Schönreden tut nicht Not, schlechtreden aber auch nicht.
Richtig. Insgesamt kann man nur sagen, dass man bei Werder zur Zeit auf immer noch hohem Niveau unzufrieden ist. Das spricht für die Arbeit der letzten Jahre, aber auch für das gegenwärtige Niveau. Es ist ja nicht so, dass Werder gegen den Abstieg kämpfen würde.
Das heißt aber nicht, dass man keine Kritik üben dürfte und mir persönlich reicht es auch nicht - auch wenn es für sich genommen notwendig ist! - nur auf Ruhe und Geduld zu setzen, bis die alte Erfolgsserie wieder von selbst beginnt. Denn diese Saison hat mit aller Deutlichkeit gezeigt, dass und wo es bei Werder hakt. Und das war nicht erst in dieser Saison so, aber bisher konnte das immer überspielt werden. Das Problem daran war, dass die Defitite wahrscheinlich nicht richtig wahrgenommen wurden.
- Die teilweise mangelnde Defensivarbeit im Team.
- Das Fehlen einer systematischen defensiven Ordnung.
- Die teilweise schlechte Raumaufteilung: Kontergegentore, Schwäche bei zweiten Bällen.
- Fehlende Balance zwischen Offensive und Defensive, mangelhaftes Umschalten von Ballbesitz auf Spiel gegen den Ball.
- Das zu starke und offenbar unter dem Eindruck der Erfolge und des Gefeiert-Werdens immer weiter verstärkte Betonen spielerischer Elemente gegenüber taktischen und kämpferischen.
- Das damit zusammenhängende Spezialisieren des Personals auf die o.g. Stärken – und Schwächen! – sowie auf die reine Perspektive bzw. Jugend und der Abbau von Erfahrung, Cleverness.
Für mich ist die Hoffnung darauf, dass Werder sich im Sinne des Gewesenen wieder findet, eher Plan B (wobei das umgekehrt natürlich das Beste wäre) da ich zu sehen glaube, dass man damit zwar immer noch z.B. in der Bundesliga genug Gegner bzw. Opfer findet, um alle paar Spiele mal 4 bis 6 Tore zu schießen oder ein-bis zweimal pro Halbserie ein großes Spiel zu zeigen.
Aber um tatsächlich nahtlos an die wirklich große Zeit der jüngeren Vergangenheit anzuschlie0en, fehlen Werder m.E.
- ein bisschen die Klasse bzw. die Ausgeglichenheit im Kader
- Erfahrung bzw. Spieler, an denen sich junge Talente aufrichten können bzw. an deren Seite sie wachsen können, und die ein Spiel strategisch lesen und bestimmen können und die vor allem druckresistent sind, ein großes Manko der gegenwärtigen Mannschaft,
- sowie Gegner, die das zulassen: Werder ist einfach in einer anderen Situation als vor drei, vier oder fünf Jahren. Nicht nur, dass der Druck zugenommen hat und die Mannschaft inzwischen an Erfolge und Spitzenplätze in der Tabelle gewohnt ist; auch die Gegner wissen, wie sie gegen Werder zu spielen haben und inzwischen gibt es je nach Werders Form fast genausoviele oder mehr Teams, jedenfalls deutlich mehr Teams als früher, die Werders Spiel ausgucken und so in der Lage sind, Werders Stärken zu neutralisieren, gegenüber Teams, gegen die Werders Offensivfußball noch so richtig funktioniert.
Zudem habe ich den Eindruck, dass die Entwicklung des Fußballs hin zu zwar aktivem, aber auch sehr aus einer stabilen Defensive geführtem Spiel dazu geeignet ist, Werders Spielweise etwas den Zahn zu ziehen, zumindest da, wo es um die Wurst geht.
In der jetzigen Situation liegt daher die Chance, und das ist durchaus positiv, sich Gedanken zu machen, wie es perspektivisch weitergeht: Ob man sich in der Lage sieht, sich so zu entwickeln, dass das Alte so bleiben kann; ob eine Umorientierung an bestimmten Stellen notwendig ist, sei es bei der Spielweise, sei es beim Personal, sei es bei beidem im Zusammenhang. Oder ob man sogar zu drastischeren Maßnahmen greifen muss. Ich kann von außen kaum bis gar nicht beurteilen, welcher dieser Wege der Richtige ist (wobei ich den zweiten bevorzugen würde), aber ich denke, dass es zumindest angebracht ist, sich diesen Fragen zu stellen.
MFG dkbs