Ich sehe das so wie GunM@n und der Linienrichter. Was hier wieder abläuft ist das tiefe Verlangen nach Entertainment und Spektakel, Feuerwerk eben, an dem man sich in diesen grauen Zeiten wärmen kann. Dass dabei unfertige Spieler (und Charaktäre) ohne Bedenken durch die übersteigerten Erwartungen in Geiselhaft genommen werden stört Keinen wirklich, schon gar nicht diejenigen, die hier angeblich für die Jugend eine Lanze brechen wollen. Sich auf dem Niveau der BuLi zu etablieren ist allerdings immer noch ein schweres Stück Arbeit, das ja auch nicht jeder aus unserer 2. Reihe der Profis auf Dauer geschafft hat. Dennoch wird von Jahrhunderttalenten gesprochen, kommenden Stars und Hoffnungsträgern für eine rosigere Zukunft.
Wenn ich mir diese Beiträge so durchlese, erkenne ich sehr deutlich, dass es gar nicht um einen oder zwei Einsätze geht, sondern natürlich um Durchbrüche, die geschafft und damit Leistungsträger, die geboren werden sollen. Spieler und deren "Berater" nehmen solch eine Stimmung natürlich durchaus gerne auf. Das aber zum Beispiel der Gewinner der Fritz-Walter-Medaille von 2005, Florian Müller nach seinem Weggang von Bayern II zum 1.FC Magdeburg nun bei Alemania Aachen spielt, zeigt wie wenig Automatismus zur großen Karriere in solch einer Ehrung steckt.
Dass das Geheule eines Diekmeier aber auch innerhalb der Fans Gehör findet, hat aus meiner Sicht zwei, nein drei Gründe:
1. Der Wunsch nach neuen frischen Gesichtern als Hoffnungsträger und vor allem als Identifikationsfiguren ist in der jetzigen Situation besondern hoch, weil in den Augen vieler der jetzige Kader zu einem nicht unwesentlichen Teil seinen Kredit und damit diese Rolle verspielt hat. Darum müssen neue Spieler her, darum müssen sie aber auch aus der EIGENEN Jugend kommen. Unsere "Zugekauften" Jünglinge erfüllen das Kriterium des Stallgeruchs nicht (jedenfalls jetzt noch nicht) und zählen deshalb auch nicht als Hoffnungsträger gemäß der gewünschten Definition. Warum diese Debatte um Jugendspieler z.B. vor zwei Jahren in dieser Härte nicht geführt wurde, möge sich jeder selbst beantworten.
2. Die Stimmung unserer gesamten Führungsriege gegenüber ist derzeit in weiten Teilen der Anhängerschafft ebenfalls bis in die Grundfesten erschüttert. Die Ernüchterung nach fünf Jahren Rausch mit Tabellenspitze und CL-Teilnahme wird nämlich nicht der eigenen Maßlosigkeit und dem eigenen Verlust aller Maßstäbe angekreidet, sondern KATS, die schliesslich dafür verantwortlich sind, dass die Party immer schön weitergeht. Und da sie das nicht hinkriegen, steht ihre Kompetenz in ALLEN Angelegenheiten in Frage. Wer störanfällige, menschliche Sportler nicht in unkaputtbare, erfolggarantierende Roboter verwandeln kann, der hat natürlich auch keine Ahnung, wie man mit Jugendspielern umgeht. Wer Tosic und Carlos Alberto verpflichtet, kann Talent gar nicht erkennen, nicht mal,wenn es in der eigenen Jugend spielt und DFB-Ehrungen bekommt.
3. Und weil es inzwischen grundsätzlich völlig aus der Mode ist, sich mit Fakten zu befassen und auch mal die möglichen Motivationen der handelnden Personen zu analysieren. Ebenso wie die eigenen Einblicke in die Hintergründe vernünftig einzuordnen und seinem persönlichen Empfinden weniger Raum bei der Meinungsbildung zuzugestehen. Stattdessen wird aus dem eigenen Bauch eine Mördergrube gemacht und wild drauf los geschlagen, auch auf Grundlage von Gerüchten und/oder vagen Berichten interner Geschehnisse. Die freie Mutmaßung und die zur Tatsache erhobene Behauptung sind dabei das Rüstzeug der "Kritiker" bestehender Verhältnisse.
Darüber, was in diesem Zusammenhang der Begriff Verantwortung bedeutet würde ich gerne man diskutieren. Es ist leicht gefordert, einen 19jährigen von Anfang an zu bringen. Keiner derjenigen, die diese Forderungen wiederholen, weiß den Stand seiner Ausbildung oder seiner mentalen Verfassung zu beurteilen (oft der Spieler selber nicht!), oder muss den Spieler wieder aufrichten, wenn es nach hinten los gegangen ist. Keiner hier muss den Eltern Rede und Antwort stehen. Nein dafür gibt es ja die sportliche Führung, die den seelischen Müll des letzten Brandopfers entsorgen muss, während in den Foren schon die Fackel an den nächsten, vermeintlichen Jungsstar gelegt wird.
Wie so oft, wünsche ich mir weniger Hysterie, weniger Verleumdung und weniger schwarz-weiß Malerei. Mut zu mehr Differenzierung, mehr sachlicher Analyse, Beachtung des Für und Wider von Entscheidungen und Beurteilung auf Basis der Rolle, die wir alle nun mal inne haben, der des geneigten Zuschauers. Auch so liesse sich immer noch trefflich anderer Meinung sein und emotional engagiert debattieren, aber mit etwas mehr Niveau und sachlichem Gehalt.