einem tieferem Mittelfeld (evtl. mit zwei 6ern) und dann mit schnellem Umschaltfußball, aber wenn wir nun mal ein Alleinstellungsmerkmal durch offensives Spektakel brauchen und die Verantwortlichen der Meinung sind ihre hohen Ziele erreichen zu können, dann kann man auch ein dazu passendes und relativ konstant funktionierendes Defensivkonzept erwarten und das fehlt mir bisher in zu vielen Situationen. Nach dem gestrigen Spiel gerate ich ins Schwanken, dass wir es in absehbarer Zeit zu sehen bekommen. Die Befürchtung, wiederkehrend solche Spiele sehen zu müssen, gewinnt an Oberhand.